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Fromme Wünsche im neuen Leben

Christoph Ruf über ein merkwürdiges Münchner Monopol und Diskussionen im Fußball, die keiner mehr führen wollte

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Bayerns Corentin Tolisso schießt auf das Tor von Schalkes Torwart Alexander Nübel.
Bayerns Corentin Tolisso schießt auf das Tor von Schalkes Torwart Alexander Nübel.

»Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben«, dichtete ein Schlagerbarde aus Herne Mitte der 70er - und lieferte damit eine Steilvorlage für alle sangesfreudigen Fußballfans, deren Vereine den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse geschafft haben.

Dass eine neue Liga wie ein neues Leben ist, bewahrheitet sich dann ja auch schon wieder in dieser noch jungen Saison, in der die drei Aufsteiger ein bisschen Würze in den Bundesliga-Alltag bringen, der medial zunehmend von der Transferpolitik des FC Bayern monopolisiert wird. Köln jedenfalls wird allerorten schon aufgrund seiner Lage als Bereicherung empfunden. Paderborn überzeugt mit seiner mutigen Spielweise. Und der 1. FC Union Berlin, von fast 4000 Fans nach Augsburg begleitet, ist der sehnsüchtig erwartete Farbklecks im Erstligaeinerlei.

So viel zu den positiven Aspekten der ersten Bundesligawochen, die durch das Spitzenspiel des zweiten Spieltags wieder konterkariert wurden. Wenn man eine Diskussion wirklich nicht mehr führen wollte, dann die um das Handspiel. Ein frommer Wunsch. Am Sonnabend wurde ein Bremer Treffer annulliert, weil Werders Stürmer Niclas Füllkrug ein Ball an die angewinkelte Hand gesprungen war. Eine Richtungsänderung gab es nicht, Absicht unterstellte ihm nicht mal der Schiedsrichter. Der Treffer wurde dennoch nicht gegeben. Dank der neuen Regelerweiterung, wobei in der Offensive ein Handkontakt zwangsläufig abgepfiffen werden muss. Selbst dann, wenn 30 000 Zuschauer und die 22 beteiligten Spieler, die ja eine gewisse Affinität zum Fußball mitbringen, darin übereinstimmen, dass sie das Tor gegeben hätten.

Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.
Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.

Ganz anders wird die Handregel hingegen ausgelegt, wenn es um die Defensive geht. Schalke hätte zwei Elfmeter bekommen können, ging aber leer aus. Einmal wehrte Münchens Verteidiger Benjamin Pavard einen Kopfball mit dem Rücken zum Ball mit ausgefahrenem Arm ab. Keine Absicht - aber die Verhinderung einer hundertprozentigen Torchance. Beim zweiten Mal lenkte Ivan Perisic einen Freistoß mit gebeugtem Arm zur Seite ab. Referee Marco Fritz, der direkt daneben stand, ließ weiterspielen, der Kölner Keller intervenierte nicht. Und das, obwohl nach dem Spiel alle Beteiligten der Meinung waren, dass es ein klarer Elfmeter war. Die Argumentation lautete aber: Es habe keine »klare Fehlentscheidung« vorgelegen, bei der die Videoschiedsrichter in Köln intervenieren müssen.

In der Defensive ist die Sache nämlich weitaus komplizierter als beim Offensiv-Handspiel. Hier muss die Hand zum Ball gehen, das Berühren des Balls an sich ist noch nicht strafwürdig. Ein befreundeter Schiedsrichter hat mir das alles mal alltagstauglich so übersetzt: »Je weiter der Arm vom Körper weg ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich pfeife.« Allerdings pfeift mein Kumpel in der Regel auch keine Spiele des FC Bayern.

Ich frage mich jedenfalls nicht erst seit Sonnabend, ob nicht auch Schiedsrichter unterbewusst davon beeinflusst werden, ob sie ein Spiel der deutschen Übermannschaft pfeifen oder eben die Partie Augsburg gegen Union. Jeder Dauerkarteninhaber in Wolfsburg oder Frankfurt, schaut, kaum ist der Spielplan heraus, als erstes auf die Ansetzung des Spiels gegen die Bayern, die Schwarzmarktpreise sind an diesem Tag astronomisch. Und auch für die Referees ist ein Spiel der Bayern etwas Besonderes, einen Nachwuchsmann würde der DFB jedenfalls kaum zu einem Spiel des Rekordmeisters delegieren. Mir scheint es jedenfalls nur logisch, dass auch bei Schiedsrichtern unterbewusst etwas passiert, wenn sie das Münchener Starensemble pfeifen. Eine Fehlentscheidung bei Hoffenheim gegen Werder wird kurz erwähnt und ärgert entweder den einen oder den anderen Trainer. Eine Schiedsrichterschelte aus dem Mund von Uli Hoeneß ist da doch ein ganz anderes Kaliber. Wobei ich mir sicher bin, dass das nicht kognitiv abläuft, kein Schiedsrichter bevorzugt vorsätzlich eine Mannschaft - auch wenn das Wochenende für Wochenende Tausende Fußballfans behaupten. Aber in dem entscheidenden Moment, in dem der erste Impuls »Foul« sagt und der zweite ein »oder nicht?« nachschiebt, da passiert unterbewusst etwas anderes, wenn es darum geht, Thomas Müller vom Platz zu stellen. Oder Nico Schlotterbeck vom SC Freiburg.

Beim DFB können sie die Handspielregel noch so oft reformieren. Letztlich entscheiden Menschen. Je nach Perspektive kann man das tröstlich oder deprimierend finden.

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