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Hegel ist gerettet

Diego Castros 1. Roman

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wolf Wondratschek veröffentlichte 1970 ein Buch mit dem Titel »Ein Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will«. Das war Hegels Herr-Knecht-Dialektik ins Fatale gewendet, um sie als »unabgegoltene« (Ernst Bloch) sozusagen gesellschaftsverändernd scharf zu stellen wie einen Zeitzünder. Losgegangen ist der allerdings nie.

Der Videokünstler, Popmusiker und Kunstkritiker Diego Castro hat nun mit »Der Knecht« seinen dialektischen Debütroman vorgelegt: einen Roman, der ein Essay werden könnte, bzw. einen Essay, der ein Roman werden könnte. Castro nennt es einen »Romanessay«. Rein positivistisch betrachtet, lässt sich sagen, der Roman hat verloren, der Essay hat gewonnen. Im Roman passiert wenig, in den Theoriefragmenten, die Castro immer wieder einschiebt, dagegen schon - es wimmelt von Zitaten, Referenzen und Beobachtungen. Es sind die Gedankenausflüge eines ansonsten fast stillgestellten Menschen.

Der Protagonist ist ein unterbeschäftigter Kunstwissenschaftler in Berlin mit dem robert-musilianischen Namen Ulrich Aignschaft. Er ist arm, weil er zu wenig zu arbeiten hat, und wird darüber langsam verrückt. Von der Freundin verlassen, sitzt er zu Hause und trinkt und raucht und hört Musik, und wenn er mal raus geht, fühlt er sich äußerst ungut: »Ich war ein Dauergekränkter. Ich gehörte zur Armee derer, die auf der Straße bei jeder Gelegenheit rücksichtslose Taxi- und Radfahrer wüst beschimpfen und ständig Selbstgespräche mit imaginären Todfeinden führten. (…) Mit hängendem Kopf und hochgezogenen Schultern wanderte ich durch die Stadt. Eine Mischung aus James Dean und Quasimodo.«

Die kulturphilosophischen Erörterungen, die Aignschaft in den Sinn kommen, verheißen auch keine Stimmungsaufhellung, denn sie sind sehr kulturpessimistisch gehalten. Obwohl sie mit Fußnoten versehen sind, wirken sie eher spielerisch-assoziativ statt durchkomponiert. Culture Studies als negativer Tagtraum. War es in Musils »Mann ohne Eigenschaften« eigentlich anders?

Castros Ulrich schraubt an den großen Themen wie an einem alten Auto: Es gibt eine kleine Publikumstheorie der Popmusik, es geht um die Durchkapitalisierung der Kunst und der Emanzipationsmodelle von 1968, auch um die »Ghettoisierung Ostdeutschlands« oder um die Inszenierung von Transparenz und Macht in der Architektur.

In der realen Welt muss Ulrich zum Jobcenter, zum Arzt und schließlich mit letzter Kraft nach Barcelona, was ihm aber alles nichts bringt. Zurück in Berlin, fasst er einen Entschluss: Er wird Knecht auf dem kleinen Bauernhof seiner Oma »im Südwesten«. Dem Jobcenter schreibt er einen Abschiedsbrief: »Sehr geehrte Damen und Herren, mein Entschluss steht fest und es bleibt dabei: Ich werde Knecht und endlich frei.« Hegel ist gerettet, wieder einmal. Ein nicht uncooles Buch gegen die landläufigen Selbstoptimierungs- und Good-Feeling-Diktate. Wenn auch etwas zu streng in der Form, mit der die Ereignislosigkeit im modernen Geistesleben gegeißelt wird.

Diego Castro: Der Knecht. Romanessay. Ripperger & Kremers. 279 S., br., 29,90 €.

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