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Charmeoffensive am Klapptisch

Wie Kandidaten der LINKEN in Sachsen darum kämpfen, dass ihre Partei im Landtag nicht an Bedeutung verliert

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 8 Min.

Kurz vor Feierabend fliegen dann doch noch die Fetzen. Seit drei Stunden steht Antonia Mertsching neben einem Klapptisch auf dem Wochenmarkt in Weißwasser, zwischen Ständen mit polnischem Gemüse, Wurst aus Uhyst und Brötchen der Bäckerei Bresan. Die 34-Jährige im knallroten T-Shirt verteilt Flick- und Feuerzeuge mit LINKE-Logo, die gern eingesteckt werden. Reden über Politik und die Landtagswahl am 1. September, bei der Mertsching Direktkandidatin im Wahlkreis 57 ist, will freilich kaum ein Marktgänger. Heidemarie Knoop, die Ortsvorsitzende der Partei, hat das auch nicht wirklich erwartet: »Die Hauptsache ist: gesehen werden.«

Dann aber geht es plötzlich zur Sache. Drei Männer, die Mertsching angesprochen hat, geraten aneinander. Der Streit beginnt mit Rentenfragen und landet zügig bei der Weltpolitik. »Bald gibt es Verteilungskriege um Wasser«, sagt einer: »Das System muss weg!«. Warum müsse Deutschland »Musterschüler beim Umweltschutz« sein?, ruft ein zweiter: »Wir Bürger zahlen das!« Die Jugend, sagt der Dritte, »glaubt an nichts mehr, deshalb wählen sie AfD«. Mertsching versucht vergebens, einen Fuß in die Tür zu bekommen. »Mädchen«, heißt es, »ihr habt doch auch nichts erreicht«. Ihr Einwurf, die LINKE sei in Sachsen seit 29 Jahren in der Opposition, geht im Tumult unter.

Weißwasser: das war einstmals ein Heimspiel für die Genossen. Der Ort in der Lausitz lebte von Kohle, Kraftwerken, Armee und Glas; er wuchs von 14 000 auf 37 000 Einwohner. Nach 1990 dann: Deindustrialisierung. Viele zogen weg, andere wurden arbeitslos. Den Unmut vermochte die PDS zu bündeln. Bei der Landtagswahl 2004, die im Zeichen von Agenda 2010 und Hartz IV stand, erhielt sie in Weißwasser 2821 Wählerstimmen: 32,1 Prozent. Bei der Wahl 2014 hatte sich die Stimmenzahl mehr als halbiert, auf 1298. Immerhin: Auch das reichte noch für 25,1 Prozent. Als im Mai der Kreistag gewählt wurde, landete die LINKE in Weißwasser bei 11,7 Prozent. Ihre Basis schwindet. Die Ortsgruppe, sagt Knoop, hat noch 22 Mitglieder.

Kathrin Kagelmann schüttelt über das Wahlergebnis auch Wochen danach den Kopf. Sie war Mertschings Vorgängerin als Direktkandidatin und saß im Kreistag. Ihre Fraktion habe »sehr gute Arbeit« geleistet: viele Anträge, gute Konzepte. Honoriert werde das nicht, sagt Kagelmann, die auf ihr Mandat verzichtet hat. Stärkste Fraktion wurde mit Abstand die AfD. Im Landtag ist ein ähnlicher Erfolg am Sonntag nicht ausgeschlossen. Die LINKE, sagt Kagelmann, könne »den Protest nicht mehr aufsaugen«.

Mertsching versucht dennoch ihr Bestes. Zu überzeugen sucht sie mit erfrischendem Elan, Begeisterung und nicht zuletzt Zuwendung zur ostsächsischen Provinz. Auf die Frage, wo sie »denn überhaupt herkommt«, sagt sie: »Ganz aus der Nähe« - aus einem Dorf in der Niederlausitz mit 52 Einwohnern. Das bringt Punkte - und überbrückt ein wenig die allzu augenscheinliche kulturelle Kluft, die sie ansonsten von vielen ihrer potenziellen Wähler trennt. Sie sind oder waren Kumpel und Kraftwerker und ringen mit der Vorstellung, dass es mit der Kohle in weniger als 20 Jahren vorbei sein könnte. Mertsching treiben derweil Fragen nach einer gerechteren Welt um, nach fairem Handel und Ressourcenschutz. Nach dem Studium versuchte sie in einem entwicklungspolitischen Netzwerk die Vergabepolitik des Freistaats zu beeinflussen. Die Arbeit an einem Gesetz dazu brachte sie in Kontakt mit der LINKEN. Dass sie nun für diese kandidiert, sorgte bei manchem Grünen dem Vernehmen nach für Enttäuschung. Auf dem Listenparteitag der LINKEN sagte Mertsching indes, es sei leichter, »die Roten grün zu machen als die Grünen rot«. Diese »wollen den Kapitalismus nicht abschaffen«, fügt sie jetzt hinzu - sie schon. Die Delegierten waren angetan und setzten sie auf den sicheren Platz 13.

