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  • Berlin
  • Marsch für das Leben

Dem »Marsch für das Leben« wurde eingeheizt

Rund 40 Aktivistinnen blockierten Tausende Abtreibungsgegner, insgesamt rund 5000 Feministinnen auf den Straßen Berlins

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 7 Min.

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»Wir haben Spaß, ihr habt bloß Jesus« rufen die Aktivistinnen.
»Wir haben Spaß, ihr habt bloß Jesus« rufen die Aktivistinnen.

»Wer für den Schutz des Lebens von Anfang bis zum Ende ist, der muss konsequent auch für den Schutz der anderen Marginalisierten sein, zum Beispiel der Armen, der Menschen auf der Flucht, der Menschen, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen«, ruft der Passauer Bischof Stefan Oster am Samstagnachmittag vor dem Reichstag. Frau könnte meinen, sie sei bei einer Kundgebung für Menschenrechte.

Am rechten Rand vor der Bühne steht eine Gruppe Glatzköpfiger. Sie gucken grimmig, besonders als der Bischof das Wort »Flüchtlinge« sagt. Daraufhin murmelt ein Mönch mit grauer Kutte in seinen Bart: »Aber die Flüchtlinge steigen freiwillig in die Boote.« Dann sagt Oster: »Die am tödlichsten bedrohte Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft ist heute aber das ungeborene Kind mit Behinderung.« Spätestens in diesem Moment und beim Blick auf den Flyer in der Hand wird klar, wo frau ist: Bei der Auftaktkundgebung zum »Marsch für das Leben 2019«, veranstaltet vom Verein Bundesverband Lebensrecht (BVL). Unter dem Schlagwort »ProLife« agitiert er gegen Abtreibung.

Redner*innen wie Oster bemühen sich teilweise um »political correctness« und beziehen sich sogar positiv auf die »Fridays For Future«-Bewegung, da auch sie Leben schützen wolle. Die Zusammensetzung des Publikums vermittelt einen anderen Eindruck. Erschienen sind neben Priestern auch Menschen in Springerstiefeln oder mit grün-weiß-goldener Schärpe, die AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch sowie der als rassistisch und homophob kritisierte ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Alle paar Meter steht eine Nonne mit Kopftuch, auch konservative Ärzt*innen und evangelikale Christen sind gekommen. Mit rund 20 Bussen sind Leute aus dem ganzen Land angekarrt worden. Das antifaschistische Informationszentrum apabiz zählt circa 6000 Personen. Die Polizei schätzt, dass sich die Zahl der Teilnehmer »im unteren vierstelligen Bereich« bewegt.

Eine Frau um die 30 Jahre sagt dem »nd«, sie sei hier, weil sie nach einer Vergewaltigung zum Glauben gefunden habe. Sie selbst habe ihre dadurch entstandene Schwangerschaft zwar abgebrochen, wolle aber trotzdem, dass Abtreibung - für andere - komplett verboten wird. Teilnehmende wie sie tragen oft rote und grüne Luftballons und Rosenaufkleber. Wegen des vielen Grüns fragen einige Unbeteiligte verwirrt, ob das hier immer noch der Klimastreik sei, der am Freitag in derselben Gegend stattgefunden hatte.

Auch People of Colour und Schwarze haben sich auf der Demonstration eingefunden und singen und beten, wenn von der Bühne aus dazu aufgefordert wird. David Schmidt, ein weißer Dreadlock-Träger, bezeichnet sich im Gespräch mit »nd« als »traditionell links«. Er sagt, er habe drei Söhne, wähle die Violetten - laut Selbstbeschreibung eine »Partei für alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter« - und betont: »Selbstverständlich finde ich es okay, mit Neonazis für eine gute Sache zu demonstrieren. Das sind ja auch nur Menschen.«

Auf die Frage, was sie davon hält, dass offensichtlich Neonazis auf ihre Veranstaltung gekommen sind, antwortet die Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, Alexandra Maria Linder, dem »nd« im Nachgang per Email unter anderem Folgendes: »Ich kann mir schwer vorstellen, dass Nazis auf Demonstrationen mitgehen, deren Teilnehmer natürlich auch ausländischen Müttern und Familien genauso helfen wie einheimischen« - und verweist darauf, dass bei ihrem Marsch auch ein Priester aus Kamerun mitgelaufen sei.

