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Keime, CO2-Partikel und die liebe Wissenschaft

Die Leugner der Klimaerwärmung fordern hundertprozentige Beweise zur Klimakrise nur, um ein »Weiter-So« zu erzwingen

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Als der britische Chirurg Joseph Lister im September 1876 auf dem Internationalen Kongress in Philadelphia über sein Antisepsis-Konzept sprach, galt er unter amerikanischen Kollegen als Quacksalber und Wichtigtuer. Lister hatte sich im Laufe seiner Karriere mit der Nekrose beschäftigt. Er wollte herausfinden, weshalb sich Wunden entzündeten. Das kam in der frühen Chirurgie häufig vor, ja sogar in der Mehrzahl der Fälle. Seit einigen Jahrzehnten war es möglich, Patienten in Narkose zu versetzen, damit wurden auch die Operateure mutiger, schnitten tiefer als vorher. Aber alle Kunst war häufig vergebens, denn am Ende eiterte die Narbe und der Patient verstarb.

Lange Zeit galten Krankenhäuser auch als Orte, wo man garantiert den Tod fand. Selbst dann, wenn man gar nicht sterbenskrank war. Grund war die mangelnde Hygiene – das wissen wir heute. Die damaligen Zeitgenossen machten sich darüber zunächst mal weniger Gedanken. Nach und nach setze sich aber Chlorwasser zur Händedesinfektion durch.

Lister forschte leidenschaftlich und stieß eines Tages auf die Arbeiten des französischen Chemikers Louis Pasteur. Der hatte entdeckt, dass Keime überall am Werk seien. Sogar in der Luft. Keime, so wusste Pasteur aus Versuchen mit Milch, konnten organisches Material verändern.

Wenn man Wunden jetzt also steril halte, so dachte Lister, würde man eine Keimfreiheit herstellen, die Entzündungen eventuell gar nicht erst möglich macht. Durch Versuch und Irrtum landete er bei Karbolsäure als Sterilisationsmittel. Die wurde bislang nur als Imprägnierungs- oder Parasitenmittel eingesetzt. Er lernte sie zu verdünnen, Verbände damit zu tränken und neue Verbandtechniken zu entwickeln – seine Theorie schien indes stimmig, denn er hatte Erfolg: Die Mortalität seines Fachbereiches sank rasant.

Global Carbon Emissions (Copy)

Erst jetzt, da er die Wirkung seiner Forschungen durch den Praxistest bestätigt sah, fing Lister an, seine Erkenntnisse in wissenschaftlichen Aufsätzen zu formulieren und zu publizieren. Die alte Ärzteschaft wiegelte Listers Denkansätze vollkommen ab. In den Vereinigten Staaten formierten sich die Chirurgen gegen Listers Methode: Sie waren im Bürgerkrieg beruflich sozialisiert worden, dort amputierte und sägte man viel, desinfizierte dafür wenig.

Eitrige Wunden galten als Ausdruck der Wundheilung. Man sprach vom »löblichen Eiter«, auch wenn die Patienten mehrheitlich starben. Die amerikanischen Chirurgen waren der Ansicht, dass die Sache mit den Keimen gar nicht richtig bewiesen sei.

Als der britische Kollege dann 1876 in die USA kam, um über seine Arbeit zu berichten, ließ die Mehrzahl der Ärzte ihn ihre Vorbehalte auch spüren. Außerdem unterstellte man ihm, dass er nicht der Erste wäre, der mit Karbolsäure arbeite. Das hätten schon andere Kollegen vor ihm getan – meist ohne durchschlagenden Erfolg. Der Einwand traf zwar zu, aber vor Lister hatte keiner einen so abgestimmten und lückenlosen Plan der Wundversorgung entworfen.

Lister selbst konnte das mit den Keimen ja nicht beweisen. Er stützte sich nur auf Pasteur, der seine Beobachtungen aufschrieb und so eine Theorie ausarbeitete. Aber die praktische Anwendung dieser Theorie gab Lister recht. Seine Kritiker legten jedoch eine überwissenschaftliche Haltung an den Tag, um die unliebsame Theorie, die sie ja nebenher als die Vertreter einer veralteten Medizin auswies, elegant auszuschalten.

Im Grunde hat sich zu heute wenig geändert. So legen die Leugner der CO2-basierten Klimaerhitzung dieselbe Attitüde an den Tag. Sie spielen sich als Überwissenschaftler auf, die alles bis ins kleinste Gran bewiesen und verifiziert sehen wollen. Wissenschaft funktioniert aber so nicht. Oder wenigstens nicht immer.

Studien haben Fehlertoleranzen, es gibt eine Restunsicherheit bei empirischer Forschung, nicht immer ist alles 100 Prozent nachweisbar. 99 Prozent aller Klimaforscher
und Studien urteilen: Die Klimaerhitzung ist real und menschengemacht. Nur weil einige wenige Klimawissenschaftler zu einem anderen Ergebnis kommen, heißt das nicht, dass die menschengemachte Klimaerhitzung nicht bewiesen ist. Egal ob das daran liegt, dass es derzeit noch unbekannte Faktoren gibt oder sich einzelne Forscher geirrt haben. Die Haltung der Überwissenschaft bei den Klimawandelleugnern aber, sie ist heute wie gestern oftmals nicht die Stimme einer wissensbegierigen Masse, sondern ein Abblocken durch Penibilität. Sie will durch simulierten Dogmatismus ein Bekenntnis zum »Weiter-so« erzwingen.

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