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Der fehlende Buchstabe

Zum Tod von Sigmund Jähn

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Mögen wir aber aufbrechen zu fernsten Orten - das Fliegen und das Schweben über fremder Tiefe erhält seinen Wert nur immer aus der Weise, wie wir zurückkehren. Zur Erde, zu unserer Unvollkommenheit, zu uns selber. Und wie wir inmitten hochschießender, alle Himmel durchstoßender Metalle doch eines nicht vergessen: dass es Momente gibt, in denen Schmetterlinge dicht über einer Blüte das größere Wunder sind als unsere Raketen weit oben.

Gern sagte Sigmund Jähn er den Satz: »Ich war beeindruckt.« Der Schock, nachdem der junge Flieger sich aus einem plötzlich triebwerktoten Jagdflugzeug katapultiert hatte, per Schleudersitz, und wie er unter sich die MIG sieht, mit gesprengtem Kabinendach, dann den Wald, in den sie rast, er knickt wie Streichholz, und Jähn am Fallschirm, eine surreale Szene: »Ich war beeindruckt.« Schwere Seelenlagen, härteste Prüfungen, unvorhergesehene Prekärsituationen: »Ich war beeindruckt.«

Er kam aus einer Zeit, da die Lehrer in den Schulen noch prügelten. »Ich sah auf mein Schreibheft. Es färbte sich rot. Meine Nase blutete.« SA-Mann oder Lehrer, da war kein Unterschied. Wer nach solcher Schilderung dann von Neulehrern im befreiten Osten schwärmt und vom »Brechen eines Bildungsprivilegs«, der weiß, wovon er redet. Und wofür er sich einsetzt. Er geht zur Kasernierten Volkspolizei, denn ein Freund hatte ihm erzählt, dort würden »Spezialisten« gesucht. Oh! Spezialist wäre man gern! Flugzeugführer! Tatsächlich äußerte Jähn seinen Wunsch dann so: »Ich möchte Spezialist werden.« Was den Vorgesetzten etwas irritierte: »Hier wird nicht gewünscht.« Der junge Kader wird Jagdflieger, eine irrtümliche Blutkörper-Analyse machte beinahe noch einen Strich durch die Rechnung, aber Jähn hat, was er auffällig oft vor seine Leistungen stellt: Glück. Natürlich sind seine Leistungen größer, beständiger als der bloße Zufall des glücklichen Umstands.

So wird er eines Tages Kosmonauten-Kandidat. Der Mann, der die Technik liebt. Der seine Grundhaltung zur Präzision so formuliert: »Ein Flugzeug hat man gefälligst mit Sie anzureden.« Ins Raumschiff wird er übrigens den Fetzen einer verkohlten Flugkarte mitnehmen - sie stammt aus den Trümmern jener MIG, aus der sich Jähn einst per Schleudersitz gerettet hatte.

Gerhard Gundermann fragte ins All hinein - »Ist da wer« heißt sein Lied: »Der planet hier ist ein Apfel/und ich hab Angst, du wärst der Sturm/und ich bin nur der Apfelkern/oder bin ich nur der Wurm«. Und Heiner Müller ließ Gagarin sagen: »dunkel genossen ist der Weltraum sehr dunkel.« Wer geht, blickt zu den Sternen auf. Wer fliegt, blickt herunter. Das eine macht erhaben, das andere demütig. Schönste Aufgabe: neue Räume aufzureißen, ohne dass das wissende Lächeln der Wissenschaft frostig wird. Unser Spagat: Aufklärung - und dabei das Unerschließbare feiern. Das ist die wahre Gutartigkeit.

Die Spitzenmeldung für die Zeitungen, an jenem Aufstiegstag des Sigmund Jähn 1978, einem Sonntag, lagen schon Tage bereit, in den Panzerschränken der Chefredaktionen. Die gut behütete Sensation. Und als das Gesicht des Mannes dann die Verschwiegenheit verließ und sich zeigte, da zeigte sich auch, und eigentlich für alle künftigen Zeiten, dass der Name das Wesen dieses Menschen durch Weglassen eines einzigen Buchstabens trefflich erzählte: Sigmund, nicht Siegmund. Tat, nicht Sieg.

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