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Taschentuch in Todeszonen

Immer dem Stein nach: Reinhold Messner, der größte Abenteurer unserer Zeit, wird 75

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Abenteuer? Ach. Gegenwart besteht aus risikofreien Geisteswelten; ringsum Menschen, die dich aus dem Gleichmaß ihres Lebens anlächeln. Du selber bist nicht anders! Unser Bewusstsein macht aus Langeweile angebliche Weisheit - wir wissen genau, was Tod ist: schon mit 50 so zu leben, wie man mit 80 sterben wird. Seh ich an mir herunter, weiß ich: Träum so verwegen, wie du willst, die Hausschuhe vorm Bett bewegen sich nicht. Dies Elend redet keiner klein.

Reinhold Messner, der Bergsteiger, wirkt in solchen Gedanken, als sei er selber Fels. Aus diesem Leben strahlt etwas Hochmütiges, das sich jeder Definition entzieht. Etwas Unerklärliches, das auf jene Seite des Seins führt, wo es keine Schriftzüge mehr gibt. Das gibt dem Manne einen Zug des bewundernswert Unheimlichen.

Der Ausgangspunkt: Pitzack im Villnöss-Tal, Südtirol. Immer im Blick: viele hundert Dolomitendome, die vor Jahrmillionen emporgestemmt und von Wind und Wetter wundervoll zugerichtet wurden. Stolz und demütig zugleich sind die Bauernhöfe an die Hänge gesetzt. Hier lebten die Messners, eine Lehrerfamilie, neun Kinder.

Reinhold wird 1944 geboren. Etwa mit fünf interessiert er sich dafür, »wohin die Wolken verschwinden«. Damit ist das Prüffeld seiner Jugend benannt: Wo harte Bauernarbeit den Blick aller zu Boden zwingt, da stellt sich rasch ins Abseits, wer statt dessen mit hochfliegenden Träumen auf die Gipfel zieht. Und dann ist es ein winziger Schritt von der spöttischen Bemerkung der anderen, Reinhold benehme sich ja mit seiner Bergsucht wie ein Urlauber oder Städter, bis zur unumstößlichen Selbsterkenntnis, ein Fremder im eigenen Land zu sein.

Der studierte Landvermesser und Mittelschul-Mathematiklehrer verschreibt sich unrettbar dem Spiel in der wilden Natur, der »Eroberung des Nutzlosen«, wie sein Freund sagt, der Filmregisseur Werner Herzog. Zum Weltruhm geht es wahrlich - aufwärts: Dem Eroberungsbergsteigen setzt Messner seinen Verzichtsalpinismus entgegen. Er wird der erste Mensch, der alle 14 Himalayagipfel über 8000 Meter besteigt. Den Mount Everest bezwingt er als Erster ohne Sauerstoffmaske und danach noch im Alleingang. Er ist im Alpenstil geklettert, ohne Vorgaben also, ohne fremde Hilfe. Er hat das Solo kultiviert. In wahnsinnsfördernder Höhe. Hat Todeszonen überstanden. Sein Instinkt ist sein Reichtum. Den Tod gespürt zu haben heißt, plötzlich wieder am Anfang zu stehen. Die Fragen an die Welt lösen sich auf. Am Nanga Parbat verlor er seinen Bruder Günther und am Manaslu zwei Freunde. Seine Kunst zu überleben setzte ihn Geiferern aus, die ihn schuldig schrien.

So ist er bald umstritten wie alles Extreme. »Ich lebe unter einer großen Neidwolke.« Mit autistischen Zügen, ja wie denn sonst! Er lebt aus sich heraus, er lebt sich aus, er lebt gut. Er erfuhr Häme, und er genießt Hochachtung. Das geschlossene System Messner: Einsamkeit, hart erarbeitet. Mit wem sollte so jemand einen wirklichen Austausch betreiben? Mit den unsterblichen Toten?

Nicht umsonst hat er sich intensiv den Expeditions-Heroen der Vergangenheit zugewandt. In deren Aufstiegen und Ausfahrten sich Schöpfung testete - auf die sportive, dämonische Fähigkeit zu totaler Erschöpfung. Um sie zu ignorieren. Erst die Unvernunft eines Vorhabens prägt dessen hypnotischen Charme. Mallory und Shackleton, Nansen und Amundsen. Grandios furchtlose, grausam furchterregende Expeditionen. Männlichkeitshymnen und zugleich Erbarmensschrei.

Wagemut ist der Lichtschacht in den Albträumen der Leere. Messners Buch »Wild« über die Shackleton-Expedition endet mit Worten Ernst Jüngers. »Da verkamen im eisigen Dunkel die Vorposten jener, die den Stern zwingen.« Nein, niemand zwingt den Stern wirklich. Messner: »Ich glaube, dass wir alle im Unterbewusstsein wissen, dass das Leben absurd ist.« Er läuft vor dieser Tatsache nicht weg, er läuft einfach nur. Er steigt nicht aus, er steigt einfach nur. Einfach »nur«: Das ist sie, die ganze, die große, die ganz große Kunst. »Ich fliehe nicht vor der Lächerlichkeit des Daseins, ich gehe auf sie zu.« Über 3000 Bergfahrten sind daraus geworden.