Bischof Oster kritisiert Rechte immerhin für »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«, aber sagt auch Dinge wie: »Am Tag werden durchschnittlich knapp 300 ungeborene Kinder getötet« und rechnet diese Zahl auf »Schulklassen« herunter - ein rhetorischer Versuch, Unterschiede zwischen Embryos und Kindern zu verwischen. Dabei werden Schwangerschaftsabbrüche de facto meist in der sechsten oder siebten Woche vorgenommen, lange bevor sich menschliche Eigenschaften wie Schmerzempfinden entwickeln, was frühestens in der 24. Woche passiert. Diese bewusste Vermischung steigert ein anderer Besucher, indem er offen den Holocaust relativiert, auf seinem T-Shirt steht handschriftlich: »Stoppt den Babycaust«.

Seinen Begleiter nimmt die Polizei nach Ende der Kundgebung fest, weil dieser gemeinsam mit einer weiteren Person feministische Demonstrierende angegriffen, eines ihrer Transparente in die Spree geworfen und ein anderes Plakat gewaltsam beschädigt haben soll. »nd« hat diesen Angriff, der sich gegen 15:20 Uhr auf Höhe des Schiffbauer Damm 9 ereignete, beobachtet und dokumentiert. Die Polizei bittet um weitere Zeugenaussagen. Obwohl der Tatverdächtige später am Gelände der »Marsch für das Leben«-Veranstaltung festgenommen wurde, stellt BVL-Chefin Linder gegenüber »nd« infrage, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um Teilnehmer ihrer Veranstaltgung gehandelt habe. Zugleich betont sie, sie könne nicht beeinflussen, wer alles komme, und »mit Sicherheit teile ich die politische Gesinnung von einigen nicht«.

Der Vorfall zeigt indes: »Vielfalt« gibt es beim »Marsch für das Leben« offenbar auch in der Frage, wie viel und wie offen Gewalt eingesetzt werden soll. Sollen Feminist*innen, die sich für Entscheidungsfreiheit von Schwangeren einsetzen, eingeschüchtert werden? Derartige und andere Aktionen, wie etwa die zahlreichen Anzeigen nach Paragraf 219a Strafgesetzbuch gegen Ärzt*innen, die über Schwangerschaftsabbrüche informieren, erzeugen ein Klima der Angst. Immer weniger Mediziner*innen trauen sich heute überhaupt noch, diese medizinische Leistung anzubieten.

Auf der anderen Seite der Polizeigitter beim feministischen Protest ist die Stimmung trotz allem sehr gut. Hier glitzern Wangen, Brustwarzen blitzen, Hüften kreisen. Insgesamt gut 5000 Feminist*innen sind nach Angaben der Veranstalter*innen unter dem Motto »Leben und Lieben ohne Bevormundung« auf Berliner Straßen unterwegs. »Sie mögen Abtreibung nicht, dann haben Sie eben keine!«, steht keck und auf Englisch auf einem großen lila Stofftransparent.

Die Menschen, die sich an den Pro-Choice-Protesten beteiligen, haben durchaus unterschiedliche Ansichten, etwa über pränatale Bluttests, Sexarbeit oder Kapitalismus. Doch wie Gespräche mit verschiedenen Gruppen zeigen: Das scheint kein Problem zu sein, im Gegenteil. »Ich freue mich, wie toll die Zusammenarbeit heute geklappt hat«, sagt Stefan Nachtwey vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, bei dem Frauenärzt*innen, Verbände, Parteien und Gewerkschaften dabei sind und das ab 12 Uhr am Washington Platz demonstriert hat.

