Gender

Der Faschismus und die Frauen

Lotte Laloire sieht bei den Rechten eine neue Strategie

Von Lotte Laloire

»Ich bin wieder hier, war nie wirklich weg«, singt das Monster des autoritären Charakters und tanzt angesichts der Wahlergebnisse der AfD auf den Tischen. Doch bei allen psychoanalytischen und programmatischen Kontinuitäten von 1933 bis heute gibt es in der extremen Rechten auch neue Entwicklungen. So ist nur schwer vorstellbar, dass Nazis in den 1930er Jahren »deutschen Frauen« gewünscht haben, von »einer Horde Negern durchgefickt« zu werden, wie es Rechte heute ständig in Kommentarspalten schreiben. Für die Erben der NSDAP - wie die Wehrsportgruppe Hoffmann in den 1980ern, die Republikaner in den 1990ern oder den NSU in den 2000ern - haben Geschlechterfragen keine derart große Rolle gespielt. Selbstverständlich sahen sie Frauen hauptsächlich als Gebärmaschinen, deren primäre Funktion es ist, den Volkskörper zu reproduzieren. Praktisch waren die einen aber allein ihrem homoerotischen Männerbund verpflichtet, die anderen konzentrierten sich darauf, gegen Geflüchtete oder Sinti und Roma zu hetzen. Und auch der NSU mordete vor allem nach rassistischen Prämissen. Im Vergleich dazu gibt der Faschismus Frauen derzeit so viel Aufmerksamkeit wie ein Junge, der gerade in die Pubertät gekommen ist, und das nicht nur auf die nette Art. Insbesondere diejenigen, die oft als »Rechtspopulisten« verharmlost werden, legen eine unglaubliche sexualisierte Aggressivität an den Tag. Neben Frauen sind davon auch diejenigen betroffen, die in keine der dichotomen und heterosexuellen Schablonen passen.

Eine Vorbedingung für den »Gender-Turn« der extremen Rechten war zweifelsfrei das Internet - Katalysator für Hass, Propaganda und Lügen. Auf Frauen, die es wagen, ihre Meinung zu äußern, reagieren rechte Pöbler online oft mit einem Dreiklang des Hasses: Das Aussehen der Frauen wird beleidigt, ihnen wird die Kompetenz abgesprochen, und es wird ihnen mit Vergewaltigung oder Mord gedroht. Diese Wut kommt nicht nur aus dem Bauch irgendeines sozio-ökonomisch abgehängten Ost-Mannes. Die Angriffe werden teils systematisch und über militärische Befehlsketten orchestriert, wie es die YouTube-Dokumentation »Lösch dich!« im Fall des geheimen Netzwerks »Reconquista Germanica« aufgedeckt hat. Sexismus ist Strategie. Und die geht weit über die Einschüchterung oder Zerstörung einzelner Frauen hinaus. So vertritt die Soziologin Franziska Schutzbach in ihrem 2018 erschienenen Buch die These: Antifeministische Rhetorik dient als Instrument zur gesellschaftlichen »Einmittung« rechter Weltanschauungen. Das heißt, Begriffe wie »Gendergaga« oder »Feminazi« fungieren als Chiffren. Mit ihnen durch die Tür schleicht sich die Ablehnung allgemeinerer Werte wie Gleichheit, Inklusion oder Menschenrechte, die die AfD langfristig bekämpft. Hinzu kommt: Weil so viele vom Feminismus genervt sind, ist es für die extreme Rechte ein Leichtes, über dieses Thema Querverbindungen zu Konservativen, Liberalen, Normalos und selbst zu einigen Linken herzustellen.

Doch es gibt auch einen schönen Grund, aus dem die Rechten das Geschlechterthema aufgreifen mussten: die Frauenbewegung. Hätte sie nicht gesellschaftliche Macht und Gesetze zur Gleichstellung erkämpft, könnte die AfD sich gar nicht darüber aufregen. Womöglich ist das rassistische Gefasel, »deutsche Frauen vor Ausländern beschützen« zu wollen, sogar ein Versuch der AfD, mit Pseudo-Feminismus weibliches Wahlvolk zu bezirzen. Der strategische Einsatz dieses Narrativs hat in den letzten Jahren jedenfalls auch zugenommen - und das ist kein Widerspruch zu aggressivem Sexismus. Hinter beidem steckt die Idee, die Frau sei Eigentum des Mannes, das er gefälligst selbst beherrschen und vergewaltigen will. Was die Ideologie angeht, schließt dieses Frauenbild den Kreis zwischen heutigen und damaligen Faschisten.