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Vom Ende des automobilen Zeitalters

Eine radikale Verkehrswende funktioniert nur, wenn dem zerstörerischen motorisierten Individualverkehr ein Ende gesetzt wird

  • Von Thomas Eberhardt-Köster
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Autokonzerne reden von Mobilitätswende und CO2-Neutralität und präsentieren zur Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main Protzschlitten. VW-Chef Herbert Diess zeigt Verständnis für Kritiker*innen, will aber weiter mit den klimakillenden SUVs Geld verdienen. Die Autokonzerne haben immer noch nicht verstanden, dass das automobile Zeitalter zu Ende geht und sie sich vielleicht zum letzten Mal zur IAA in Frankfurt treffen.

Eine radikale Verkehrswende ist nötig

Der Verkehrssektor ist Deutschlands größter Energieverbraucher und mit einem Anteil von über 18 Prozent eine der größten Quellen von CO2-Emissionen. Vor allem der motorisierte Individualverkehr treibt die Klimakrise voran. Von den Emissionen im Verkehr entfallen über 96 Prozent auf den Straßenverkehr. Es ginge anders. Längst könnte die Verkehrswende eingeleitet sein: Ein ausgebauter und verlässlicher öffentlicher Nah- und Fernverkehr könnte Mobilität deutlich klimaschonender ermöglichen. Eine Stadtplanung, die die Trennung von Wohnen und Arbeiten betreibt und Einkaufszentren in die Randgebiete der Städte verlagert, zwingt zu langen Wegen.

Wären unsere Städte menschengerecht statt autogerecht, würde Fuß- und Radverkehr sowie öffentlichen Nahverkehr Vorrang eingeräumt, wären sie sehr viel lebenswerter. Breite Straßen und riesige Parkplätze ließen sich in Fuß- und Fahrradwege sowie städtische Begegnungsräume umwandeln. In einer Stadt der »kurzen Wege« könnten 90 Prozent aller Strecken ohne Autos zurückgelegt und Innenstädte autofrei werden. Schmutzige Luft, Blechlawinen, Lärm und Asphaltwüsten wären Vergangenheit. Und auch für die klimaschonende Anbindung des ländlichen Raumes könnten die Weichen schon lang richtig gestellt sein, wenn Regionalstrecken nicht zurück-, sondern ausgebaut und durch Rufsysteme ergänzt würden. Öffentlicher Verkehr zum Nulltarif ist möglich, vollfinanziert aus den bisherigen Subventionen für Diesel, Kerosin und Dienstwagen.

Eine tatsächliche Verkehrswende lässt sich nur gegen die Autokonzerne durchsetzen

Auf der IAA wollten VW, Daimler, BMW & Co. sich und ihre zerstörerischen Blechkisten feiern. Kein Wunder: Mit dem Bau und Verkauf von Autos ließ sich bisher viel Geld verdienen. Die Autoindustrie gehört zu den mächtigsten Zweigen der deutschen Wirtschaft und bildet das Fundament des deutschen Exportmodells – mit seinen verheerenden ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen weltweit. Mit dem Slogan »Driving Tomorrow« tut der Messeveranstalter VDA so, als hätte er Zukunft zu bieten, setzt aber auf ein Verkehrssystem von gestern. Höher, schneller, schwerer: Das ist das Motto des ungebremsten Wachstums. Neu ist nur die Antriebsart: Elektroantrieb statt Verbrennungsmotor.

Autoindustrie tunt sich
Konzerne setzen auf Elektroantrieb, Digitalisierung und den Staat.

Eine radikale Verkehrswende funktioniert nur, wenn dem zerstörerischen motorisierten Individualverkehr ein Ende gesetzt und ein gemeinwirtschaftliches, klimaneutrales Verkehrssystem etabliert wird, das allen zugänglich ist. Daran haben die Autokonzerne kein Interesse. Es würde ihre Renditen beschränken. Stattdessen machen sie auf E-Mobilität und streichen ihre Produkte ein bisschen grün an. Sie wollen ihr profitables Geschäft mit dem Auto nicht aufgeben, allenfalls modifizieren sie ihre Produktpalette. Mit E-Mobilen soll der Verkehr CO2-neutral werden. Deren Herstellung setzt jedoch doppelt so viele CO2-Emissionen frei wie konventionelle Vergleichsprodukte und benötigt zudem die seltenen Metalle Lithium und Kobalt. Die Städte verstopfen sie im selben Maße wie ihre Vorgänger mit Verbrennungsmotor. Zumal mit jedem neuen Modell die Menge an Blech wächst, weil die Fahrzeuge größer und schwerer werden.

Mit zivilem Ungehorsam für Klimaschutz und gegen die Autokonzerne

»Sand im Getriebe« will die IAA-Show als das entlarven, was sie wirklich ist: Eine Inszenierung zum Wohle derer, die auf dem Rücken der Ärmsten und zukünftiger Generationen am Auto verdienen. Weil die Autokonzerne von sich aus ihr klimaschädliches Geschäftsmodell nicht aufgeben, werden die Aktivist*innen aus klima- und verkehrspolitischen sowie globalisierungskritischen Gruppen am 15. September mit einer öffentlich angekündigten Aktion zivilen Ungehorsams die IAA blockieren und sich vor die Messeingänge setzen. Die Aktion ist ein bewusster Regelübertritt und steht in der Tradition der sozialen Bewegungen, die den Atom- und auch den Kohleausstieg durchgesetzt oder die Gentechnik verhindert haben.

Neben der Kohle kommt jetzt der Verkehr dran: Angesichts der Untätigkeit der Regierenden ist »Sand im Getriebe« überzeugt, dass ziviler Ungehorsam notwendig und legitim ist, um klimaschonende Mobilität für alle zu ermöglichen. Denn auch die Verkehrswende bleibt Handarbeit.

Die Aktion wird Sand ins Getriebe der Autokonzerne streuen, um die Macht der Autolobby zu brechen und Klimagerechtigkeit durchzusetzen.

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