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  • Kultur
  • Pierre-Laurent Aimard

Der Tagesablauf des Teichrohrsängers

Eine neue Kunst des Klavierspiels: Pierre-Laurent Aimard spielt Olivier Messiaen beim Musikfest Berlin

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Olivier Messiaens »Catalogue d’Oiseaux« für Klavier, eine Sammlung von Klavierstücken mit »Vogelgesängen aus den Provinzen Frankreichs«, wird nur selten aufgeführt, auch keine einzelnen Teile daraus. Dass man dies nur bedauern kann, bewies die Aufführung durch Pierre-Laurent Aimard beim Musikfest Berlin am vergangenen Freitag.

Aimard gehört zu den bedeutendsten Pianisten bzw. Musikern unserer Zeit. Unvergessen ist beispielsweise seine Berlin-Premiere mit der »Concorde-Sonate« von Charles Ives, später noch einmal aufgeführt als Nachtmusik in der Philharmonie. Er ist kein »Tastenlöwe«, wie ihn der eventhörige Teil des Klassikpublikums liebt (auch wenn er selbstredend über eine stupende Technik verfügt). Aimard versteht sich in erster Linie als gestaltender Interpret besonderer Musik, der Bachs »Kunst der Fuge« ebenso aufführt wie Werke von Ives und Messiaen. Mit Ligeti oder Boulez war er durch enge Zusammenarbeit verbunden, Werke von Kurtag oder Benjamin hat er uraufgeführt. Aimard macht sich um die von den Pianisten-Darsteller*innen unserer Tage »liegen gelassenen« Werke verdient, wie eben um Messiaens »Catalogue d’Oiseaux«, ein Schlüsselwerk der Moderne.

Hier erleben wir nicht einfach aufs Klavier übertragene Vogelstimmen. Messiaen demonstriert den musikalisch-motivischen Artenreichtum der Gesänge und des Gezwitschers der Vogelwelt, aber er stellt sie in einen Zusammenhang, etwa der Umgebung oder des Tagesablaufs. So wird diese Klaviermusik zu einem »Wechselspiel von Wirklichkeit und Möglichkeit, die ineinander transformiert werden können« (Habakuk Traber im Programmheft). Dies alles erfolgt ohne die strenge Metrik von Taktabläufen, Vögel halten sich nicht an einheitliche Takte. Wer einmal aufmerksam heimischen Amseln oder Nachtigallen gelauscht hat, weiß, dass man nie kalkulieren kann, wann und wie sie ihre Gesänge fortsetzen. Es sind Gedankensplitter, Eruptionen, die mit mal ausgesprochen langen Pausen, mal in raschem Aufeinander formuliert werden. Vögel sind viel kleiner als wir Menschen und haben »ein Herz, das rascher schlägt, und nervöse, sehr schnelle Reaktionen« (Messiaen). Sie singen in extrem schnellen Tempi, sodass dem Komponisten nichts anderes übrig blieb, als »den Gesang der Vögel in ein langsameres Tempo zu transkribieren«, das aber immer noch sehr schnelle Tonfolgen und irrsinnige Triller in höchsten Lagen kennt.

Messiaen hat auch die zugehörigen Bewegungen der Vögel und der Natur mitkomponiert, etwa das Kreisen des Mäusebussards, dargestellt durch mächtige Akkorde, oder die Dunkelheit, die das nächtliche Heulen und Jaulen des Waldkauzes umfängt. Im zentralen Stück des Zyklus, beim Teichrohrsänger, hat Messiaen eine ganztägige Zeitschleife eingebaut, wir erleben einen imaginären Tagesablauf dieses Vogels und seiner Umgebung, des Schilfgürtels, also der Zone, wo sich Wasser und Land begegnen: Mitternachtsstimmung, ein »Gesang der Frösche«, Dämmerungen mit ihren vielstimmigen Vogelkonzerten.

All diese Natureindrücke nutzt Messiaen, um eine neue Art von Musik zu kreieren, die geradezu eine »neue Kunst des Klavierspiels« (Traber) erfordert: schnelle gestische Wechsel ebenso wie die Fähigkeit, die Zeit stillstehen zu lassen. Das Auskosten der extremen Tiefen (die bis dato nur als harmonischer Bass dienten) und Höhen des modernen Klaviers, wo jeweils ganz eigene, faszinierende und bis dato ungehörte »Sounds« entstehen. Da sind Jazz-affine Stellen, die an Thelonious Monk erinnern (etwa beim MittelmeerSteinschmätzer), ständige Halbtonschritte und Dissonanzen, dröhnende Cluster, waghalsige achttönige Akkorde und innig ersterbende Melodien. Messiaen hat mit Klangfarben, Rhythmus, der musikalischen Sprache und der Form experimentiert und so eine neue »Klangidentität des Klaviers« (Aimard) definiert.

Diesen Farbenreichtum des Werks pinselt Pierre-Laurent Aimard auf atemberaubende Art und Weise in die Berliner Philharmonie, und man möchte sich ewig treiben lassen in diesem Reich ungehörter Klänge.

Eine zweieinhalbstündige Sternstunde (leider vor nur halb besetztem Saal).

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