Bildung und Fußball

Speed-Dating im Stadion

Wie über den Fußball politische Bildungsarbeit für Jugendliche geleistet wird.

Von Alexander Ludewig

Wenn man plötzlich und unerwartet einer Ministerin gegenübersteht, muss einem erst mal etwas einfallen. Mut gehört auch dazu. Erst recht, wenn man gerade mal 16 Jahre alt ist. Abdullah, Cristobal und Mortesa machen es gut. Mit Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, diskutieren sie über Fußball und Politik. Die drei Jungs kommen vom Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik in Berlin-Charlottenburg - und nehmen am Projekt »Lernort Stadion« teil.

Dieser Mittwoch ist ein besonderer Tag. Was vor zehn Jahren unter dem Titel »Bildung am Ball« begann, ist zu einer »Erfolgsgeschichte« geworden. Das betont beim Festakt im Berliner Olympiastadion nicht nur SPD-Politikerin Giffey, deren Ministerium das Projekt seit 2018 unterstützt. Zweiter Hauptförderer ist die Deutsche Fußball Liga (DFL) mit ihrer Stiftung. Deren Vorstandsvorsitzender Stefan Kiefer beschreibt die Arbeit so: »Wir öffnen nicht nur die Stadien, sondern vor allem die Herzen und Köpfe der Jugendlichen.«

Von der »Faszination Fußball« sprechen an diesem Tag alle. Die große Anziehungskraft dieses Sports war im Jahr 2009 schließlich auch der Ausgangspunkt für den Wunsch, politische Arbeit zu leisten. Die anfängliche Frage, ob sich vor allem bildungsbenachteiligte Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren auf diese besondere Art erreichen lassen, ist längst beantwortet. Mehr als 60 000 Schüler durchliefen das Projekt bislang. Für 93 Prozent von ihnen war das Erlebnis so positiv, dass sie es weiterempfehlen würden. Mittlerweile gibt es in Deutschland 20 Standorte und 21 Vereine, die in ihren Stadien von eintägigen Impulsseminaren bis hin zu ganzen Projektwochen Themen behandeln wie Antidiskriminierung, Diversität, Homophobie, Inklusion, Integration, Konfliktprävention, Migration, Toleranz oder Zivilcourage. In zwei Evaluierungen, durch das Centrum für angewandte Politikforschung in München und das Zentrum für inklusive politische Bildung in Dresden, wurden dieser Art des Lernens hohe Wirksamkeit bei der Vermittlung demokratischer Kompetenzen und großes Aktivierungspotenzial für ein Wertebewusstsein bescheinigt.

Als Abdullah, Cristobal, Mortesa und ihre Mitschüler vom OSZ Kraftfahrzeugtechnik am Vormittag in eine der VIP-Logen des Olympiastadions kommen, sind sie vor allem eins: cool. Vielleicht auch ein Zeichen der Unsicherheit in diesem ungewohntenUmfeld. Schnell sind die Jungs beeindruckt: Durch eine Glastür geht es auf die Tribüne, jeder macht es sich sofort in den überaus komfortablen Ledersesseln bequem. Einer fragt vorsichtig: »Als normaler Mensch kann man hier nicht sitzen?« - »Nein«, antwortet ein Mitarbeiter vom Lernzentrums des Klubs Hertha BSC. Die Faszination Fußball wirkt schon mal, das viel zitierte »schönste Klassenzimmer« wird Realität. Am Ende des Tages sagt Abdullah: »Es war ein schönes Erlebnis.« Mortesa fand es »sehr interessant«. Und Cristobal hat es gefallen, »mal ganz andere Leute kennenzulernen«.

