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Keine Angst vor guten Sitten

Die Leibniz-Sozietät diskutierte die DDR als kulturhistorisches Phänomen

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 6 Min.

»Der Mensch der sozialistischen Gesellschaft wird, wenn sie voll aufgeblüht ist, keine Gelegenheit, keine Möglichkeit und keine Lust mehr haben, sich schlecht zu benehmen, er wird nicht heucheln, nicht katzbuckeln, nicht hochstapeln, er wird Fisch nicht mit dem Messer essen, Sekt nicht aus dem Rotweinglas trinken, nicht rauchen, nicht spielen ...« Diese Gewissheit versprühte ein Anstandsbuch aus dem Jahr 1957, als Benimmbücher in der DDR Hochkonjunktur hatten. Sie waren bis zum Ende der DDR populär, beliebt vor allem als Geschenk zur Jugendweihe, aber auch als Beigabe zu Auszeichnungen und Prämien, wie Dorothée Röseberg auf einer zweitägigen internationalen Konferenz diese Woche in Berlin zu berichten wusste.

Ein Klassiker war in der DDR das von Karl Kleinschmidt, religiöser Sozialist und Domprediger in Schwerin, verfasste Buch »Keine Angst vor guten Sitten«, ebenfalls von 1957. Adolph Freiherr von Knigge, Aufklärer und radikaler Anhänger der Französischen Revolution und dennoch kein Bilderstürmer, kam mit seiner Schrift »Über den Umgang mit Menschen« im Arbeiter- und Bauernstaat zu neuen Ehren. Wie aber gingen Sittenkodizes mit dem emanzipatorischen Anspruch der DDR-Gesellschaft zusammen?

Schon das 5. Plenum des ZK der SED, berüchtigt durch dessen Entschließung über den »Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kultur«, hatte Proletkult kritisiert. Hochgekrempelte Ärmel und Arbeitsmontur als Ausdruck proletarischen Selbstbewusstsein sollten der Vergangenheit angehören. Hemdsärmlichkeit entsprach nicht dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Staates. Und die »kleinen Leute«, die in diesem nunmehr an die Macht gelangt seien, sollten nicht mit einem karierten Sakko ins Theater gehen. Tradierten Verhaltensnormen wurden jedoch »Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik« beigesellt, wie Dorothée Röseberg ergänzte, die selbst keine Moralapostelin ist, sondern Professorin für Romanistik.

»Die DDR als kulturhistorisches Phänomen zwischen Tradition und Moderne« wollte die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin ergründen. Die aus der abgewickelten Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangene und sich auf das letzte deutsche Universalgenie berufende Gelehrtengesellschaft hatte in die Archenhold-Sternwarte nach Berlin-Treptow geladen. Eröffnet wurde die Konferenz vom neuen Präsidenten, Rainer E. Zimmermann, dessen Außenperspektive auf die DDR zur Zeit zweier deutscher Staaten doppelt determiniert gewesen sei: »Einmal durch den gewöhnlichen Alltag, der politisch dominiert wurde durch die Konfrontation der Blöcke und den damit zusammenhängenden herrschenden Diskurs mit seinem charakteristischen Jargon.« Zum anderen durch eine Debatte über die gesellschaftlichen Grundlagen der DDR, die - »obwohl sicherlich auf marxistischem Fundament errichtet« - dem gebürtigen Westberliner »eher orthodox« erschien. Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker betonte jedoch explizit: »Kolleginnen und Kollegen aus Osteuropa wurden nach den Inhalten beurteilt, die sie anzubieten hatten, nicht nach ihrer Herkunft.«

Bekannt ist die Wertschätzung der DDR in Frankreich, weil man in jener den antifaschistischeren deutschen Staat sah. Es verwunderte ergo nicht, dass die Grande Nation sich mit drei Referenten an der Tagung beteiligte. Wunderlich, ja irritierend jedoch war der Aufschlag von Nicolas Offenstadt aus Paris über die DDR als »verschwundenes Land«. Er illustrierte sein Referat mit Bildern von Ruinen. Nun, tatsächlich ist die DDR »auferstanden aus Ruinen«, wie es in ihrer anfangs euphorisch gesungenen, später nur noch gesummten Nationalhymne hieß. Und tatsächlich blieben von ihr nur Ruinen: stillgelegte Volkseigene Betriebe, geschlossene Kliniken, verwaiste Kulturhäuser und Kinderheime.

In gewohnt profunder und zugleich unterhaltsamer Art unternahm Dietrich Mühlberg eine kulturhistorische Verortung der DDR. Dem Bekenntnis zu bürgerlich-demokratischen, humanistischen Idealen folgte in den 50er Jahren verstärkt die Propagierung sozialistischer Ideologie, unter anderem auf der Bitterfelder Konferenz. Die Werktätigen wurden aufgefordert, »die Höhen der Kultur zu erstürmen.« Was, so der Kulturwissenschaftler, die Frage provoziert, wie sich die Massen und die von ihr erstürmten »Höhen der Kultur« veränderten. Die DDR hat ab 1960 weltweit erstmalig die Kulturwissenschaften institutionalisiert (erster Lehrstuhl in Leipzig). Zehn Jahr später folgte die Bundesrepublik mit der Bielefelder Schule.

