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Nachhaltige Produkte als Nische

Hersteller von fairer und ökologischer Heimelektronik sind noch immer eine Seltenheit

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Lange Zeit wirkte es, als würde der globale Smartphonemarkt sich unaufhaltsam mit immer neuen Verkaufsrekorden übertreffen. Doch der weltweite Absatzboom fand im vergangenen Jahr ein Ende. Die Zahlen klingen weiterhin gigantisch, doch in einer Branche, deren Erfolgsrezept bisher darin besteht, neue Geräte mit nur wenigen Monaten Abstand zu präsentieren, lösen sie zunehmend Nervosität aus. Auf ihrem Höhepunkt verkaufte die Branche 2017 noch 1,53 Milliarden Smartphones, 2018 waren es vier Prozent weniger. Auch die Daten für das erste und zweite Quartale dieses Jahres deuten darauf hin, dass sich dieser Trend fortsetzen dürfte.

Ihre Strategie grundsätzlich verändern wollen die Hersteller bisher allerdings nicht: Pünktlich mit Beginn der IFA in Berlin wird der Markt mit neuen Modellen geradezu geflutet. Mehr als ein Dutzend neuer Telefone erscheint in den Tagen rund um die Messe. Große Namen wie Samsung, Sony, LG und Huawei präsentieren nicht nur neue Geräte, sie fahren für ihre Präsentationen wie schon in der Vergangenheit groß auf. Tech-Gigant Samsung, aktuell Marktführer unter den Smartphoneproduzenten, hat erneut gleich eine ganze Halle auf dem Messegelände angemietet, wenngleich hier neben Mobiltelefonen die gesamte Palette an Heim- und Unterhaltungselektronik präsentiert wird.

Etliche Nummern kleiner geht es dagegen beim deutschen Smartphonehersteller Shift zu, der dieses Jahr ebenfalls wieder auf der IFA vertreten ist. Im Vergleich zu Marktführer Samsung, der allein im zweiten Quartal dieses Jahres über 76 Millionen Smartphones produzierte, ist das Unternehmen aus dem hessischen Dorf Falkenberg ein Winzling: 3,6 Millionen Euro setzte die Firma 2018 um, verkaufte seit ihren Anfängen vor sechs Jahren 30 000 ihrer sogenannten Shiftphones, bis Jahresende peilte man 50 000 Stück.

Wichtiger Impulsgeber für die gesamte Branche ist das kleine Unternehmen der Brüder Samuel und Carsten Waldeck dennoch: Shift hat sich zum Ziel gesetzt, ein sowohl ökologisch wie auch sozial nachhaltiges Smartphone zu produzieren. Das bedeutet vor allem: Kein Wachstum des Unternehmens um jeden Preis, keine Pseudoinnovationen, die schon nach kurzer Zeit durch neue Modelle ersetzt werden. Auch wenn es in der Branche niemand zugeben würde, ist es vielen herkömmlichen Herstellern natürlich ganz recht, wenn ihre Kunden möglichst oft ein neues Gerät kaufen. Die Nutzungsdauer eines Smartphones ist noch immer kurz. Aktuell beträgt diese im Durchschnitt 31 Monate, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Bernstein zeigt. Das ist schon Fortschritt: Noch im Jahr 2014 wurde eine Smartphone nach 23 Monaten ersetzt.

Ein Shift-Gerät soll deutlich länger seinen Zweck erfüllen, weshalb das Unternehmen schon bei der Konstruktion auf ein Konzept setzt, dass Kunden bei anderen großen Herstellern vergeblich suchen. Die Smartphones sind so gebaut, dass diese sich in Module zerlegen lassen.

Müssen wichtige Teile wie Akku, Display, Kopfhöreranschluss oder Ladebuchse ausgetauscht werden, kann der Kunde diese bei Shift nicht nur preiswert nachbestellen, sondern selbst austauschen. Bei Herstellern wie Samsung ist dagegen bereits ein Akkuwechsel oft eine technische Herausforderung. Auch bei den Arbeitsbedingungen in der Produktion setzt Shift Standards. Notwendige Rohstoffe wie Coltan und Gold bezieht Shift aus zertifizierten Minen in Kongo, auch in der Fabrik im chinesischen Hangzhou arbeiten die Beschäftigten unter deutlich besseren Bedingungen als bei anderen Smartphoneproduzenten. So gilt etwa die 40-Stunde-Woche und es gibt eine umfassende soziale Absicherung. Weil die Stückzahlen niedrig sind, müssen Käufer eines Shiftphones ihr Gerät erst bezahlen, bevor es produziert wird. Das kleine hessische Unternehmen braucht dadurch allerdings auch keine Kredite und sichert so seine Unabhängigkeit.

Etwas anders aufgestellt ist der Hersteller Fairphone, der vor wenigen Tagen die dritte Generation seines gleichnamigen Smartphones vorgestellt hat. Auch die Niederländer setzen auf eine modulare Bauweise, bestellbare Ersatzteile und sozialere Arbeitsbedingungen in der gesamten Produktion. Im Unterschied zum Shiftphone gibt es das Fairphone allerdings nicht nur auf Vorbestellung sondern auch in den Shops klassischer Mobilfunkanbieter.

In ersten Tests wurde jedoch bemängelt, dass Kunden für den Preis von 450 Euro ein technisch eher mittelmäßig ausgestattetes Gerät erhalten, was etwa Prozessor und Kamera angeht. Dafür punktet Fairphone mit seiner Langlebigkeit. Der Hersteller verspricht, dass es für das inzwischen seit drei Jahren erhältliche »Fairphone 2« noch drei weitere Jahre Ersatzteile geben wird. Auf dem schnelllebigen Smartphonemarkt ist das bereits eine Ewigkeit.

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