Werbung

Ein aggressiver Konzern

Die permanente Expansion von Amazon ist eine Herausforderung für die Gewerkschaft

  • Von Jörn Böwe und Johannes Schulten
  • Lesedauer: 8 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Streik von Amazon-Mitarbeitern 2013 vor dem Logistik-Center des Internet-Händlers in Bad Hersfeld
Streik von Amazon-Mitarbeitern 2013 vor dem Logistik-Center des Internet-Händlers in Bad Hersfeld

Hat sich die Gewerkschaft, was die Härte und Dauer des Arbeitskampfes angeht, verrechnet? Drohen sich die Streiks gar »totzulaufen«, wie ein Journalist in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« bereits 2014 spekulierte? Und wie geht der Konflikt mit dem permanent wachsenden Konzern weiter? Im sechsten Streikjahr müssen auch solidarische Beobachter*innen konstatieren, Amazon erscheint weitestgehend immun. Aber ebenso gilt: Zumindest an den älteren Standorten ist ver.di eine Macht, die nicht mehr wegzudenken ist. Die Gewerkschaft wird also gewollt und gebraucht - auch wenn eine Mitgliedschaft sich nicht unmittelbar durch spürbare Verbesserungen der Arbeits- und Lohnbedingungen auszahlt.

All die Hindernisse, auf die ver.di beim Versuch stößt, die Auseinandersetzung auf eine höhere Stufe zu heben, sind längst Gegenstand einer breiten Diskussion in den Vertrauensleutestrukturen der verschiedenen Versandzentren. Und mehr noch: So wie Amazon im Verlauf des Konflikts dazugelernt hat, versuchen auch die Streikenden permanent, sich strategisch auf die sich wandelnden Bedingungen und Herausforderungen einzustellen. Vier aus Sicht der Autoren zentrale Herausforderungen seien hier genannt.

Mit Amazon Schritt halten

Amazons Wachstum ist auch 25 Jahre nach Gründung rasant. Allein in Deutschland hat das Unternehmen seit Anfang 2017 drei neue Fulfillment Centers (FC - fabrikähnliche Hallen in der Größe mehrerer Fußballfelder) eröffnet, ein viertes soll im Herbst 2019 in Mönchengladbach den Betrieb aufnehmen. Permanent erweitert und differenziert Amazon sein Logistiknetz (Prime Now Hubs, Auslieferstationen, eigene Lieferdienste usw.). Dabei geht das Unternehmen nicht nur schnell, sondern auch ungeheuer flexibel, experimentierfreudig und innovativ vor und revolutioniert sich fortwährend selbst.

Die bisherigen Erfahrungen gewerkschaftlicher Organisierung bei Amazon haben gezeigt, dass das Potenzial an Amazon-Beschäftigten, die bereit sind, sich gewerkschaftlich zu organisieren und zu engagieren, um für eine humanere Arbeit zu kämpfen, riesig ist. Doch Beschäftigte treten nur in eine Gewerkschaft ein, wenn sie einen entsprechenden Zugang haben. Es braucht eine Gewerkschaft vor Ort, der sie vertrauen, die sie unterstützt, begleitet und verlässlich ist: Organizing promotes self organizing.

Ein spürbarer Aufbau von Organisationsmacht bei Amazon erfolgte in Deutschland erst, als ver.di den Konzern auf der Prioritätenliste nach oben setzte und gezielt zusätzliche Ressourcen in die strategische Erschließung investierte. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund des massiven Einsatzes von befristeter Beschäftigung (etwa 80 Prozent) an neu eröffneten Standorten, der aktive Gewerkschaftsarbeit in den ersten zwei Jahren erschwert. Dass es trotzdem möglich ist, auch an neuen FC gewerkschaftlich handlungsfähig zu werden, zeigt gleichwohl das Beispiel Dortmund.

Die ver.di-Aktiven- und Vertrauensleutestrukturen an den gut organisierten Standorten spielen heute eine zentrale Rolle im Konflikt. Was sie nicht leisten können, ist die Organisierung neu hinzukommender Betriebe. Hier muss wieder wie 2011 in Bad Hersfeld mit shop floor organizing bei null angefangen werden. Und kaum ist ein Standort organisiert, eröffnet der nächste. Um mit Amazons Expansion Schritt halten zu können, braucht es systematische, professionelle und kontinuierliche gewerkschaftliche Unterstützung vor Ort. Dazu gehören auch (exklusive) Angebote für solche Beschäftigte, für die die Teilnahme am Arbeitskampf (noch) nicht möglich ist, etwa weil sie befristet sind. Bereits diskutierte oder partiell genutzte Instrumente wären etwa Newsletter mit interessanten und exklusiven (Teil-)Brancheninformationen aus Arbeitnehmerperspektive oder Vernetzungsmöglichkeiten über den Betrieb hinaus. Auch bereits praktizierte Tandemmodelle mit »erfahrenen« FC sollten ausgebaut werden. Kurz: Es braucht einen strategischen Masterplan für die Erschließung des Konzerns. Das alles kostet Geld, das aufzubringen für ver.di nicht leicht ist. Ohne zusätzliche Ressourcen, die über die »Regelbetreuung« hinausgehen, wird in dem Konflikt auf lange Sicht kein Durchbruch möglich sein.

