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Sagen, was ist

Erneut wird die Identität des HSV-Profis Jatta geprüft. Es nervt, aber Recherchieren ist Journalismus, findet Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Theater um Bakery Jatta, so dachte man, ist endlich vorbei. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hatte schließlich die Ermittlungen eingestellt, mittels derer herausgefunden werden sollte, ob der HSV-Profi denn nun bei seiner Einreise falsche Angaben zu seiner Identität gemacht habe. Jattas Anwalt hatte einen gültigen Reisepass sowie einen Auszug aus dem Geburtenregister in Gambia vorgelegt, die die Aussagen Jattas stützen, er sei nicht mit einem zweieinhalb Jahre älteren Spieler namens Bakary Daffeh identisch.

Nun kommt allerdings ein neues Detail zu Tage, das erneut für Diskussionen sorgen dürfte. Die Staatsanwaltschaft Bremen überprüft seit Anfang September erneut Jattas Angaben. Offenbar hat er sich kurz nach seiner Einreise nach Deutschland unter der E-Mail-Adresse »bakarydaffeh*@xy bei den dortigen Behörden gemeldet. Damit ist die Recherche von «Bild» und «Sport-Bild» in diesem Punkt bestätigt.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, was in den kommenden Tagen passieren wird - die Neuauflage der altbekannten Diskussion mit den altbekannten Fronten: Hier all die, die wollen, dass der Profi endlich in Ruhe Fußball spielen kann und die die Debatte um die Echtheit der Ausweispapiere eines Fußballspielers nur für eine weitere Pirouette der sattsam bekannten Hetze halten. Und dort die andere Seite, die tatsächlich von ausgemachten Rassisten und Sechziger-Jahre-Nostalgikern bis hin zu Menschen reicht, die es nun auch nicht so ganz egal finden, ob Menschen nun mit einem Fantasie-Pass oder mit einem Dokument herumlaufen, das Auskunft über ihre Identität gibt.

Bei mir ist die Sache komplizierter. Ich sitze seit einigen Jahre aber auch öfter zwischen den Stühlen. Wobei ich mich manchmal frage, ob ich mich umgesetzt habe, oder ob die Stühle so weit auseinander gerückt sind, dass jede Form der Differenzierung schon als verachtenswerte Dissidenz gewertet wird.

Heißt: Ich fände es fantastisch, wenn Deutschland endlich ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz hätte, das die gängige Praxis ersetzt, in der Kriminelle bleiben dürfen, weil man nicht weiß, aus welchem Land sie kommen, in dem aber reihenweise Menschen drangsaliert und abgeschoben werden, die demokratische Werte respektieren und oft nach zwei Jahren besser deutsch sprechen als mancher «Stolz darauf, Deutscher zu sein»-Trottel nach 40 Jahren.

Das deutsche Ausländerrecht zwingt de facto dazu, zu lügen. Ein 20-Jähriger aus einem der vielen afrikanischen Staaten, in denen Bürgerkrieg und Perspektivlosigkeit herrscht, hat keine andere Chance als sich jünger zu machen, um erst mal ins Land zu kommen. Und das meine ich jetzt wirklich als grundsätzliche Feststellung. Zumal ich privat - und schon sitze ich wieder ganz fest auf dem altvertrauten Stuhl - lieber all die Idioten ausweisen würde, die Jatta zuletzt ausgepfiffen haben.

Das wäre jetzt eigentlich eine schöne Pointe, doch zum einen habe ich noch ein paar Zeilen, und zum anderen bin ich Journalist. Als solcher und als Privatperson werde ich immer meine Probleme mit der «Bild»-Zeitung haben. Spätestens seit Julian Reichelt dort Chefredakteur ist, ist die Berichterstattung in Sachen Zuwanderung oft infam und tendenziös, was dem Blatt zurecht ständig vorgehalten wird.

Aber jetzt kommt eine, wie ich finde, wichtige Einschränkung. Denn es ist einigermaßen erschreckend, dass so viele Medien bei ihrer Kritik an der «Bild»-Berichterstattung schon die Tatsache kritisiert haben, dass die «Bild» ihre Rechercheergebnisse überhaupt veröffentlicht hat. Wer aber fordert, dass Tatsachen nicht vermeldet werden sollen, weil sie rassistische Reflexe auslösen können, beweist ein anti-aufklärerisches Weltbild. Es ist schön, wenn Journalisten eine Meinung haben und sich nicht auf die wohlfeile Rolle des über allem thronenden Chronisten zurückziehen. Wenn die eigene Überzeugung aber dazu führt, dass Recherchen, die zu unliebsamen Ergebnissen führen könnten, nicht mehr angestellt und veröffentlicht werden dürfen, schafft sich Journalismus selbst ab.

Dass sich gefühlt 90 Prozent der Mitmenschen mit Jatta solidarisiert haben, NACHDEM sie von den Diskussionen um seinen Pass erfuhren, zeigt zudem, dass viele Menschen weiter sind als mancher linksliberale Journalist so zu glauben scheint. Und zwar gerade weil sie - auch dank der von «Bild» präsentierten Recherchen - die Fakten kannten. Es lebe der Journalismus!

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