Anpfiff: Anders als bei einem Fußballspiel geht es sofort in den Zweikampf. Speed-Dating, eines von mehr als 40 Lernmodulen des Projekts, heißt die Form des verbalen Austauschs. In Paaren stehen Jugendliche vom OSZ und der Schule an der Jungfernheide den Ehrengästen wie Franziska Giffey oder Stefan Kiefer und Projektmitarbeitern gegenüber. Eine Frage, eine Minute Diskussion. Lebhaft laut werden Argumente ausgetauscht. Die anfangs stillen und zurückhaltenden Schüler haben anscheinend einige Ideen, was sie verändern würden, wenn sie Bundeskanzler wären.

Mittendrin ist auch Ingo Schiller. Der Finanzchef von Hertha BSC diskutiert fleißig mit. An diesem Tag vertritt er seinen Klub im Olympiastadion als Gastgeber. Der Berliner Bundesligist ist einer von drei Vereinen, die das Projekt von Beginn an begleiten. Für Schiller ist der »Fußball das beste Beispiel für Integration«. Abseits trockener politischer Vokabeln hat der 54-Jährige in den bislang zehn Jahren »Lernort Stadion« erfahren, wie schnell »Hemmschwellen abgebaut« werden können.

Auch an diesem Mittwoch erlebt Schiller es hautnah. Im zweiten Beispielmodul drängeln sich Teilnehmer und Ehrengäste um aufgestellte Hütchen. Eine Frage, drei Antwortmöglichkeiten: Ja, nein, vielleicht. »Wird in Deutschland genug gegen Rassismus und Diskriminierung getan?« Niemand steht beim Ja-Hütchen. Es entsteht ein Gespräch. Mortesa - ein persischer Vorname - berichtet von unzähligen Bewerbungen, auf die er nicht mal eine Antwort erhalten hat. Cristobal schlägt das amerikanische Modell vor: »Kein Foto, kein Name: Es wird nur nach dem Können beurteilt.« Franziska Giffey erzählt, das ihr Ministerium daran arbeite, anonymisierte Bewerbungen einzuführen. Alter, Herkunft, Geschlecht sollten keine Rolle spielen.

Birger Schmidt beobachtet das alles mit großer Zufriedenheit. Er ist heute Ehrengast und Gastgeber zugleich: Weil er das Projekt vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat, wurde er im Mai mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. »Normalerweise arbeiten wir mit den Jugendlichen in einem geschützten Rahmen - mit unseren Bildungsreferenten außerhalb der Schule«, erzählt er. Da sei der Raum viel größer, um sich zu öffnen. Umso mehr freut es ihn, dass auch diese Festtagsveranstaltung so lebendig geworden ist. Schmidt erinnert sich: »Ursprünglich kommt diese Idee aus Großbritannien, dort sollten Schulschwänzer über den Fußball wieder zum Lernern motiviert werden.« Die Robert-Bosch-Stiftung gab als erster Förderer dann schließlich in Deutschland die Initialzündung. Große Überzeugungsarbeit muss Birger Schmidt heute nicht mehr leisten: »Anfangs gab es einige Absagen, aber jetzt kommen die Vereine auf uns zu.« So wird es bald wieder neue Standorte geben.

Die Jugendlichen müssen los, auch die Mädchen von der Schule an der Jungfernheide. Ihre Lehrerin, Franziska Rosen, nimmt zum dritten Mal mit der Klasse an dem Projekt teil. »Es ist eine gute Motivation, sich mit wichtigen Themen zu beschäftigen, die in der Schule vielleicht etwas langweiliger rüberkommen«, erzählt sie. Vor zwei Jahren haben sie hier über Fair Trade gesprochen, in der Schule stand damals Argumentation auf dem Lehrplan. Sie habe danach im Klassenzimmer beides miteinander verbunden: »argumentieren für fairen Handel«. Solch eine gewinnbringende Rückkopplung gibt es vom Projekt zur Politik leider nicht. Man sei aber an einem Wissenstransfer interessiert, sagt Bettina Bundszus. Nah dran ist die Abteilungsleiterin »Kinder und Jugend« im Familienministerium immerhin: Sie sitzt im Beirat des Projektes »Lernort Stadion«.