Werbung

Absturz und Auferstehung des Ikarus

Gegen die Mauer in den Köpfen: Ausstellung »Utopie und Untergang. Kunst der DDR« in Düsseldorf

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Von der einen zur anderen Seite: »Der Übergang« von A.R. Penck, Öl auf Leinwand in prophetisch aus dem Jahr 1963
Von der einen zur anderen Seite: »Der Übergang« von A.R. Penck, Öl auf Leinwand in prophetisch aus dem Jahr 1963

Wenn auch die Zeit vergeht, die Bilder bleiben. Jene des hoffnungsvollen Aufbruchs in eine bessere Zukunft oder die der bitteren Verabschiedungen von Illusionen, die man sich gemacht hat? Offenkundig beides. Über die Geschichte der DDR - und auch ihrer Malerei - kann man nicht reden, ohne den Zusammenhang von Hoffnung und Enttäuschung, Utopie und Untergang zu bedenken.

Im Düsseldorfer Kunstpalast wird nun, unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, eine umfangreiche Retrospektive von DDR-Kunst gezeigt. 130 Werke von 13 Malern. Das scheint wenig, aber ist gemessen an dem, wie man in den vergangenen drei Jahrzehnten mit den Werken der DDR-Malerei, besonders der Leipziger Schule (Sitte, Tübke, Mattheuer, Heisig), umsprang, erstaunlich reich an Bildmotiven. Die vier Maler sind vertreten, aber auch Cornelia Schleime, Michael Morgner und A.R. Penck, die mit der DDR nicht mehr rechneten, deren oft frei spielende, ironisch provozierende Bildsprache bei den Kulturfunktionären für Missfallen sorgte. Nicht wenige Maler, man schätzt etwa 600, verließen im Zorn die DDR - die meisten von ihnen nach der Biermann-Ausbürgerung im November 1976.

Bisher war der Frontverlauf in der öffentlichen Darstellung klar: Staatskunst trifft auf dissidentische Kunst - eine überaus kunstferne, weil selbst ideologische Wahrnehmung. Auf diesen abstrakten Gegensatz - das ist das Spektakuläre - lässt sich die von Steffen Krautzig klug kuratierte Ausstellung nicht ein. Ihr geht es um individuelle künstlerische Perspektiven auf die Zeit, die sich wandelnden Lebenswidersprüche der Künstler, die diese wiederum zum Stoff der Formgebungen ihrer Werke nahmen. Es ist nichts weniger als ein höchst sublimes Geschichtstableau, dessen ästhetische Herausforderung es anzunehmen gilt.

Das Publikum im Düsseldorfer Kunstpalast, wochentags gegen Mittag, zahlreich anwesend und überaus interessiert, kennt die Leipziger Schule, steht jedoch verwundert vor anderen, ihm unbekannten Malern. Wilhelm Lachnit und Elisabeth Voigt etwa sind überhaupt zum ersten Mal in einer - so muss man es wohl immer noch sagen - westlichen Galerie zu sehen. Denn die Mauer in Köpfen verläuft auch immer noch durch die Museen. Um so wichtiger, dass diese Werke hier gezeigt werden. Lachnits »Gliederpuppe« von 1948 etwa ist im expressionistischen Stil gehalten - und stellt die Frage nach dem Subjekt der Geschichte auf eindringliche Weise. Und die Leipziger Malerin Elisabeth Voigt, die Nestorin der Leipziger Schule, die Tübke und Mattheuer stark prägte, fasziniert mit ihrer unbestechlich-autarken Sicht auf die neue Zeit, an deren Pathos sie nicht glaubt. In »Der rote Stier« von 1961 blickt sie skeptisch auf die Bändigungsversuche animalischer Urgewalt. Der Stier, ein Urvieh, wird sich niemals zügeln lassen, das scheint klar.

Gerhard Altenbourg ist vertreten, Hermann Glöckners abstrakte Farbcollagen, erfreulicherweise auch der an exzentrischer Eigenwilligkeit kaum zu übertreffende Carlfriedrich Claus mit seiner mikroskopischen Art der Welterforschung. Die Kunst in der DDR, unabhängig davon, welches Verhältnis die Maler politisch zu ihr hatten, wird hier endlich in einen zeitlich bedingten künstlerischen Widerspruchszusammenhang gebracht.

Das stößt jedoch nicht nur auf Zustimmung. Immer noch gibt es jene, die vor künstlerischer Qualität fest die Augen verschließen und nur politische Haltungsnoten vergeben wollen. Das weckt ungute Erinnerungen an das Prinzip Parteilichkeit, eine Fessel, die jeder schöpferische Geist in der DDR irgendwann abzuschütteln begann. Die ostdeutschen Künstler unterschiedlichster Couleur einte der Widerstand gegen diese Art bevormundender Instrumentalisierung für weltanschauliche Zwecke. Bernhard Heisig brachte es auf den Punkt: »Kunst ist keine Illustration von politischen Konzeptionen, und wo solches gefordert und gemacht wird, erzeugt das bei bester Absicht schlechte Bilder.« Und die von der Staats᠆sicherheit observierte - und auch drangsalisierte - Cornelia Schleime sagt: »Es ist eine fadenscheinige Behauptung, dass Kunst nur in Freiheit gedeihen könne.« Denn Kunst behauptet eine eigene Gegenwelt, ist im Sinne von Peter Weiss immer auch Ästhetik des Widerstands: ein Mittel der Selbstrettung.

