Michael Kretschmer (CDU)
Sachsen

Kretschmer

Leo Fischer über einen vielsagenden unter den nichtssagenden Ministerpräsidenten

Von Leo Fischer

Irgendwann in grauer Zukunft wird man sich einmal die Zeit nehmen müssen und nachlesen, wie es eigentlich kam, dass ein gutes Jahrzehnt lang derart nichtssagende Gestalten in den Ländern regieren durften: Männer, deren Namen und Gesichter man sofort wieder vergisst, nachdem man sie gehört hat; Männer, die antreten und abtreten, ohne dass man davon hört; Männer, die man mit nichts verbindet und die keinerlei Regung wecken, nicht einmal eine negative.

Dietmar Woidke, Andreas Bovenschulte, Peter Tschentscher, Stefan Weil, Tobias Hans, Andreas Pronold, Daniel Günther. Machen Sie einmal den Selbsttest: Können Sie diese Namen auf Anhieb den von ihnen regierten Bundesländern zuordnen? Haben Sie sie überhaupt schon einmal gehört? Und wissen Sie, welchen dieser Ministerpräsidenten ich mir eigens für diese Kolumne ausgedacht habe? Es sind Gesichter, die sonst auf Symbolfotos oder in Supermarktprospekten auftauchen: »Mann steht am Grill«, »Mann zeigt auf Brücke«, »Mann regiert Bundesland« - diese Art Männer: Platzhalter für echte Menschen, repräsentativ für einen Durchschnitt, der selbst schon eine Lüge ist.

Vielsagend unter all diesen Nichtssagenden steht Michael Kretschmer, Herr über den reizlosen Landstrich Sachsen, Verwalter der dortigen Universaltrübsal und seiner zwischen Selbstmitleid und Größenwahn daueroszillierenden Brachialbevölkerung. Ein Gesicht, das von Anfang an nur zum Tarnen und zum Durchwieseln geschaffen wurde und das selbst jetzt, in höchsten Ämtern, vollständig in jeder beliebigen Menge verschwinden könnte. Ein Habitus, der an alte Konservative von vor 50 Jahren erinnern soll, aber nur an Animateure von Senioren-Butterfahrten erinnert; eine politische Karriere, ausschließlich erklärbar über die absolut verkommene und noch im Niedergang von ihrer Macht wie besoffene CDU-Monarchie im Land; ein parlamentarischer Absolutismus, neben dem Söders Bayern direkt demokratisch wirkt.

Hinter dem übertriebenen Stirngerunzel, der gespielten Konzentration, der geschauspielerten Aufmerksamkeit in jedem Interview steht nichts als die komplette geistige Leere, die pure Herrschaft behaupteter Sachzwänge und der Nebenbeiprofitiererei. Kretschmer, Prototyp des gehässigen Fahrkartenkontrolleurs, der hinterm Apparat verborgen nach Herzenslust grausam sein kann, des sadistischen Beamten, der den Ratsuchenden auf dem Flur mit voller Absicht in die falsche Richtung schickt, war das perfekte Gesicht einer Landes-CDU, die sich angesichts einer rechtsradikalen Generalmobilmachung so lange dumm stellte, bis sie von ihr profitieren konnte; einer Landes-CDU, deren Dummheit, Intriganz und manifeste Gier sogar der Bundes-CDU peinlich ist und die manchen dort wohl an allerschwärzeste Kohl-Zeiten erinnern dürfte. Einer CDU, die die Rechten gepäppelt und beschützt hat, wo es ging, die am liebsten wieder mit der SPD zusammenginge, wenn die Zahlen das zulassen würden - und die SPD wie immer darauf einginge.

So kommen sie an die Macht und bleiben an der Macht, die Kretschmers und Seehofers - nicht trotz, sondern wegen einer SPD, die nichts lieber täte, als Kretschmer im Amt zu halten, dem das Grundgesetz zu radikal ist und der nicht für die absoluten Selbstverständlichkeiten auf die Straße gehen will, die eine Unteilbar-Demo fordert. Nicht mal die Verfassung, auf die er geschworen hat, ist ihm was wert - es könnte ja ein Sachzwang dazwischenkommen. So jemandem würde ich persönlich nicht einmal fünf Euro leihen. Es gibt leider noch genug Leute, die ihm wieder sehr viel mehr leihen werden.