Frieden und Harmonie. Schade, dass es kein sozialistisches Shangri-la gibt.
Sozialistischer Experimentalismus

Wir brauchen Koordinaten

Erik Olin Wrights Plädoyer für sozialistischen Experimentalismus.

Von Tom Strohschneider

Als Anfang dieses Jahres der Tod von Erik Olin Wright zu beklagen war, haben sich viele vor diesem außergewöhnlichen Menschen verbeugt. Was ihn unter anderem auszeichne war nach Michael Brie seine Fähigkeit, das, »was Ernst Bloch den Kältestrom des Marxismus nannte, mit dem Wärmestrom emanzipatorischer Visionen« zu verbinden.

Es scheint, als hätte auf der gesellschaftspolitischen Waage in den vergangenen Jahren das eine, eben diese Utopielust, jener hoffende Ausgriff auf eine Idee von befreiter Gesellschaft wieder etwas mehr Gewicht erhalten - nicht zuletzt deshalb, weil offenkundige soziale, ökologische und ökonomische Abgründe das andere, die kühlere Analyse, seit der großen Krise ab 2008 zurück in die Arena der veröffentlichten Kritik geholt haben. Es wird wieder Kapitalismus gesagt. Freilich, eine Alternative dazu, ist »das Einfache, das schwer zu machen ist«. Was wären »reale Utopien«? Dem danach fragenden Hauptwerk von Erik Olin Wrights, 2010 erschienen, folgte nun posthum eine Fortsetzung: »Mein Schwerpunkt hatte sich verlagert, und mir ging es nun um das Problem der Strategie, um die Frage, wie man vom Hier und Heute aus das anvisierte Ziel erreicht.«

Was Wright in diesem Band an Überlegungen nachlässt, hat Gewicht. Es greift Debatten auf, die sich um sein »Envisioning Real Utopias« drehten - etwa um die widersprüchliche Rolle des Staates. Es bietet eine aktualisierte Synthese der Gesellschaftskonzeption von Wright, die von der Frage gesellschaftlicher Macht über die Verteilung und Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen ausgeht und den Sozialismus von Kapitalismus und Etatismus unterscheidet. Sie knüpft an gegenwärtige Kontroversen des progressiven Lagers an, etwa wenn es um die Frage des Verhältnisses von klassenbezogenen und nicht-klassenbezogene Identitäten für emanzipatorische Praxen geht.

Auch vom titelgebenden Begriff »Antikapitalismus« möge man sich nicht abhalten lassen. Dass dieser nicht selten in parolenhafter Verkürzung so tut, als würde unter den Trümmern der kritisierten Verhältnisse einfach etwas Neues, Anderes auftauchen, ist zwar richtig. Wright versteht unter einem »linken Antikapitalismus« allerdings eher eine radikal-evolutionäre Suchbewegung. Immer wieder pocht er darauf, dass es kein »Modell« mit generalisierter Weltgeltung gibt. Sondern: »Die tatsächliche Struktur einer zukünftigen, nachhaltig demokratischen sozialistischen Wirtschaft jenseits des Kapitalismus wäre das Ergebnis eines langfristigen, breiten Prozesses demokratischer Experimente.«

Was Wright allerdings formuliert, ist ein Kompass für jene, die den Weg erst beim Gehen finden werden. Seine vorgeschlagene »strategische Mixtur« berücksichtigt konkrete Erfahrungen, von denen Veränderung ausgehen muss, regionale Besonderheiten für so etwas wie sozialistische Labore. Und die geht von einer Kritik der bestehenden Verhältnisse aus, die diese nicht als fest gefügtes Etwas ansehen, sondern als etwas, in dem sich ständig die Kräfteverhältnisse verändern, und also auch die Voraussetzungen zu radikaler Realpolitik.

Dass er für »einen demokratischen Marktsozialismus, verstanden als eine radikale Form der Wirtschaftsdemokratie« plädiert, wird in der Linken sicher nicht ohne Widerspruch bleiben. Dass er ein Bedingungsloses Grundeinkommen als »Kernbaustein einer demokratischen sozialistischen Wirtschaft« mit ins Zentrum seiner Überlegungen rückt, wohl ebenfalls. Wrights Betonung von bestehenden »Inseln« kooperativer Marktwirtschaft, Ansätzen von solidarischer Ökonomie, marktferner Wirtschaftsorganisation und durchgreifender Demokratisierung der Produktion und Verteilung ist so optimistisch, wie man unter den bestehenden Bedingungen sein kann - und so skeptisch, wie man es sein muss. Dies geht bis in die Sprache, die von Genauigkeit geprägt ist, die keine der viel zu oft gehörten Besserwissertonlagen braucht, um zu überzeugen, weil sie dies damit schafft, auf Widersprüche auch da hinzuweisen, wo sie mit dem eigenen Wollen kollidieren.

