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Ökonomie vs. Ökologie

Beim Nationalen Waldgipfel prallen konträre Rezepte aufeinander - nicht alle kosten viel Geld

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

Da erkennt man die Waldpolitik vor lauter Meinungen nicht - diese Gefahr besteht bei einem Treffen, zu dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) für Mittwochnachmittag nach Berlin eingeladen hat. Über 200 Teilnehmer aus rund 170 Verbänden, Einrichtungen und Institutionen haben ihr Kommen abgekündigt. Sie sollen laut der Ministeriumseinladung darüber beraten, »wie akute Schäden bewältigt, zerstörte Flächen wiederbewaldet und die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel gestärkt werden können«.

Laut dem Ministerium haben Stürme, extreme Dürre, Borkenkäferbefall und Brände den Wäldern in Deutschland in den vergangenen beiden Jahren schwer zugesetzt. Rund 150 000 Hektar Schadfläche müssten neu aufgebaut sowie der gesamte Wald besser an den Klimawandel angepasst werden. Klöckner hatte sich Ende August bei einem Verbändegespräch bereits Expertise von Praktikern und Vertretern aus Verbänden aus dem Forst- und Umweltbereich geholt. Daraus machte sie ein Elf-Punkte-Eckpunktepapier, über das nun beraten werden soll. Dabei geht es um Fördermaßnahmen für die Wiederaufforstung, aber auch um die Frage der richtigen Baumarten und um Perspektiven der Holzwirtschaft. Besonders sieht sie die kommerzielle Verwertung der Wälder in Gefahr, wie sie immer wieder betont.

Dadurch fühlt sich die Forstwirtschaftslobby berufen, bei Klöckners Nationalem Waldgipfel ganz viel Geld einzufordern. Der Verband Familienbetriebe Land und Forst geht auch gleich mit einer Hausnummer in die Beratungen: 3,5 Milliarden Euro betrage der Vermögensverlust der Betriebe durch Baumschädigungen und den Einbruch beim Holzpreis um gut 50 Prozent - Folge des Überangebotes auf dem Markt, da sehr viele Bäume gefällt werden müssen.

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Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), die die Interessen der Forstmitarbeiter vertritt, macht eine ganz andere Rechnung auf: Die Wälder seien über Jahrzehnte als »Holzfabriken« genutzt worden, deren »primäre Aufgabe es war, eine ordentliche Rendite abzuwerfen«, kritisiert IG-BAU-Vize Harald Schaum. Eine Folge dieser Profitorientierung: »Das Forstpersonal war ein Kostenfaktor, der im Laufe der Jahre immer radikaler zusammengestrichen wurde«, so der Gewerkschafter. Aktuell brauche ein Großteil des Waldes Umbau und eine »Reha-Phase«, wofür vom Förster bis zum Waldarbeiter deutlich mehr qualifiziertes Personal erforderlich sei. Ihren Forderungen nach einem Ende der Rotstiftpolitik will die Gewerkschaft mit einer Protestaktion vor dem Verhandlungsort Nachdruck verleihen.

Letztlich laufen die Forderungen der IG BAU auf eine Stärkung des Staatsforstes und der ökologischen Funktion des Gemeingutes Wald hinaus. Damit gibt es weitgehende Übereinstimmung mit den großen Umweltverbänden, die auf einer Pressekonferenz am Dienstag erneut auf eine »ökologische Wende in der deutschen Waldpolitik« drängten, um den Wald in seinen überlebenswichtigen Funktionen als Kohlenstoffspeicher, Lebensraum oder Trinkwasserproduzenten zu erhalten. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie von der Politik »Mindeststandards für eine schonendere Waldwirtschaft«. Dazu gehörten der Verzicht auf intensive Holznutzung, der Waldbodenschutz, ausreichend Bäume, die ein eigenes Biotop bilden, und Totholz sowie der Verzicht auf Pestizide. Zudem sollten im öffentlichen Wald mindestens zehn Prozent der Fläche wieder der natürlichen Entwicklung frei von forstlichen Eingriffen überlassen werden.

Indes fordern auch die Länder deutlich mehr Geld vom Bund. Um dem Nachdruck zu verleihen, wartete Thüringens Forstministerin Birgit Keller (LINKE) im Vorfeld des Treffens mit Zahlen auf: Alleine im Freistaat dürften bis Jahresende etwa 600 000 Buchen wegen Trockenheit absterben und fünf bis sechs Millionen Fichten Opfer des Borkenkäfers werden. Die Landesregierung hat ein Nothilfeprogramm beschlossen, das für die Bergung kranker und abgestorbener Bäume sowie für die Pflanzung von 200 Millionen Bäumen in den kommenden zehn Jahren rund 500 Millionen Euro vorsieht. »Die angekündigten Bundesmittel sind zu gering und werden dem Ernst der Lage nicht gerecht«, so Keller.

Deutschlands oberste Naturschützerin warnt indes vor Überdramatisierung. Es sei falsch, bereits von einem »Waldsterben 2.0« zu sprechen. »Man kann von einer Waldkrise sprechen. Und eine Krise kann auch eine Chance sein«, meint Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Sie warnt davor, in Aktionismus zu verfallen und gebietsfremde Baumarten ohne »umfassende ökologische Risikobewertung« anzupflanzen, wie dies in der Debatte gefordert werde. Viel wichtiger sei »mehr Gelassenheit und Vertrauen in die natürliche Verjüngung des Waldes«. Auch die Bundesbehörde spricht sich in einer aktuellen Studie etwas verklausuliert für das Primat der Ökologie aus: Bei den anstehenden Maßnahmen »kommt dem Erhalt und der Förderung von Diversität als Grundvoraussetzung für die Selbstregulation von Waldökosystemen und zur Bereitstellung von Ökosystemleistungen eine herausragende Bedeutung zu«.

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