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  • »Idioten der Familie«

Die klugen kalten Herzen

Überanstrengt und überdeutlich: »Idioten der Familie« von Michael Klier

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eine überaus befremdliche Geschwisterrunde
Eine überaus befremdliche Geschwisterrunde

Jean-Paul Sartre schrieb ein Werk, bestehend aus fünf dicken Bänden, unter dem Titel »Der Idiot der Familie«. Gemeint war damit der Schriftsteller Gustave Flaubert, der von seinem erfolgreichen Chirurgenvater ebenso wie von seinem Bruder, der dem Vater in Profession und Ansehen folgte, gänzlich missachtet wurde. Einer, der nur unter größten Mühen schreibt und damit noch nicht einmal viel Geld verdient! Flauberts Lebenstrauma blieb seine Familie, eine Kugel im Kopf, mit der man - schwer verwundet - irgendwie weiterlebt, aber deren Existenz man keine Sekunde vergisst. Ironischerweise geht es in dem umfangreichen Werk fast gar nicht um Flaubert, den nimmt Sartre bloß zur Projektionsfläche für Eigenes. Da wird dann der namensgebende Autor gleich noch einmal gedemütigt.

Womit wir bei Michael Klier sind, der einen überaus frankophilen Film unter dem Titel »Idioten der Familie« gedreht hat - in dem es nicht um Flaubert geht, aber auch nicht um jene, die eigentlich die Hauptfigur ist, sondern immer nur um diejenigen drum herum, die selbstgefällig vor sich hin räsonieren. Ginnie (Lilith Stangenberg) ist eine geistig behinderte junge Frau, die in ihrem Elternhaus am Rande Berlins lebt, betreut von ihrer älteren Schwester Heli (Jördis Triebel). Seit acht Jahren kümmert sich die Malerin um Ginnie, hat dafür die Kunst fast ganz aufgegeben.

Nun aber hat Ginnie, die kaum spricht und zudem unberechenbar scheint, die Sexualität entdeckt. Vor dem Haus wartet häufig ein ebenfalls geistig behinderter Mann auf sie. Den kennt sie vermutlich aus der Theatergruppe, zu der sie aus therapeutischen Gründen geht. Aber so genau interessiert das hier nun auch wieder niemanden. Jedenfalls droht die Sache peinlich zu werden, das ist entscheidend. Ginnie entzieht sich immer mehr Helis Kontrolle - darum steht für diese fest: Das muss ein Ende haben, Ginnie soll ins Heim, ein gutes und teures natürlich.

Kurz vor dem Einweisungstermin kommen auch die drei Brüder in ihr Elternhaus, um sich von ihrer kleinen Schwester zu verabschieden. Alle drei sind sie, das scheint heute normal, etwas Besonderes - natürlich Künstler, im engeren oder weiteren Sinne. Bruno (Florian Stetter) hat in einem Projekt an der Universität über Flüchtlinge in der modernen Gesellschaft geforscht und wird jetzt in ein Entwicklungsprojekt nach Mali gehen. Am liebsten jedoch spielt er mit seiner Brille und spricht, wie man im Oberseminar Soziologie über die Welt spricht: sehr von oben herab. Er hat auch über die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, Menschen mit Behinderungen anzuerkennen, sofort eine Theorie parat. Dass Heli ihre Schwester so lange im Hause hatte, findet er Kaspar-Hauser-ähnlich. Literaturkundige verstehen derartige Anspielungen sofort - von Heli erhält er zumindest eine Ohrfeige dafür. Die anderen beiden Brüder Tommie und Frederik (Hanno Koffler und Kai Scheve) sind Musiker, irgendwie jedenfalls. Der eine hat gerade seinen dritten Porsche kaputt gefahren, als Orchestermusiker scheint man sich das leisten zu können, der andere war monatelang auf La Gomera abgetaucht, man sagt, er sei dort in der Psychiatrie gewesen. Nein, er habe für die Patienten Musik gemacht, dementiert er.

Diese überaus befremdliche Geschwisterrunde zeigt uns nun Michael Klier in aller kammerspielartiger Ausführlichkeit. Das ist einerseits im Stil von Truffaut und Godard (die er bewundert) gehalten, also mit Sinn für die artifiziellen Befindlichkeiten der handelnden Personen, andererseits auf sehr deutsche Weise didaktisch. Also in jedem Augenblick anstrengend! Diese Bande von egoistischen Selbstdarstellern scheint gar nicht zu bemerken, dass sie in Ginnies mal stille, mal schreiend laute Welt eindringt, diese brutal zerstört.

Die Reste von Ginnie kommen dann ins Heim - alles verläuft korrekt und mit nicht geringem verbalen Aufwand verbunden, sich selbst ein intellektuell unangreifbares Alibi für das eigene Versagen zu verschaffen. Die beiden Musiker-Brüder spielen sogar für Ginnie eine Art Abschiedsständchen, Gustav Mahlers »Abschied« aus dem »Lied von der Erde«, das halten sie für passend, vielleicht auch für komisch. Ginnie wehrt sich, drückt auf die Tasten ihres Kassettenrekorders, den sie immer umklammert hält. Laute Hass-Beats kontern die wohltemperierte Gemeinheit.

Es ist eine typisch deutsche Mittelstandsbürgerfamilie, die Klier hier vorführt: Alle, außer Ginnie natürlich, zelebrieren ihre Individualität. Sie sind jedenfalls für Höheres bestimmt. Statt mitfühlender Herzenswärme gibt es kalte Zynismen en masse. Man steht eben darüber, über allem. Bei Truffaut oder Godard gelang gelegentlich solche familiäre Versuchsanordnung, die keine nachvollziehbare Handlung braucht. Bei Klier dagegen erkennt man die Absicht, dem Mittelstandsbürger den Spiegel vorzuhalten, ihn bloßzustellen - und ist schon verstimmt. Alles ist hier irgendwie überanstrengt und fingerzeigend überdeutlich.

Aber natürlich lohnt es dennoch, sich dieses filmische Experiment anzuschauen, das gleichsam ein Gegenstück zu Lars von Triers »Idioten« ist. Dort gebärden sich normale Menschen verrückt, sprengen alle Grenzen und Regeln. Hier finden sie sich zusammen, um diejenige unter ihnen, die wirklich anders ist, mit vielen guten Gründen abzuschieben.

Es ist der Film vor allem von Lilith Stangenberg (deren Urkraft unbezwingbar scheint) als Ginnie und Jördis Triebel als ihrer Schwester Heli, der alleingelassen die Kräfte schwinden. Sie will heiraten, wieder malen und nicht bloß für ihre Schwester da sein. Sie allein unter den klug daher- redenden Geschwistern hat das Recht, das so auszusprechen.

Lilith Stangenberg, vor noch nicht langer Zeit sehr jung und sehr auffällig an Castorfs Volksbühne, besticht durch die Hermetik ihrer Figur, aus der sie nie heraustritt. Sie verteidigt ihre eigene Welt mit Lallen, Schreien, Spucken und Treten - man versteht sie dabei sehr gut. Ihre Präsenz ist außergewöhnlich. Vielleicht hätte man die Brüder nie einladen dürfen, ohne sie wäre es auch ein ganz anderer, sehr herber, sehr wahrer Film geworden.

»Idioten der Familie«, Deutschland 2019. Regie: Michael Klier. 102 Min.

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