Die große geschichtsdeutende Kraft der Leipziger Schule beeindruckt aus dem gewachsenen zeitlichen Abstand nur noch mehr. Bernhard Heisigs »Fritz und Friedrich« (1986) wird zum Spiegel eines Preußentums, das beim kunstsinnigen Friedrich, der die Hinrichtung seines Freundes Katte mit ansehen musste, die Jugendträume tötete. Heisig malt ihn mit der eigenen Totenmaske in der Hand, auf Reihen von Soldaten blickend, die er gar nicht wahrzunehmen scheint. Oder auch »Christus verweigert den Gehorsam« vom selben Künstler - das ist ein Blick in den Orkus des Krieges, der alles verschlingt.

Voller Symbole ist das Werk Wolfgang Mattheuers. Sein berühmtes Bild »Die Ausgezeichnete« von 1973 ist in Düsseldorf zu sehen, für das ihm seine Mutter Modell saß. Eine ältere Frau mit ebenso strengen wie bleichen Gesichtszügen allein an einer Tafel sitzend, vor ihr auf einem weißen Tischtuch liegen einige Tulpen. Die Farben gleiten vom rötlich schimmernden Bildrand links oben ab in dunkles Braun rechts vorn. Die Augen der Frau sind geschlossen und man erschrickt: Hat Mattheuer hier seine Mutter gleichsam als Tote aufgebahrt?

Mattheuer malte immer wieder archetypische Szenen: Prometheus oder auch Ikarus. »Seltsamer Zwischenfall« von 1984 (1991 überarbeitet) zeigt den himmelsstürmenden Ikarus als Opfer eines Verkehrsunfalls in den Bergen. Schaulustige Touristen in einer Zahnradbahn blicken auf einen jungen Mann, dessen weiße Flügel zerbrochen unter und auf ihm liegen. Das Opfer eines Verkehrsunfalls. Makaber geradezu sein »Angekommen« von 1990, das einen halben Regenbogen zeigt, den eine dunkle Wolke verschluckt. Im Vordergrund die aggressiven Linien von Werbung und scharfkantiger Geschäftigkeit. Das Ende aller Sehnsüchte in falscher Erfüllung. Der Terror des Machbaren in Gestalt einer nicht endenden Flut von Waren, die allesamt in höchstem Tempo verkauft, vernutzt und schnell weggeworfen werden, um Platz für neu zu Kaufendes zu machen.

Zwei Bilder beeindrucken mich hier im Düsseldorfer Kunstplast am stärksten. Das eine ist wiederum von Mattheuer: »Was nun?« von 1980. Ein Eiland im Meer, darauf zehn Menschen ausgesetzt. Der eine oder andere von ihnen scheint bereits tot. Es gibt keinen Kontakt untereinander, alle blicken sie vor sich hin, warten, aber ohne Erwartung. Die Einsamkeit scheint total. Dies ist die andere Art Inselutopie. Kein Ort, der Träume vor der feindlichen Welt schützt, sondern ein Zustand des Ausgesetzt-seins, der Verbannung. Über der steingrau-bläulichen Szenerie von Insel und Meer schwebt etwas. Ein Schmetterling, Engel oder Ikarus? Die Menschen unten beachten ihn nicht, ihre Apathie ist längst übermächtig. Mattheuer sprach davon, dass er einmal beim Schwimmen in einem See auf ein Stück seltsam geformtes Stück Holz stieß, das er mit nach Hause nahm. Es gibt nun der Insel ihre Kontur. Ein spielerisch-launiger Anstoß für eine überaus depressive Vision der Geschichte.

Das zweite Bild, das mich hier fasziniert, dabei auch erheitert in seiner arroganten Attitüde, ist Werner Tübkes »Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten«. Wie hier der Maler jeden Anflug von verordnetem sozialistischen Realismus kontert! Von einer Studienreise nach Italien brachte Tübke 1972 die Bildidee mit nach Leipzig. Der da auf einer Terrasse in südlichem Licht wie auf einer Bühne lässig wie ein Dandy posiert, ob das nicht Tübkes Alter Ego ist? Die Guckkastenszenerie ist an Unwirklichkeit nicht zu übertreffen. Lauter Marionetten vor blutroten Wänden an Fäden herab hängend - noch artifizieller kann eine Szenerie nicht wirken. Der Künstler besteht hier darauf, dass er nicht einfach Wirklichkeit abbildet, sondern platziert sich selbst inmitten einer pittoresk übersteigerten Traumszenerie. Ein kühl gelangweilter Beobachter, kein wie auch immer gearteter Propagandist.

Warum eigentlich staunt niemand darüber, wie fernab sozialistischer Alltagsszenerien diese arg als »Staatskünstler« gescholtenen Vertreter der Leipziger Schule sich voll Übermut selbst in Szene zu setzen vermochten?

Die Ausstellung läuft bis zum 5. Januar im Kunstpalast Düsseldorf, der Katalog (Hg. Steffen Krautzig) ist im Sandstein Verlag erschienen und kostet 38 Euro.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!