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Als Zwölfjähriger im KZ

Die Gedenkstätte Sachsenhausen informiert über die Schicksale minderjähriger Häftlinge

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

An der Straße der Einheit in Oranienburg, kurz bevor die Zufahrt zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen abzweigt, hängt noch ein Wahlplakat des Landtagsabgeordneten Andreas Galau (AfD). Jemand hat mit einem schwarzen Stift ein Hitlerbärtchen in Galaus Porträt gemalt. Und gerade erst gab es eine Anzeige, weil ein Mann am Bahnhof Oranienburg vor einer Besuchergruppe der Gedenkstätte den Hitlergruß gezeigt haben soll.

Das ist die Lage der Dinge, als der polnische Überlebende Bogdan Bartnikowski am Mittwoch in die Gedenkstätte kommt. In Baracke 39 ist er dabei, als eine neue Medienstation zum Schicksal minderjähriger Häftlinge präsentiert wird. An der Station können sich jeweils zwei Besucher Ausschnitte aus Interviews mit 14 Überlebenden ansehen. Schriftlich hinterlassene Erinnerungen wurden von Schülern vorgelesen und können jetzt angehört werden. Außerdem sind Fotografien und Zeichnungen von Häftlingen zu sehen.

Es habe sich als pädagogisch besonders wertvoll herausgestellt, jugendliche Besucher mit dem Schicksal von Gleichaltrigen bekannt zu machen, erklärt die stellvertretende Gedenkstättenleiterin Astrid Ley. Sie berichtet von unterschiedlichen Erfahrungen. Grundsätzlich sei die SS zu allen Häftlingen grausam gewesen, auch zu den Kindern. Doch manchmal habe es ein Wachmann auch nicht so genau genommen, wenn ihn ein kleiner Junge nicht vorschriftsmäßig grüßte.

Das Verhältnis zu den erwachsenen Häftlingen war ebenfalls gespalten. Manche drängten sich bei der Essensausgabe rücksichtslos vor oder sorgten dafür, dass Jugendliche in gefährlichste und deshalb gefürchtete Arbeitskommandos gesteckt wurden. Andererseits gab es Häftlinge wie den Sozialisten Franz Bobzien, der den Heranwachsenden im Lager geholfen hat, wo er nur konnte.

Die spezielle Jugendbaracke im KZ Sachsenhausen gibt es nicht mehr. Sie befand sich aber in der Nähe der Baracke 39. Deswegen hat man die Medienstation nun hier aufgestellt. Bogdan Bartnikowskis Lebensweg wird nicht vorgestellt. Er ist auch während des Zweiten Weltkriegs nie in Sachsenhausen gewesen. Gemeinsam mit seiner Mutter wurde er im Januar 1945 aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in ein Außenlager in Berlin-Blankenburg gebracht, das zum Lagerkomplex von Sachsenhausen gehörte. Der Transport erfolgte in einem Personenzug. Für den jungen Bogdan eine beinahe unglaubliche Wendung, hieß es doch, dass ein Häftling Auschwitz nur durch den Schornstein des Krematoriums verlassen könne. Die Unterkünfte in Berlin-Blankenburg waren gemauert und damit besser als die Holzbaracken in Auschwitz-Birkenau. Nicht besser war die Verpflegung. Bartnikowski musste nach Bombenangriffen die Trümmer in harter Arbeit beiseiteräumen und bekam wenig Schlaf. Wenn Fliegeralarm war, durften die KZ-Häftlinge nicht in die Luftschutzbunker, die der deutschen Bevölkerung vorbehalten waren, erinnert er sich.

Mit zwölf Jahren, in der Nacht zum 12. August 1944, war Bogdan mit seiner Mutter aus ihrem Haus in Warschau verschleppt worden. Es sei der erste Transport im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Warschauer Aufstands gewesen, sagt er. 5000 Männer, Frauen und Kinder wurden nach Auschwitz-Birkenau gebracht und dort an der Rampe voneinander getrennt. Wie alle Jungs ab zehn Jahren musste Bogdan ins Männerlager. Die Mutter kam ins nur 100 Meter entfernte Frauenlager. Doch diese Distanz war für Bogdan unüberwindlich. Erst nach drei Monaten ergriff er eine sich bietende Gelegenheit, kurz seine Mutter zu sehen, die ihn umarmte.

»Das Leben im Konzentrationslager war grausam«, erzählt der inzwischen 87-Jährige. Am Ende des Grauens sei er doppelt glücklich gewesen - »weil ich überlebt habe und weil ich frei war«. Bartnikowski wurde Journalist und Autor, schrieb zahlreiche Bücher, darunter Romane, auch Gedichte. Sein bekanntestes Werk »Eine Kindheit hinterm Stacheldraht« erschien 1969. Diese immer wieder neu aufgelegten Kindheitserinnerungen wurden Schullektüre. Eine deutsche Übersetzung kam erst 40 Jahre später heraus.

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