Apropos wollen. Die Geschichte linker Gesellschaftskritik ist reich an Debatten, die eine moralische Begründung für eine andere Gesellschaft eher abgelehnt haben. Ethische Fundamente für einen Sozialismus galten dabei als Überreste »bürgerlichen« Utopismus, welcher die »wissenschaftliche« Notwendigkeit historischer Entwicklung nicht begreifen wolle.

Dagegen plädiert Wright dafür, dass »die Diskussion über Werte im Mittelpunkt einer fortschrittlichen Politik stehen« sollte. Er formuliert dies als erste seiner »Leitlinien«, die man nicht als Gesetze, sondern als Fixpunkte verstehen sollte, zwischen denen sich progressives Handeln entwickeln kann. Ein wertebasierte sozialistische Praxis ist für Wright nicht nur deshalb wichtig, weil er ein »rein auf Klasseninteressen basierendes Aufbegehren« heutzutage für nicht mehr ausreichend ansieht. Die ethische Begründung hat für ihn zudem den Vorteil, dass sie »den lebendigen Zusammenhang zwischen den Klasseninteressen im Herzen des erodierenden Kapitalismus und anderen, an die Identität geknüpften Interessen mit emanzipatorischen Ambitionen herstellen« kann.

»Wir brauchen Koordinaten nicht nur für eine Einschätzung, was am Kapitalismus falsch ist, sondern auch dafür, was Alternativen attraktiv macht«, schreibt Wright - und schlägt drei Wertegruppen vor, die »für eine moralische Kritik des Kapitalismus zentral« seien: Gleichheit/Fairness, Demokratie/Freiheit und Gemeinschaft/Solidarität. Eine um diese Normen geknüpfte »Gesamtstrategie der Erosion des Kapitalismus« dürfe, auch das betont er noch einmal ausdrücklich, »nicht ausschließlich um den Staat zentriert« sein und politische Parteien nicht als »die einzigen kollektiven Akteure« ansehen.

Was aber ist mit Erosion gemeint? Eine Strategie des kollektiven Lernens und Ausprobierens, bei dem - wo möglich unterstützt vom Staat, wo denkbar in Kooperation mit dem Bestehenden, die Räume des Alternativen wachsen können, zu Lasten der Dominanz kapitalistischer Verkehrsformen. Oder in Wrights Worten: »Die Erosion des Kapitalismus als Strategie beruht auf der Idee, die dynamischsten emanzipatorischen Spezies nicht-kapitalistischer ökonomischer Aktivitäten in das Ökosystem des Kapitalismus einzuführen. Diese würden gedeihen, indem wir ihre Nischen schützen und Wege suchen, ihr Habitat auszudehnen. Letztlich wäre die Hoffnung, dass diese fremden Spezies aus ihrer Nische ausbrechen und das Ökosystem als Ganzes verändern können.«

Wright weiß natürlich, dass diese Vorstellung »illusorisch« wirkt, »weil es alles andere als plausibel erscheint, dass es vor dem Hintergrund des enormen Gewichts und Reichtums kapitalistischer Konzerne und der Abhängigkeit des Lebensunterhalts der meisten Menschen vom reibungslosen Funktionieren des kapitalistischen Marktes gelingen könnte«, diese Erosionsarbeit erfolgreich zu leisten. Aber was wäre die Alternative? Ein Sprung aus der Geschichte ist so wenig möglich wie das sozialistische Shangri-la, in das man bloß noch unter Fanfaren einzuziehen braucht.

Also ist »Linker Antikapitalismus« auch ein hoffendes Buch - Wright erweitert das berühmte Gramsci-Zitat vom Pessimismus des Intellekts und des Optimismus des Willen um die Pointe, dass wir »zumindest auch ein wenig Optimismus des Intellekts« brauchen, »um den Optimismus des Willens aufrecht zu erhalten«. Wright hat diese Kraft aufgebracht noch im Angesicht seiner schweren Erkrankung. Die Verbindung zwischen »Kältestrom« und »Wärmestrom« werden nach seinem Tod andere aufrecht erhalten müssen. Sein politisches Testament hilft dabei.

Erik Olin Wright: Linker Antikapitalismus im 21. Jahrhundert. Was es bedeutet, demokratischer Sozialist zu sein. VSA, 126 S., br., 12,80 €.