Stärker werden, wo man gut aufgestellt ist

Im deutschen System der Arbeitsbeziehungen hängt die gewerkschaftliche Mitgliederwerbung vor allem an den Betriebsräten. Bei Amazon allerdings ist die Bindung zwischen den Betriebsräten und ver.di vergleichsweise schwach. Die Gremien sind vielfach gespalten zwischen unternehmensnahen und gewerkschaftlich orientierten Betriebsratsmitgliedern. Über handlungsfähige Mehrheiten verfügt die Gewerkschaft selten. Die Gewinnung neuer und das Halten alter Mitglieder sehen folglich nur wenige Betriebsratsmitglieder als ihre Aufgaben.

Allerdings hat sich bei Amazon in den vergangenen Jahren etwas herausgebildet, das zumindest im Einzelhandel einzigartig ist: eine motivierte Gruppe von ehrenamtlichen Vertrauensleuten und Aktiven. Sie sind es, die die Gewerkschaft im Betrieb repräsentieren, als Ansprechpartner*innen für Beschäftigte zur Verfügung stehen, bei Kritik als »Blitzableiter« fungieren und einen Großteil der Streikorganisation übernehmen. Das kann nicht genug wertgeschätzt werden und ist für einen großen Teil der deutschen Arbeitsbeziehungen einzigartig - vor allem über einen so langen Zeitraum hinweg.

Doch gerade bei Amazon ist diese Art der ehrenamtlichen Mitgliederbetreuung mit extrem viel Arbeit verbunden, nicht zuletzt durch die hohe Fluktuation: »Von den Kolleginnen und Kollegen, die 2013 angefangen haben zu streiken, sind vielleicht noch ein Viertel da«, sagt eine Gewerkschaftssekretärin (GS9). Die Neueingestellten wissen nicht, wie es früher war. Argumente von Amazon, warum Gewerkschaften Teufelszeug sind, müssen immer aufs Neue widerlegt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Vertrauensleutearbeit bei Amazon in einem extrem gewerkschaftsfeindlichen Unternehmen stattfindet - und insofern etwas völlig anderes ist als etwa die bei Daimler oder Volkswagen.

Angesichts dieser Herausforderungen laufen ehrenamtliche Strukturen bei Amazon, so gut sie auch organisiert sind, Gefahr, tendenziell überfordert zu sein. Das langsame Absterben des 2015 sehr erfolgreich gestarteten Blogs amazon-verdi.de ist nur ein Beispiel.

Hier ist ver.di gefragt, Hilfestellung zu geben - insbesondere bei der Qualifizierung der Aktiven durch Vermittlung von Organizing-Kompetenzen. Standortübergreifende Workshops zum Training von Eins-zu-eins-Gesprächen, der Erstellung von Betriebslandkarten bis hin zur konkreten Kampagnenplanung könnten hilfreiche Werkzeuge in einem solchen Prozess sein.

Das alles muss nicht neu erfunden werden. Vieles wurde bereits bei Amazon praktiziert, ist aber mit den Jahren eingeschlafen. Auch lohnt der Blick über den ver.di-Tellerrand. Unter dem Stichwort »Betriebsbetreuung von morgen« experimentiert die IG Metall Baden-Württemberg etwa mit der (regionalen) Bündelung von Qualifizierungs- und Kampagnenangeboten für Aktive aus unterschiedlichen Betrieben. Die Idee dahinter: Es ist ressourceneffizienter, 30 Vertrauensleute aus fünf Betrieben in einem auf die gemeinsamen Bedürfnisse aller zugeschnittenen Workshop zusammenholen, als fünf einzelne Treffen zu veranstalten.

