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Schmutz der europäischen Lebensweise

Die Philippinen sind besonders schwer von der Klimakrise betroffen. Trotzdem bauen hier deutsche Firmen neue Kohlekraftwerke.

  • Von Lorenz Gösta Beutin
  • Lesedauer: 5 Min.

Manila erstickt im Stau und Regen. Ich komme direkt von den IAA-Protesten in Frankfurt am Main gegen den Wahnsinn der Autokonzerne, die bis heute die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen und weiter auf den Massenkonsum fetter SUVs und anderer klimaschädlicher Autos setzen. Triggerwarnung vorab: Ich bin tatsächlich nicht in die Philippinen gesegelt, um hier an der ersten Konferenz teilzunehmen, die Klimageflüchtete und Experten für Klima und Migration aus der ganzen Welt an einen Tisch bringt. Als ich über die umkämpfte Straße von Hormus fliege, sehe ich unter mir, wie auf den Erdöl-Feldern des Nahen Ostens überschüssiges Fördergas abgefackelt wird.

Fast zur selben Zeit wird im Berliner Karl-Liebknecht-Haus ein LINKE-Klimaschutzpapier vorgestellt: Wir wollen Klimagerechtigkeit, nicht nur in Deutschland. Wir wollen Inlandsflüge ganz verbieten. Dafür muss die Bahn endlich überall fahren. Mit Ökostrom statt Kohle und Atom. Und in naher Zukunft mit Bus, U-Bahn und Bus in den Städten für Leute mit wenig Geld umsonst. Kein Öl mehr, das wäre revolutionär. Der Abschied aus dem fossilen Zeitalter, das heißt nicht nur ein besseres Klima für alle von Kiel bis Kambodscha.

Ich fliege auch über den Iran, über Afghanistan. Weniger Öl, das heißt auch keine Kriege mehr um das schwarze Gold und Pipeline-Routen. Das heißt auch weniger Tote durch Unfälle, weniger Tote durch Lungenkrebs, weniger Lärm, mehr Platz für Fußgänger und fürs Fahrrad. Was für eine Vorstellung, in Zukunft einfach mal die Tische vor die Häuser stellen und durchatmen.

So weit weg, wie ich von Deutschland bin, so weit sind die Philippinen von einer Verkehrswende entfernt. Nach über zwei Stunden im Auto, eine alte Dreckschleuder ohne Katalysator und Abschalteinrichtung, komme ich im Hotel an. Mehr als zwei Stunden für nicht einmal 20 Kilometer. Eine Rikscha wäre schneller gewesen. Die ganze Sinnlosigkeit des Autoverkehrs in Großstädten wird hier in der Rush Hour der Millionen-Hauptstadt der Philippinen mehr als klar. Mein Fahrer hustet an jeder zweiten Kreuzung. Viele tragen Atemmasken im Gesicht. Wer kann, hält die Fenster geschlossen und schmeißt die Klimaanlage an. Hinter uns steht ein Krankenwagen mit Blaulicht, erst jüngst starb wieder ein Notfallpatient, weil die Straßen verstopft waren. Der Traum von der motorisierten Freiheit, wie er von den Autofans immer wieder geträumt wird, dieser Traum ist nicht nur in Manila ein täglicher Alptraum in Stop and Go.

Manila ist nicht nur eine der ältesten Städte der Welt, sondern auch die dichtbesiedelteste der Erde. Hässlich, viel Beton, die nach Dresden und Warschau am meisten zerstörte Stadt des Zweiten Weltkrieges wurde im Hochhausstil wieder aufgebaut. Zwischen den modernen Firmensitzen von Outsourcing-Firmen aus den USA, die hier ihre Hotlines von billigen Philippinas mit angelerntem Texas-Akzent betreiben und die als Anreiz für ausländische Investoren keine Gewerkschaften gründen dürfen, leben Menschen zu Hunderten in Zelten aus Plastikfolien und Kartonpappen.

In »Happytown« wird im Müll der Stadt und Importmüll, angekarrt mit Schiffen aus reichen Ländern wie Kanada, nach Verwertbarem gewühlt. Kaum irgendwo ist die Perversion des Nebeneinanders von Arm und Reich so brutal wie hier. Das Land trägt schwer am Erbe des europäischen und US-amerikanischen Kolonialismus: Einige wenige Familien kontrollieren Ländereien, Handel und Politik. Und die Weltmarkt-Abhängigkeit vom Export von Rohstoffen und billigen Arbeitskräften ist stark wie eh und je. Ohne Zukunft in der eigenen Heimat arbeiten heute über zehn Millionen Philippinos im Ausland, kaum ein Land hat so stark am Ausbluten der eigenen Bevölkerung zu knabbern.

Zu der globalen Ungerechtigkeit kommt die Klimaungerechtigkeit. Schon gemerkt? Seit dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 wird kaum noch über die historische Verantwortung der Industrieländer für die Klimakrise geredet. Was wohl daran liegt, dass das Vertragswerk auf Drängen des reichen Nordens die Trennung zwischen Industrieländern und Rest der Welt völlig aufgeweicht hat. Die Philippinen sind - noch ein Superlativ - eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Gesellschaften. Das Wetter wird immer extremer, zuletzt hatte der Tayfun »Hayan« die Stadt Tacolban dem Erdboden gleichgemacht, über 6000 Menschen starben.

36.000 Küstenkilometer gelten wegen des steigenden Meeresspiegels als überflutungsgefährdet, hunderttausende Menschen werden in den kommenden Jahrzehnten wohl ihre Heimat verlieren und zu Klimageflüchteten werden, in die urbanen Zentren drängen und noch mehr Armut bringen. Und während in Deutschland eine Partei immer stärker wird, die wie der hiesige Präsident Rodrigo Duterte den Klimawandel abstreitet und die Hände in den Schoß legen will, werden in den Philippinen neue Kohlekraftwerke aus dem Boden gestampft, mit dabei Siemens und ThyssenKrupp.

Gerade leuchtet eine Nachricht in meinem Handy auf: Die frisch gebackene EU-Kommissarin von der Leyen verteidigt den neuen Titel des EU-Migrationsressorts »Schutz der europäischen Lebensweise«. Die Botschaft kommt auch hier an. Eintritt verboten für die Verlierer der kapitalistischen Globalisierung. So ehrlich, so brutal hat die Ausbeutung des globalen Südens schon lange keiner mehr auf den Punkt gebracht.

Aus Manila berichtet Lorenz Gösta Beutin von globaler Klimakrise und Solidarität zu Zeiten von Trump, Duterte und FridaysForFuture. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) ist der Klimapolitiker der LINKEN im Bundestag zu Gast auf der ersten Konferenz zu Klimagerechtigkeit und Klimaflucht der globalen Klimabewegung, an der Migrant*innen teilnehmen und eine Stimme erhalten. Am 20. September nimmt der Kieler vor Ort am Globalen Klimastreik teil.

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