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Die Banalität des Guten

Pia Klemp hat über ihre Arbeit als Seenotretterin von Flüchtlingen einen Roman geschrieben

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 5 Min.

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Mit einer seefrauischen Raubeinigkeit beschreibt Kapitänin Klemp den Alltag an Bord eines Rettungsschiffes.
Mit einer seefrauischen Raubeinigkeit beschreibt Kapitänin Klemp den Alltag an Bord eines Rettungsschiffes.

Eine Kapitänin sticht mit einer Crew aus Hippies, Punks, Weltverbesserern und »2200 PS wahrer Liebe« in See. »Eigentlich darf man niemandem erzählen, was hier abgeht«, schreibt Pia Klemp am Anfang ihres Romans »Lasst uns mit den Toten tanzen«, der Anfang September erscheint.

Mit den Seenotrettungsschiffen »Sea-Watch3« und »Iuventa« haben sie und ihre Crews mehr als 1000 Flüchtende vor dem Ertrinken gerettet. Seit in Italien gegen sie ermittelt wird (Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung) und sie deshalb keine Einsätze mehr fahren kann, trägt sie den Kampf nun aufs literarische Parkett. Doch wer die große Erzählung vom Kampf um Leben und Tod und dem Schicksal Europas erwartet, wird zumindest auf den ersten Seiten enttäuscht.

Mit der gewissen seefrauischen Raubeinigkeit beschreibt Klemp den Alltag an Bord eines Rettungsschiffes - und der ist erst einmal eher banal als heroisch. Da wird heimlich Dosenbier im Maschinenraum getrunken, werden falsche Knoten geknüpft, da wird geflucht und sich gestritten, da wird sich verliebt, gefingert und in den saften Wogen des Meeres gevögelt. All das, was eben passiert, wenn sich 20 junge Menschen für mehrere Wochen auf wenigen Quadratmetern zusammenpferchen. Es sind keine Profis, die dort einen abgetakelten Stahlkoloss auf der Suche nach Menschen durch die Wellen vor der Festung Europa navigieren.

Erst die Abwesenheit einer europäischen Rettungsmission, ausgestattet mit nautisch geschultem Personal, hat diese Menschen dazu gebracht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Kapitänin Klemp ist eine der wenigen Personen an Bord, die das tun, was sie gelernt haben. Der Großteil der Crew besteht aus Amateuren - zumindest, bis die ersten Echos von Flüchtlingsbooten auf dem Radar auftauchen.

Mehrere Tage hat die Crew gebraucht, so berichtet es Klemp in ihrem Roman, der mehrere ihrer tatsächlich erlebten Einsätze nacherzählt, bis das Schiff in der Such- und Rettungszone angekommen ist. Mehrere Tage, die mit Übungen verbracht werden, dem Versuch, aus Leichtmatrosen Seemänner zu machen. Mit viel Kaffee und Kippen. Warten ist anstrengender als Retten, schreibt Klemp. Und dann stehen die ersten Bergungen an - es sind gleich mehrere. Wenn sich die Wogen auf dem Mittelmeer glätten und ein ablandiger Wind weht, starten in Libyen Boote voll mit Flüchtenden.

Die Beschreibung der europagemachten Misere ist schwer auszuhalten: Ein Holzboot mit 80 Menschen an Bord treibt im verzweifelten Zickzack-Kurs von der Küste weg, mit drei »ungeheuer kraftlosen« Knoten. Ein zweites Schlauchboot mit 140 Insassen ist nur noch am Treiben. Mit dem Beiboot werden die Menschen gerettet, in Zehnergruppen können sie an Bord genommen werden: Erschlaffte Gesichter, sichtbare Erschöpfung und verbrannte Haut durch die ätzende Mischung aus Salzwasser und Benzin in den untergehenden Booten.