Vergleichbares wäre auch bei Amazon und bei in der Nähe der jeweiligen Standorte liegenden Logistiklagern anderer Unternehmen vorstellbar: Ob in Zentrallagern von Lidl und Edeka, bei Zalando oder in Logistikzentren der DHL - die meisten Probleme ähneln denen in Amazon-FC. Die zentrale Aufgabe, betriebliche Konfliktfähigkeit und Durchsetzungsmacht aufzubauen, besteht ohnehin überall. Abgesehen von der effizienteren Ressourcennutzung ermöglicht eine solche Bündelung von Aktiven ein Mehr an kollegialer Beratung, stärkt die regionale gewerkschaftliche Vernetzung und erleichtert das Lancieren gewerkschaftlicher Themen in der Öffentlichkeit.

Effektiver streiken

Die Möglichkeit, Aufträge im immer enger werdenden Logistiknetz zu verschieben, setzt dem Streik von ver.di strukturelle Grenzen. Auch innerbetrieblich gelingt es Amazon durch Personalverschiebungen, die Wirkungskraft des Streiks zu begrenzen. »Amazon plant die Streiks wie die Urlaubszeit und Krankheiten«, sagt ein befragter Vertrauensmann aus Bad Hersfeld.

Tatsächlich ist es ver.di in den letzten Jahren gelungen, das klassische Arsenal an Arbeitskampftaktiken erheblich zu diversifizieren. Unangekündigte Streiks aus dem laufenden Betrieb heraus oder »Rein-Raus-Streiks«, wie sie etwa in Rheinberg praktiziert werden, machen den Arbeitskampf unberechenbarer für das Unternehmen.

Als effektiv haben sich zudem in verschiedenen Varianten durchgeführte temporäre Blockaden des Lieferverkehrs erwiesen, die an einigen Standorten durchgeführt wurden. Allerdings sind solche Aktionsformen weit davon entfernt, regelmäßig zum Einsatz zu kommen. Auch hier muss konstatiert werden, dass Amazon die Streikfolgen bislang aussitzt. Zudem stagniert die Zahl der streikfähigen Standorte, während gleichzeitig neue entstehen.

Die vielversprechendsten Gegenmaßnahmen scheinen die Ausweitung der grenzüberschreitenden und unternehmensübergreifenden Vernetzung von Gewerkschaftsaktivist*innen und die wachsende Fähigkeit betrieblicher Gewerkschaftsorganisationen zu sein, Arbeitskampfmaßnahmen mit immer kürzeren Vorwarnzeiten direkt aus dem laufenden Unternehmensprozess heraus durchzuführen.

Ganzheitliche Perspektive

Amazon ist der unangefochtene Weltmarktführer des Onlinehandels. Den Großteil seiner Gewinne, nämlich über 70 Prozent, erzielt das Unternehmen aber auf anderen Geschäftsfeldern, vor allem in der IT-Dienstleistungssparte AWS. Das komplette internationale Onlinehandelsgeschäft außerhalb der USA ist immer noch hochgradig defizitär. Amazon plant diese Verluste offensichtlich aus strategischen Gründen ein - im Vordergrund steht nicht der kurzfristige Gewinn, sondern die Eroberung neuer Märkte und der Auf- und Ausbau von Marktmacht. Streiks, die auf den Handelssektor begrenzt bleiben, können - selbst wenn es gelingt, ihre Effektivität zu steigern - vor diesem Hintergrund nur eine beschränkte Wirkung entfalten, weil sie Amazon weitgehend durch Gewinne aus anderen operativen Tätigkeiten kompensieren kann.

Für die internationale Gewerkschaftsbewegung ist es deshalb essenziell, Organisations- und Durchsetzungsmacht auch in anderen Amazon-Geschäftsbereichen, allen voran in der AWS zu entwickeln.

Amazon ist darüber hinaus heute eines der weltweit größten Transport- und Logistikunternehmen. Der Konzern operiert mit einer eigenen Frachtfluggesellschaft (Amazon Air) und ist ins weltweite Containerschifffahrtsgeschäft eingestiegen. Amazons Geschäftstätigkeiten tangieren allein in Deutschland mindestens sechs der 13 Fachbereiche von ver.di - geführt wird die Auseinandersetzung bislang aber praktisch ausschließlich vom Fachbereich 12 (Handel). Ansätze zur Entwicklung einer branchenübergreifenden Strategie stehen noch am Anfang - müssten für eine erfolgreiche Perspektive aber zweifellos ausgebaut werden.

Der forcierte Ausbau eines eigenen Logistiknetzes ändert nichts daran, dass Amazon auf absehbare Zeit in hohem Maße auf Dienstleistungen Dritter (Speditionen, Reedereien usw.) angewiesen bleibt. Insofern kommen die Gewerkschaften nicht daran vorbei, die gesamten Lieferketten (supply chains and hubs) in den Blick zu nehmen und eine darauf abgestimmte integrierte Strategie zu entwickeln.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!