Die Tafel am Hotel am Kranichsberg erinnert an Theodor Fontanes Besuch 1887.

Auf einen Gilka zum Kranichsberg

Dass Woltersdorf bei Berlin einen Ausflug lohnt, wusste schon Theodor Fontane zu berichten

Von Tomas Morgenstern

Aussichtsturm: bietet Fernsicht und Woltersdorfer Stummfilmgeschichte Fotos: nd/Ulli Winkler
Aussichtsturm: bietet Fernsicht und Woltersdorfer Stummfilmgeschichte Fotos: nd/Ulli Winkler

Über den Dichter Theodor Fontane (1819 bis 1898), der ja vor allem auch durch seine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« Berühmtheit erlangt hat, heißt es, er sei zu seinen Recherchetouren eher mit der Eisenbahn und der Kutsche aufgebrochen. Als Berliner hatte sich der 68-Jährige wohl auch eine bequeme Anreise ins Seebad Rüdersdorf am Kalksee gegönnt, wo er im Juli und August 1887 seinen dreiwöchigen Urlaub verbrachte. Allerdings ist er von dort aus dann wohl doch öfter zu Fuß unterwegs gewesen. So ist der Sommerfrischler unter anderem auch - »vollkommen zufrieden« mit der Landschaft - ins benachbarte Woltersdorf am Ufer des Flakensees spaziert. Die heutige amtsfreie Gemeinde im Landkreis Oder-Spree dankt ihm sein Wohlwollen mit einem Fontane-Wanderweg, angelegt vor rund 100 Jahren.

Der Theodor-Fontane-Weg beginnt in Erkner am Parkplatz gleich hinter der Brücke, auf der die Fürstenwalder Straße über die Löcknitz führt. Wer vom S- und Regionalbahnhof Erkner kommt, läuft dorthin anderthalb Kilometer quer durch die Kleinstadt. Der schattige Wanderweg selbst führt ganz im Grünen am Flüsschen Löcknitz und später am Ufer des Flakensees entlang. Vorbei am Campingplatz und einigen Badestellen gelangt man nach knapp drei Kilometern über die Schleusenpromenade nach Woltersdorf.

Beliebtestes Fotomotiv ist die Schleuse mit der blauen Hubbrücke, von der aus seit 1913 eine Straßenbahn nach Berlin- Rahnsdorf trödelt. An die große Zeit der Woltersdorfer Ausflugsgastronomie erinnern vor allem das »Hotel Kranichsberg« und das »Restaurant Liebesquelle«. Die echte, durch einen schmiedeeisernen Käfig geschützte Liebesquelle, die einst am Fuße des Kranichsbergs sprudelte, ist längst versiegt. Bergan führt eine atemraubende Treppenanlage, man gelangt aber auch auf einem etwas verschlungenen Pfad hinauf. Auf 104,5 Meter über Normalnull steht der hölzerne, 25 Meter hohe Woltersdorfer Aussichtsturm. Jenen, die es dort ruhiger angehen wollen, erzählt eine kleine Ausstellung ein fast vergessenes Kapital deutscher Filmgeschichte: Ab 1919 war die Gegend zwischen Rüdersdorf und Woltersdorf so etwas wie die Traumfabrik der Stummfilm-Zeit. Dort entstanden Filmklassiker wie »Das Indische Grabmal« und »Der Tiger von Eschnapur«. Turm und Ausstellung betreut der »Verschönerungsverein Woltersdorf Kranichsberg e. V.«, der auf eine 135-jährige Geschichte zurückblickt.

Dass in dem knapp 8300 Einwohner zählenden Ort tatsächlich ein Verschönerungsverein wirkt, sieht man ihm übrigens an. Der Verein war nach der NS-Zeit und einem kurzen Intermezzo nach Kriegsende 1952 im DDR-Kulturbund »aufgegangen« und erst 1990 wiedergegründet worden. Heute zählt er um die 150 Mitglieder. Sein Domizil hat er gemeinsam mit anderen Vereinen im Kulturhaus »Alte Schule« in der Rudolf-Breitscheid-Straße, dort betreibt er das Heimatmuseum. Den Aussichtsturm hat der Verein gepachtet, und auf seine Kappe geht auch, dass die Liebesquelle als Sehenswürdigkeit erhalten geblieben ist. Auf dem Friedhof in der August-Bebel-Straße weist eine vom Verschönerungsverein aufgestellte Übersichtstafel den Weg zu den 22 Ehrengräbern für verdiente Woltersdorfer, um die er sich kümmert. Man findet dort beispielsweise die letzte Ruhestätte von Regine Hildebrandt, der 2001 verstorbenen ersten Sozialministerin Brandenburgs, sowie die des Jugendstilkünstlers Fidus (Hugo Höppener).

Dass am 1. August auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Agarminister Jörg Vogelsänger (beide SPD) den Weg in den verschönerten Ausflugsort fanden, war nur zum Teil dem Jubiläumsjahr »Fontane.200« zu danken. Im Rahmen ihrer Wahlkampftour kehrten sie im »Hotel am Kranichsberg« ein, um vom dort ausgeschenkten Gilka-Schnaps zu probieren, jenem 38-prozentigen Kaiser-Kümmel, der in diesem Hause schon dem urlaubenden Theodor Fontane gemundet hatte. Eine Informationstafel erinnert vor dem Etablissement an jenes 132 Jahre zurückliegende Ereignis mit einem Auszug aus einem Brief, den Fontane 1887 an seine Frau Emilie schrieb: »Liebe Frau! Eben komme ich von einem reizenden Spaziergang nach der Woltersdorfer Schleuse zurück, wo ich in dem ›Gasthaus zum Kranichsberg‹ einen Gilka und eine Flasche Soda genoß. Beides zusammen kostete 20 Pfennige; der Gilka 5, das Sodawasser 15; dergleichen tat mir wohl, ich bin nun mal fürs Kleine, da ich das Große nicht haben kann. Vielleicht wäre ich aber auch unter allen Umständen fürs Kleine.«

Am 15. September lädt das »nd« zum Fontane-Spaziergang ins schöne Woltersdorf. Es geht auch hinauf zum Kranichsberg mit der tollen Aussicht - und vielleicht auf einen Gilka zum Abschluss.