Bei Mertschings vielen Terminen im Wahlkampf geht es indes kaum um die Frage, was den Kapitalismus ersetzen könnte oder wie der Weg zum »demokratische Sozialismus« aussähe, für den die LINKE auf ihren Wahlplakaten wirbt. Zwar streift die laute Debatte auf dem Wochenmarkt kurz die Systemfrage, aber weil die Beteiligten mehr aneinander vorbei- als miteinander reden, endet das Gespräch schnell. Auch über faire Entwicklungspolitik »muss ich hier nicht reden«, räumt Mertsching ein: »Da gibt es wenig Resonanz.« Was die Menschen in der Region interessiert, ist eine andere Art Entwicklungspolitik: Wie geht es mit der Lausitz weiter, wenn die Jobs in der Kohle verschwinden? Mertsching ist voller Optimismus. Sie ist nach Jahren in Dresden nach Weißwasser gezogen und preist ihre neue Heimat als Ort voller Möglichkeiten: mit viel Platz und mit Mieten, die bei guter Bahnanbindung auch Familien aus Städten anziehen könnten; mit dem Potenzial, neue, nachhaltig produzierende Industrien anzulocken. Ob der Funke auf ihre Wähler überspringt, bleibt abzuwarten. Viele erinnern sich an die harten Brüche nach 1990 und haben wenig Hoffnung, dass es jetzt besser läuft. In der Region, sagt Kagelmann, herrsche »mentale Schwermut« und Angst vor Veränderung, wovon die AfD profitiert. Bei der Bundestagswahl 2017 gewann sie hier das Direktmandat. Auch für nächsten Sonntag galt der AfD-Kandidat im Wahlkreis 57 lange als Favorit. Jetzt scheint die CDU aufgeholt zu haben; Mertsching aber gilt als weitgehend chancenlos.

Anders ist das bei Adam Bednarsky, einem ihrer Parteifreunde in Leipzig. Auch der 39-Jährige, seit 2016 Stadtvorsitzender der Partei, steht an einem heißen Tag im Wahlkampf vor einem Klapptisch, den er vor einem Markt im Plattenbaugebiet Grünau entfaltet hat, und verteilt Präsente an potenzielle Wähler. In Anspielung auf den biblischen Namen des Kandidaten sollen Äpfel dafür sorgen, dass sie bei ihrer Stimmabgabe zur richtigen Erkenntnis gelangen. Die Chancen scheinen nicht schlecht zu stehen. Ein älterer Herr mit Rollator teilt zwar mit, er nehme »nichts Süßes von Fremden«. Nicht wenige aber äußern sich ähnlich wie ein Rentner mit Hund, der sich als Ex-Offizier zu erkennen gibt und sagt, er wähle auf jeden Fall die LINKE. Die CDU dagegen, fügt er hinzu, »sollte man auf den Mond schießen.«

Zwar nicht auf den Mond geschossen, aber auf einen für sie ungewohnten zweiten Platz verdrängt wurde die CDU in Bednarskys Wahlkreis in Leipzigs Westen bereits mehrfach. Im Jahr 2004 holte der Sozialpolitiker Dietmar Pellmann hier eines von damals vier Direktmandaten der PDS - ein absolutes Novum im Freistaat, wo die CDU zuvor auch mit dem sprichwörtlichen Besenstiel stets alle Wahlkreise gewonnen hatte. Mit 32,7 Prozent lag Pellmann deutlich vor der Konkurrenz von der CDU, die bei 29,7 Prozent landete. Fünf Jahre später verteidigte er den Wahlkreis mit 1,2 Punkten Vorsprung. 2014 wurde dieser neu zugeschnitten und um einige konservative Gebiete am Stadtrand ergänzt. Folge: Die CDU lag mit 360 Stimmen vorn. Bei der Bundestagswahl 2017 allerdings gewann Pellmanns Sohn Sören den Wahlkreis, in dem auch Grünau liegt, für die LINKE.