Als Erster durchstieg er die 4500 Meter hohe Rupal-Flanke des Nanga Parbat und die Yerupaja-Ostwand bis zum Gipfelgrat. Er durchquerte Grönland längs, die Antarktis quer, er wanderte durch die Wüste Gobi. Er hat an fünf Orten Südtirols sein Mountain Museum gebaut, er war grüner EU-Parlamentarier. Der Blick auf diese Biografie lehrt: Es geht darum, im Umgang mit dem Ungewissen Selbstgewissheit zu erlangen. Die eigene Existenz unter allen Umständen als Kultur behaupten! Gegen eine kapitale »Raumverdrängerrotte« (Peter Handke), deren narkotische Allianzen uns zum glückssucherischen Selbstbetrug animieren.

Wie nehmen wir Welt wahr? Per Flugzeug überqueren wir eilig und teilnahmslos Kriegsfelder, Katastrophengebiete, Hungersavannen. Der fliegende Passagier weit droben sorgt sich höchstens ums Service-Niveau und bangt um den Anschlussflug. Das Schrumpfen der Reise zum Transport. Sie hat sämtliche Ufer und Fernen einander näher gebracht. Wozu überhaupt noch hinaus? Und wenn, dann im industrialisierten Ansturm: Für den Weg zum Gipfel des Mount Everest gibt es inzwischen Wartelisten. Auf Wegen zum Gipfel Stauzonen, als seien die Berge eine vertikale Autobahn.

Vor über 130 Jahren begann der Alpinismus; britische Bürgersöhnchen, wohlstandsverdrossen und stadtmüde, waren als Erste in die Schweiz gezogen, aufs Matterhorn gestiegen. Von Anfang an standen die Suche nach neuen Lebensdimensionen sowie touristische Verhunzung und gesinnungsgesteuerte Ausbeutung der Berg-Idee einander im Wege. Messner ist in diesem widerspruchsvollen Kontext sinnlicher Mahner. Flaggenpatriotismus an Höchstpunkten? »Mein Taschentuch ist meine Fahne.«

»Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen«, schrieb Albert Camus. Berge haben Anbetung ausgelöst, Denker beflügelt, Pioniere ins Verderben gestürzt, Nationalisten zum Exzess gelockt. Das überhöhte mythische Bild gewöhnte Millionen Menschen freilich auch an die fatale Besessenheit, Bergsteigerkunst sei als Sonntagstourismus nachahmbar. Der bayerische Kabarettist und Sänger Georg Ringsgwandl sagte es im nd-Interview vor ein paar Jahren sehr deutlich: »Die Leut’ denken, ihnen passiert nix, weil der Alpenverein hinter ihnen steht, und dann klatschen sie herab, die bunten Ameisen.«

Messner ist ziellos geblieben. Aber den Kailash, den tibetischen Heiligen Berg, hat er nie bestiegen. »Ich bin ja nicht Milarepa, der Dichter, der auf Sonnenstrahlen hinaufglitt und also den Berg nicht berühren musste.« Lhagyelo: Die Götter siegen. So sagen es die Tibeter. Für jene Einheit von Geist und Materie, Denken und Tun, die meditativ herstellbar ist, brauchen sie keine Ortsveränderung. Sie sind eins mit sich und der Welt. Das aber sind wir Europäer nicht. Von daher weiß Messner, dass der zehrende Gang auf die Berge problematisch ist, ein »Kulturprodukt« westlicher Prägung.

Der Italiener, der übrigens nicht richtig schwimmen kann, personifiziert den freien Menschen, der allerdings stets auf Begrenzungen stößt. Der aber süchtig ist nach diesem Konflikt. »Mein Unterwegssein spiegelt die Zerrissenheit des Romantikers, der von der Sehnsucht nach draußen lebt, wenn er daheim ist, und der sich nach daheim verzehrt, wenn er draußen ist. Ich bin der Heimatsehnsuchtsverräter.«

Er ist redselig und bleibt doch unnahbar: Der Stärkste ist am mächtigsten allein - allein auch mit allen Risiken, allem nötigen Egoismus. Als absolutem Gegensatz zu ideologiebesoffener »Bergkameradschaft«. Und der Gipfel des Strebens ist gar nicht das Draußen, der Gipfel »liegt in dir, durchsteig die Leere«. Immer dem Stein nach, hatten die Träume ihm gesagt, so fand er sich - verstiegen ins Bodenlose, am Ende frei, aber mehr denn je beladen mit sich selbst. Die Quelle der Euphorie liegt im Weg, also nicht in jenem Moment ganz oben in Eis Verlorenheit, dort im Unlebbaren, wo man »sich doch nur fühlt wie ein sehr, sehr armer Hund«.

Jedes Talent ist ein Trieb, ist ein Defekt. Beseelend wirkt, dass man etwas überstehen muss. Beseeltheit ist also immer auch der Moment, da das Glück am weitesten entfernt ist. Paradox, unbegreiflich. Goethes Faust sagt es so: »Wenn du es nicht erfühlst, du wirst es nicht erjagen.« Also das, was man die Philosophie des Abenteuers nennen darf: Wer eine Grenze überschreitet und nicht erschauert, hat keine Grenze überschritten. Reinhold Messner lebt diesen Übertritt, dies Erschauern. Heute wird er 75 Jahre alt.

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