Was Feminist*innen aller Geschlechter und Länder vereint, ist die Forderung, dass Frauen und Schwangere reproduktive Rechte haben sollen. Für Nachtwey heißt das in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch, »nicht nur legalisieren, sondern auch praktisch sicherstellen«. Dass dafür mehr transnationale Kooperation nötig ist, betont in ihrem Redebeitrag Adriana Lamackova vom Center for Reproductive Rights in Polen und der Slowakei, eine von vielen internationalen Gästen.

Auch das »What the Fuck«-Bündnis hatte ab 10 Uhr eine Versammlung am Rosenthaler Platz angemeldet. Der queerfeministische und linksradikale Zusammenschluss, zu dem auch Antifagruppen gehören, hatte zusätzlich zu Störaktionen aufgerufen. Deren Ziel scheint zu sein, dass Teilnehmende die Lust an dem alljährlichen Marsch verlieren. So gelang es einigen Aktivistinnen, vor dem Marsch die Bühne der Abtreibungsgegner*innen zu stürmen und ein feministisches Transparent auszurollen, bevor einige Männer sie von der Bühne drängten.

Andere Demonstrierende auf der Reichstagswiese versuchen, ein Argument für mehr Selbstbestimmung von Schwangeren zu vermitteln. Sie tragen weiße Tshirts, auf die in neongrün die Zahl 75 gedruckt ist. Denn: So viele Frauen sterben laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation weltweit täglich an den Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche. »Verbote verhindern Abtreibungen nicht, sondern lassen die Bedingungen gefährlich werden«, erklärt eine der Aktivistinnen gegenüber »nd«. Daran wollen sie die Abtreibungsgegner erinnern. Dann werden sie von vermummten Polizeibeamten quer über die Reichstagswiese weggestoßen. »Wir finden es skandalös, dass die Polizei friedliche Proteste gewaltsam zum Schweigen bringt«, sagt dazu die Sprecherin der Gruppe, Maria Strawatzki.

Als besonders erfolgreich bewerten viele eine Blockade, die den Aufmarsch der Abtreibungsgegner*innen mehr als eine Stunde aufhält. Zu diesem Zweck hatten sich schon am Reichstag rund 40 Personen unauffällig unter die Menge gemischt. Als der Demonstrationszug am Reichstagsufer ankommt, beginnen sie plötzlich eine Sitzblockade. Der Marsch muss stoppen. Die Sonne brennt für einen Septembernachmittag noch sehr heiß. Auf der anderen Spreeseite feiern Feminist*innen und tanzen, teils oben ohne, zu Popsongs wie »Fuck you« von Lily Allen und rufen Slogans wie »Wir haben Spaß, ihr habt bloß Jesus!« oder »My body, my choice!«

Um die Sitzblockade aufzulösen, nutzt die Polizei nach eigenen Angaben »leichte körperliche Gewalt«. Doch da all das lange dauert, entscheiden die Anmelder*innen des »Marschs für das Leben« spontan, ihre Route zu verkürzen. Sie laufen nach einer Weile durch die Neustädtischen Kirchstraße statt wie geplant Am Weidendamm weiter. »Durch die erfolgreiche Blockade konnten sie statt der geplanten fünf nur zwei Kilometer laufen«, sagt Lili Krämer, Pressesprecherin vom »What-the-Fuck«-Bündnis, zufrieden. Viele an der Blockade Beteiligte und insgesamt 140 Personen wurden an diesem Samstag festgenommen, teilte die Polizei mit. Außerdem seien elf Strafanzeigen gestellt worden.

Die Proteste der ProChoice-Bewegung markieren den Auftakt zu einer bundesweiten Aktionswoche, die am kommenden Samstag, den 28. September, mit dem »Internationalen Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen« endet. Von Montag bis Samstag sind in mehr als 30 Städten Aktionen geplant, über die das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung auf seiner Website informiert.

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