Diesmal, ist Bednarsky überzeugt, gibt es kein Duell mit der CDU, auch wenn diese in jüngsten Umfragen leicht zulegt und damit auch das enge Rennen in vielen Wahlkreisen öfter für sich entscheiden könnte. Im Wahlkreis 29 aber geht es nach Ansicht von Bednarsky um die Frage, ob Grünau rot bleibt oder blau wird - und die AfD das Direktmandat holt. So erklärt er es einer Wählerin an seinem Wahlstand. Sein Großvater werde an diesem Tag 91 Jahre alt, sein Sohn verbringe den ersten Tag im Kindergarten; trotzdem »bin ich hier«, sagt er: »Mein Ziel ist es, den Wahlkreis nicht der AfD zu überlassen.«

Das ist einerseits alles andere als einfach. Zwar gilt Leipzig als linksliberale Hochburg in Sachsen; bei der Stadtratswahl im Mai wurde die LINKE hier stärkste Kraft; gemeinsam mit Grünen und SPD stellt sie die Mehrheit der Stadträte. Anders als in der Landeshauptstadt Dresden, wo Pegida auch im fünften Jahr seines Bestehens noch Woche für Woche 1000 Menschen anzieht, ist der Leipziger Ableger Legida längst Geschichte; der Widerstand dagegen wurde von breiten Kreisen der Stadtgesellschaft getragen. Zugleich aber finden die Parolen der AfD auch in Leipzig großen Zuspruch; in den Wahlbezirken, die zum Landtagswahlkreis 29 gehören, wurde sie bei der Wahl des Stadtrats stärkste Kraft - wenn auch nur mit 77 Stimmen Vorsprung, sagt Bednarsky. In Grünau kam sie auf 24,8 Prozent. Auch die langjährige rote Hochburg also ist kein leichtes Pflaster mehr. Weil in der Boomstadt mit ihren steigenden Mieten die soziale Entmischung voranschreitet, konzentrieren sich jene Teile der Bevölkerung, die nicht vom Aufschwung profitieren, in wenigen Bezirken, etwa Grünau. Zudem sind bürgerliche Hochburgen am Stadtrand teils nach rechts gerückt.

Bei allen Schwierigkeiten aber sind in Grünau die Voraussetzungen noch gut, der AfD Paroli zu bieten. Die Partei war in dem Stadtteil stets präsent: mit Abgeordnetenbüros von Pellmann senior und junior sowie der scheidenden Landtagsabgeordneten Cornelia Falken; mit Veranstaltungen und Sprechstunden. Grünau wurde »gehegt und gepflegt«, sagt Bednarsky, anders als Paunsdorf, ein vergleichbares Viertel im Leipziger Osten, wo es kaum noch eine Verankerung gebe und die Wahlergebnisse entsprechend ausfielen. Die LINKE in Grünau dagegen sei »noch die Partei alten Typs« - was auch heißt: wahlkampferprobt, hoch motiviert. »Da werden enorme Kräfte freigesetzt.«

Auf diese muss sich Bednarsky verlassen. Der Politikwissenschaftler, der im Grünauer Wohnkomplex IV aufwuchs, in den 1990er Jahren mit anderen eine PDS-nahe Jugendorganisation aufbaute, dann die Geschäfte des Fußballvereins Roter Stern Leipzig (RSL) führte und zum Thema Diskriminierung im sächsischen Fußball promovierte, ist - anders als seine Genossen in anderen aussichtsreichen Leipziger Wahlkreisen - nicht über die Liste abgesichert. Für ihn gilt: Direktmandat gewinnen oder draußen bleiben. Für die Partei, warnt er, hätte das einen »weiteren Rückzug aus der Fläche« zur Folge.

Damit er Erfolg hat, tobt eine »Materialschlacht«. Briefkästen werden bestückt wie soziale Netzwerke, letztere etwa mit einem Video, in dem Bednarsky explizit auf die Rolle der Erststimme hinwies, die entscheidend ist für den Gewinn des Direktmandats. Das hat auch die CDU erkannt; ihr Kandidat ließ eine Zeitung mit dem Titel »Erststimme« verteilen, in der Alt-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ein gutes Wort für ihn einlegte. Bednarsky hat andere Unterstützer. Sarah Wagenknecht, Fraktionschefin im Bundestag, aber auch Adi, Gesicht der DDR-Fernsehsendung »Mach mit, machs nach, machs besser«, und DDR-Radsportlegende Täve Schur. So soll der Versuch der AfD abgewehrt werden, sich als Stimme des Ostens darzustellen. »Die Ost-Partei«, sagt Bednarsky, »sind immer noch wir«.

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