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E.on und RWE teilen sich den Energiemarkt auf

Machtkonzentration im deutschen Strommarkt steigt weiter - Stadtwerke fordern Änderung der politischen Rahmenbedingungen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

»Heute ist Feiertag«, jubilierte E.on-Vorstandschef Johannes Teyssen, als die EU-Kommission in der vergangenen Woche dem Energiekonzern erlaubte, gemeinsam mit dem Konkurrenten RWE den Netzbetreiber Innogy zu filetieren. Was wie eine Allerweltsmeldung daherkam, birgt wirtschaftspolitischen Zündstoff. Im Zuge eines komplizierten Tauschgeschäftes sollen Unternehmensteile im Gesamtwert von 40 Milliarden Euro zwischen E.on und RWE den Eigentümer wechseln - eine der größten Transaktionen auf dem europäischen Kapitalmarkt der vergangenen Jahrzehnte. Der kleine Ökostromanbieter Lichtblick kritisierte denn auch, so eine Machtkonzentration habe es auf dem deutschen Energiemarkt »noch nie gegeben«.

E.on übernimmt das Netz- und Vertriebsgeschäft von Innogy, RWE erhält die Ökostromproduktion von Innogy sowie von E.on. Zusätzlich bezahlt RWE einen Ausgleich von 1,5 Milliarden Euro. E.on steigt nach dem bereits erfolgten Verkauf der Kraftwerkstochter Uniper damit ganz aus der Stromproduktion aus und setzt nur noch auf das Geschäft mit Verteilernetzen sowie den Vertrieb von Strom und Gas bis zum Endkunden.

Die Zustimmung aus Brüssel zu diesem Megadeal kam überraschend, da zuvor die Zughersteller Siemens und Alstom sowie die Stahlfirmen ThyssenKrupp und Tata mit ähnlichen Plänen gescheitert waren. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager begründete das grüne Licht mit den von E.on zugesagten Verkäufen. Diese stellten sicher, »dass der Zusammenschluss nicht zu einer geringeren Auswahl und höheren Preisen führen wird«, so Vestager.

Vor allem muss sich der Essener Konzern vom Strom- und Gasvertrieb in Ungarn und Tschechien trennen. Dabei geht es laut E.on-Boss Teyssen um zwei bis drei Millionen Kunden. Das Unternehmen mit rund 70 000 Beschäftigten wird aber allein auf seinem Heimatmarkt künftig 14 Millionen Haushalte beliefern. Dazu kommen über 35 Millionen Kunden in einem Dutzend weiterer Länder. Der Vorstand strebt ab 2022 jährliche Einsparungen von 600 bis 800 Millionen Euro an. Bis zu 5000 Jobs könnten gestrichen werden, wo es Überschneidungen zwischen E.on und Innogy gibt.

Einen anderen Weg beschreitet RWE. Der lange Zeit auf Kohle und Atom fixierte Konzern aus dem Ruhrgebiet will sich zu einem der größten Ökostromproduzenten Europas wandeln. »Brüssel hat den Weg freigemacht für die ›neue RWE‹«, freute sich Vorstandschef Rolf Martin Schmitz. »Das macht uns zu einem global führenden Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien.« Mit jährlichen Investitionen von 1,5 Milliarden Euro netto wolle man diese Position weiter ausbauen. Darunter dürfte allerdings vor allem der Zukauf von Kapazitäten fallen. RWE-Finanzchef Markus Krebber lässt durchblicken, dass es keine riesigen Investitionen in den Bau neuer Anlagen geben werde.

Den Ringtausch zwischen den beiden Energiegiganten halten Branchenbeobachter für einen geschickten Schachzug. RWE muss bekanntlich bis 2022 seine Atommeiler vom Netz nehmen, die Kohle folgt bis etwa 2035. In die Bresche springen sollen nun die Erneuerbaren. E.on dagegen beendet seinen halbherzigen Versuch, zu einem »grünen« Stromriesen zu mutieren, wie es dem dritten großen Energieunternehmen in Deutschland, der EnBW, gelungen zu sein scheint. Diese gehört mehrheitlich dem Land Baden-Württemberg und dortigen Kommunen.

E.on will sich fortan ganz auf den Vertrieb und die dafür notwendigen Verteilnetze konzentrieren. Diese Geschäfte basieren auf langfristigen Verträgen, und Verbraucher können den Netzbetreiber nicht wie den Stromlieferanten wechseln. Was hohe Gewinne garantiert: Gut die Hälfte des Strompreises (ohne Steuern) entfällt laut Bundesnetzagentur auf Netzentgelte und Vertrieb.

Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre, kritisiert die »weitere Machtkonzentration« in Deutschland. Sie werde Politik und Verbraucher zusätzlich unter Druck setzen, so Dufner gegenüber »nd«. Auch der Wettbewerb, den die Bundesregierung immer verbal hochhalte, müsse leiden.

Dufner moniert zudem den Umgang mit den Beschäftigten, die zwischen RWE, E.on und der erst 2016 gegründeten Innogy »einfach hin und her geschoben« werden. Letztlich bringe der Anteilstausch »nicht einmal etwas für die Energiewende«. Weder RWE noch E.on werden zu umweltverträglichen Konzernen.

Der Aktionärsvertreter sieht das Bundeskartellamt gefordert, denn der deutsche Markt werde noch stärker unter den drei Großen aufgeteilt. Früher in der BRD war der Markt räumlich parzelliert, später kam im Osten noch die schwedische Vattenfall hinzu. Heute hat man sich die Marktsegmente gegenseitig zugeschanzt.

»Bedenken« äußerte denn auch der Verband kommunaler Unternehmen. Die Politik sei nunmehr dringend gefordert, faire Rahmenbedingungen zu schaffen. Private Energieversorger wie RWE und E.on hätten regulatorische und gesetzliche Vorteile gegenüber den Stadtwerken.

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