Für Unruhe und Empörung in Ostdeutschland heute, so Mühlberg, seien Vereinigungssünden, Abwertung von Lebensleistungen sowie die Angst vor Globalisierungsfolgen in unaufgeklärten Schichten verantwortlich. Der Wissenschaftler beklagte zudem Mangel an utopischem Potenzial. »Mich interessiert die DDR vor allem als eine auf Gleichheit programmierte Gesellschaft ›kleiner Leute‹ mit geringer sozialer Distanz«, so Mühlberg.

Was bleibt von der DDR, insbesondere vom Antifaschismus, fragte Anna Georgiev vom Europäischen Kolleg in Jena. »Sowjetische Kulturoffiziere ordneten frühzeitig die Öffnung der Museen als Aufklärungsinstitute zur Aufdeckung der inhumanen, rassistischen NS-Ideologie an.« 1963 erging an die Museen der DDR der Auftrag, den Kampf der Arbeiterklasse und aller demokratischen Kräfte gegen den Faschismus zu würdigen, wobei im Mittelpunkt die KPD stand. Anna Georgievs Kritik, dass in Ausstellungen vielfach Reproduktionen gezeigt wurden und die Verfolgung von Sinti und Roma sowie Homosexueller ausgespart war, erntete Widerspruch - weil zeitgleich in anderen Ländern nicht anders.

Nicht von ungefähr war die DDR das von Remigranten bevorzugte Deutschland. Der Historiker Mario Keßler (Berlin/New York) zitierte den Publizisten Alfred Kantorowicz, der in der BRD auf die Frage, warum er in die sowjetische Besatzungszone gegangen sei, antwortete: »Wer hat uns denn haben wollen - hier?« Die Entscheidung für die DDR war politisch motiviert, hatte jedoch Anpassung zum Preis. Die Palette der Verhaltensmuster reichte von Selbstverleugnung bis zu widerspenstigem Rebellentum, etwa bei Stefan Heym. Keßler konstatierte: »Das Vermächtnis der Emigranten, ihr gelebter Antifaschismus, ist heute wieder sehr wichtig.«

Einem verminten Feld, der Frage, ob es Antisemitismus in der DDR gab, widmete sich Frank Thomas Koch, dessen Mutter bei den Nazis als »Halbjüdin« galt. Antisemitisch sei die DDR nicht gewesen, es habe aber Pöbeleien auf Schulhöfen und Fußballplätzen gegeben. Interessant war auch der Beitrag von Sylvie le Grand, Germanistin an der Universität Paris-Nanterre, über Bibeleditionen in der DDR, die von Gutachtern aufmerksam studiert wurden, ohne jedoch verfälschende Eingriffe in den historischen Textkorpus vorzunehmen. »Die Bibel galt als bewahrenswertes kulturelles Erbe, wurde als Kulturgut geschätzt.« Man habe sich allerdings mit dem Wort »gottlos« schwergetan, weil dieser in der mehrheitlich atheistischen DDR-Gesellschaft Unfrieden hätte stiften können.

Ein Dank an die DDR-Afrikawissenschaften sprach Adjai Oloukpona-Yinnon aus Lomé aus. Der in der Volksrepublik Benin geborene und in Bayreuth lehrende Literaturwissenschaftler nannte unter anderem Burchard Brentjes, »dem wir die Entdeckung des schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo verdanken, der das Selbstbewusstsein der um ihre Unabhängigkeit kämpfenden afrikanischen Völker enorm beeinflusste«. Zur Sprache kam in der Diskussion der Skandal um den Afrikabeauftragten der Bundesrepublik, Günter Nooke, der jüngst meinte, der Kolonialismus habe die Afrikaner von archaischen Strukturen befreit.

Wie Arbeiter-, Menschenrechts- und Frauenbewegung einander bedingen, in der DDR aufgegriffen und fortgeführt wurden, war das Thema von Ursula Schröter (Berlin). Der Anspruch einer Gesellschaft mit Chancengleichheit für alle habe die Frauenemanzipation befördert. Ungeachtet dessen lebte ein sozialistisches Patriarchat fort, das ebenso wie die These der Westlinken vom Haupt- und Nebenwiderspruch »endlich eine Grabesrede verdient«. Der aufschlussreiche wie amüsante Vergleich von »Tatort« und »Polizeiruf 110« durch Reinhold Viehoff (Bonn) entlockte zwei Zuhörern das Geständnis, in der bis heute beliebten DDR-Krimiserie dereinst als Statisten mitgewirkt zu haben - was man in dieser Gelehrtenrunde eher nicht vermutet hätte. Wie der DDR-»Polizeiruf« mit seinen seriösen und gesetzestreuen Ermittlern und der »Tatort« mit eigensinnigen, nicht immer gesetzestreuen Kommissaren sich spiegelbildlich zueinander verhielten, so galt dies auch für die Spielfilme in Ost und West. Diane Barbe aus Paris bemerkte für DDR-Produktionen ab 1970 eine stärkere Differenzierung und Individualisierung. Dies hatte zuvor Viehoff auch für den DDR-»Polizeiruf« angemerkt.

Staatsapparat, Parteidiktatur, MfS blieben bei den »Leibnizianern« ausgespart. Was mal wohltuend war.

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