Dann kommen immer mehr Boote. Dreizehn sind es auf einmal in der kilometerlangen Such- und Rettungszone vor Libyen. Die ersten Boote kentern, Panik bricht aus. Frauen singen auf einem untergehenden Wrack. Einige Menschen werden gerettet, andere nicht. Am Ende des Tages sind über 400 Menschen an Bord des Rettungsschiffes. Auf dem spiegelglatten Meer treiben halb versunkene Boote, Klamotten und Rettungswesten. Das Beiboot des großen Schiffes fährt noch einmal raus, um nach Leichen zu suchen. Wenn eine gefunden wird, kann zumindest versucht werden, sie zu identifizieren und die Familie zu benachrichtigen. Die meisten Körper sinken vorher zu Grund. Das Meer nimmt die Körper vorurteilsfrei auf. Als wären sie nie da gewesen. Spätestens jetzt wird klar, das die Crews hier mehr machen als einen gemütlichen Sonntagsausflug.

Was sind das für Menschen, die sich solchen Situationen stellen? »Ein zumindest diskreter Wunsch nach Heldentum lässt sich bei den meisten von ihnen nicht verleugnen«, schreibt Klemp. Dafür reden die Seenotretter auch zu viel darüber, dass es ihnen nicht darum geht. Helden sind sie aber nur für einige.

Das Buch beschreibt den massiven Gegenwind, denen die Seenotretter sich ausgesetzt sehen. Das Büro der Organisation in Hamburg, in denen die Einsätze geplant werden, ist mit »Hatemail« zugetackert: »Menschenschlepper, Deutschlandfeinde, Abschaum, Kriminelle,« ist dort zu lesen. Jede Woche macht sich irgendwer die Mühe, Postkarten an die Seenotrettungsorganisationen zu schreiben.

Wenn es nur das wäre. Italien macht ernst - und versucht, Kapitänin Klemp und ihre Crew aus dem Verkehr zu ziehen. Dabei wird alles aufgefahren, was ein moderner Staat so zu bieten hat: Das Schiff wird mehrere Monate verwanzt, Telefone werden abgehört und Spitzel eingeschleust. Vier verschiedene Ermittlungsbehörden, darunter der italienische Geheimdienst, arbeiteten gegen die Seenotretter. Nicht ohne Erfolg: Es kommt zur Beschlagnahmung des Schiffes, gegen die gesamte Crew werden Ermittlungen eingeleitet. Diese halten bis heute an.

Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Klemp nun unter die Schriftstellerinnen gegangen ist, als hätte die studierte Biologin, Tauchlehrerin und Kapitänin nicht schon genug Prädikate in ihrem Klappentext vereint. Viele der von ihr beschriebenen und erlebten Situationen sind der Öffentlichkeit nicht unbekannt. Auf die Rettungen, die hier von ihr nacherzählt werden, folgten tagelange Diskussionen in Medien und Parlamenten. Während das Sterben auf dem Mittelmeer leise vonstatten geht, tönt der Streit um die Seenotrettung laut nach in Europa.

Oft schallen die Nachrichten aus dem Mittelmeer aber nur als Tickermeldung durch unsere Resonanzräume: »Soundsoviele Menschen ertrunken«, »Menschen in Folterlager nach Libyen zurückgebracht«, »Weiteres Seenotrettungsschiff sucht sicheren Hafen«, »Odyssee auf hoher See«. Zu den menschlichen Trägodien dahinter führt »Lass uns mit den Toten tanzen«.

Klemps Buch ist eine eindrückliche Schilderung dessen, was diejenigen erleben, die sich in das Auge des Orkans der europäischen Flüchtlingspolitik begeben. Und dort deren Versagen ausbaden müssen. Es sind Beschreibungen von Leid und Tod, erzeugt durch die ausbleibende Rettung und die europäische Abschottung. Wer bei solchen Geschichten nicht Wasser und Rotz heult, ist längst ein Gauland.

Pia Klemp: Lass uns mit den Toten tanzen, Maro Verlag, 224 S., geb., 20 €. Erscheint am 2. September

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