Ein Spitzel als Zeuge

Brisante Enthüllung beim Prozess um die russische Gruppe »Neue Größe«

  • Von Ewgeniy Kasakow
  • Lesedauer: 2 Min.

Nicht nur im Zusammenhang mit den Wählerprotesten sorgen politische Repressionen in Russland für Aufregung. Vor einem Jahr verkündete die Regierung die Zerschlagung einer »extremistische Organisation«. Jetzt wurde der Autor ihres Statuts als vermeintlicher Spitzel enttarnt und damit die politische Brisanz des Prozesses weiter verschärft.

Im März 2018 hatten russische Behörden zehn Personen festgenommen, denen die Gründung der »extremistischen Organisation« mit dem wenig aussagenden Namen »Nowoje Welitschije« (»Neue Größe«) vorgeworfen wurde. Acht Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 17 und 39 Jahren sollen angeblich einen Staatsumsturz geplant haben. Seitdem bekannt wurde, dass neben den zehn verdächtigen mindestens vier Mitarbeiter der Behörden bei der Organisation aktiv mitmachten, lässt die Kritik an dem Verfahren aus den oppositionellen Kreisen nicht nach.

Nach der Festnahme sagte der Angeklagte Ruslan D. unter dem Namen Alexander Konstantinow umfassend aus. Nun behaupten die oppositionellen Medien, die wahre Identität von Ruslan D. aufgedeckt zu haben - Rodion (Radu) Selinski, ein in Moldawien geborener IT-Spezialist, der in verschiedenen sozialen Netzwerken prorussische Statements postete. Die Angeklagten haben ihn auf den Fotos identifiziert.

Die Ursprünge der angeblichen Geheimorganisation lassen sich bis November 2017 zurückverolgen. Die zukünftigen Teilnehmer haben sich im Telegram- Chat der Anhänger von Wjatscheslaw Malzew kennengelernt. Malzew, ein ehemaliger Milizionär aus Saratow, war seit den 90ern politisch aktiv. Via Internet gründete Malzew die Bewegung »Artpodgotowka« (»Artillerie-Vorbereitung«) und rief dazu auf, am 5. November 2017 eine »Revolution« durchzuführen. Zu der Aktion erschienen lediglich 1000 Personen, von denen 250 festgenommen wurden.

Nach diesem Fiasko begannen einige junge Anhänger der Bewegung, sich im Chat über weitere Perspektiven zu unterhalten. Daraus entstand die »Neue Größe«. Die Initiative, eine eigene Organisation zu gründen, ging von einem gewissen Ruslan D. aus - er mietete ein vorsorglich verwanztes Büro und schrieb dort das Gruppenstatut.

Die Anwälte der Angeklagten verweisen auf die Protokolle der Netzkommunikation, aus denen hervorgeht, dass »Ruslan D.« die Jugendlichen zu »konkreten Taten« aufstachelte und die zweifelnden Mitglieder vom Verlassen der Gruppe abhielt. Auf seine Initiative fanden Schießübungen und Molotow-Coctail-Wurftrainigs statt. Während in staatlichen Kanälen eine reale Bedrohung durch die Gruppe suggeriert wird, sieht man bei den oppositionellen Kinderfotos mit Wellensittichen. »Staat kämpft gegen unschuldige Kinder«, so die Botschaft. Neben dem Prozess gegen das angebliche Antifa-Netzwerk »Set«, gehört der Prozess der »Neuen Größe« zu den wichtigsten politischen Gerichtsverfahren in Russland. Die Urteile stehen noch aus, ob die neuesten Enthüllungen einen Einfluss darauf haben werden, ist unklar.

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