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Zum Glück zwingen

Mit dem neuen Präsidenten Fritz Keller will der Deutsche Fußball-Bund seinen Glaubwürdigkeitsverlust bekämpfen.

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Fritz Keller saß schon fertig verkabelt in der dritten Reihe, war aber beim 43. Ordentlichen Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes noch gar nicht zum neuen Präsidenten des größten deutschen Sportverbandes gewählt, als bereits die Messlatte angelegt wurde: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sprach von der »eiermilchlegenden Wollmilchsau«, die das neue DFB-Gesicht geben müsse. Tatsächlich sind die Erwartungen an den 13. Amtsinhaber in der 119-jährigen Geschichte des krisengeplagten Verbandes umfassend. Das übertragene Vertrauen der Delegierten geht einher mit der Hoffnung, dass eine allseits respektierte Persönlichkeit zum Versöhner taugt, damit der DFB nach seinem Ansehensverlust wieder »zu einem glaubwürdigen Partner wird«, wie Vizepräsident Rainer Koch herausstellte. Keller sei dafür die ideale Person. Diese Worte kamen von einem Mann, der kurz vor dem Bundestag ins Zwielicht geraten war. Koch wurde durch den Vorsitzenden des DFB-Jugendausschusses, Christian Pothe, bei der Ethikkommission des Verbandes angezeigt, weil er 2016 massiv unlauteren Druck ausgeübt haben soll, um damals seinen Wunschkandidaten im Jugendausschuss zu platzieren.

Solch negative Schlagzeilen sollten eigentlich der Vergangenheit angehören. Diese saß in persona des zurückgetretenen DFB-Präsident Reinhard Grindel im großen Kongresssaal der Frankfurter Messe auf einem Außenplatz in der vierten Reihe. Der 58-Jährige schüttelte viele Hände im Foyer, aber noch immer ist der gebürtige Hamburger tief verletzt über die Umstände seines Scheiterns.

Der Blick seines Nachfolgers richtete sich derweil nach vorne, um wieder eine Einheit in einem solch gesellschaftlich relevanten Sektor herzustellen. Kellers Motto: »Profifußball, Amateurfußball, Frauenfußball - ist alles eins.« Als Präsident beim SC Freiburg hat er vorgemacht, dass eine nachhaltige Förderung des Männer- und Frauenfußballs samt Nachwuchs funktioniert. Der 62-Jährige steht auf dem Standpunkt, dass Lizenzvereine sich der Förderung beider Geschlechter nicht mehr länger verweigern können. Notfalls müssten Klubs wie Borussia Dortmund oder Schalke 04 eben über die Lizenzierungsbedingungen verpflichtet werden, auch Mädchen und Frauen ein Angebot zu machen. Bei der Schaffung der Nachwuchsleistungszentren, so Keller, »sind die Vereine auch zu ihrem Glück gezwungen worden.« Ob es gelingt, auf diesem Wege die Kluft ein bisschen kleiner zu machen? Damit für den Genussmensch aus dem Kaiserstuhl der Präsidentenposten kein Schleudersitz wird, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Dazu Gespür, sich bei der verloren gegangenen Richtlinienkompetenz nicht zu verzetteln.

DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius sieht optimistisch »einen Meilenstein in einem Veränderungsprozess«. Hilfreich dabei ist gewiss, dass der geschäftliche und ideelle Bereich künftig in der DFB GmbH und im DFB e.V. klar getrennt werden - übrigens »ein alternativloser Schritt zum Erhalt der Gemeinnützigkeit«, wie Schatzmeister Stephan Osnabrügge erläuterte. Die verabschiedete Strukturreform bezeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel am Vortag bei der Grundsteinlegung der neuen DFB-Akademie als »kleine Revolution«. Für den Hotelier, Gastronom und Winzer Fritz Keller bedeutet es als neuen Präsidenten weniger Reibung.

Sportlich geht es beim DFB zudem um den Anschluss an die Weltspitze. So wie der Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet ist, hat auch der Fußballstandort Deutschland verloren. »Wir erleben eine sportliche Durststrecke. So ehrlich müssen wir sein«, sagte der vor kurzem als Ligapräsident verabschiedete Reinhard Rauball, der zusammen mit Rainer Koch die Interimsdoppelspitze des DFB bildete. Fakt ist: Wer die Nachwuchsnationalteams nach Toptalenten durchforstet, stellt fest, dass da im männlichen Bereich gerade nicht mehr viel kommt.

An diesem Punkt rüttelte Oliver Bierhoff, Direktor für Nationalmannschaften und Fußballentwicklung, mit seinem Vortrag »Projekt Zukunft - für die Weltmeister von morgen« auf. Der 51-Jährige fordert »einen beherzten Schritt« von DFB und DFL. Heutzutage würden 30 Prozent weniger junge Spieler als 2006 den Sprung in die Bundesliga schaffen: zu viel Ergebnisorientierung, zu frühes Selektieren der Talente, zu wenig Freiräume für die persönliche Entwicklung und letztlich fehlende Möglichkeiten auf höchstem Niveau. Die Bundesligisten können dieses Manko durch den Zukauf von Talenten aus dem Ausland, neuerdings vorzugsweise aus Frankreich, kaschieren, aber beim Nationalteam zeichnet sich bereits zur EM 2024 in Deutschland das nächste gravierende Problem ab.

Interessant, dass Vizepräsident Koch mit dem Auslaufen des Grundlagenvertrags 2023, der die Zahlungsströme zwischen Profi- und Amateurfußball regelt, eine neue Stoßrichtung vorschlug. Aus seiner Sicht besitzt der DFB »keinen geborenen Rechtsanspruch auf die Einnahmen aus dem Profifußball«. Statt pauschal einen Prozentbetrag der Milliardenerlöse einzufordern, schlug der Amateurvertreter nun vor, »zweckgebundene Leistungen einzufordern, um die Mädchen und Buben zu fördern, die unsere Zukunft bilden.«

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