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  • Berlin
  • Potsdamer Garnisonkirche

Loblied auf den Militarismus

Streit um das 1991 aufgestellte Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche.

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

An dem Kreuz dort auf dem Laken fehlen heute ein paar Haken. Weil man mit den Zeiten lebt, sind die Haken überklebt.» Nein, Bertolt Brecht war nicht besonders rücksichtsvoll, als er sich in seinem «Anachronistischen Zug» den Charakterzügen zuwandte, welche die westdeutsche Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg auszubilden begann.

Die Spätfolgen sind in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau der in einer Bombennacht im April 1945 zerstörten Potsdamer Garnisonkirche zu besichtigen - und auch bei einer Nachbildung des Glockenspiels dieser Kirche, das unweit davon Anfang der 1990er Jahre aufgestellt worden war. Wer glaubte, dass nun alles geregelt und der Wiederaufbau der weltweit übel beleumdeten Garnisonkirche nur noch eine Frage der Zeit sei, der irrte. Aufsehen erregte kürzlich ein Vorschlag von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD), neben dem Glockenturm ein internationales Jugendbegegnungs- und -bildungszentrum errichten zu lassen.

Darüber soll die Stadtverordnetenversammlung bis zum 4. November befinden. Es ist der Versuch des Oberbürgermeisters, den Gordischen Knoten zu zerschlagen um den Preis, dass sich in einem unversöhnlichen Streit keines der beiden Lager gegen das andere durchsetzt. Sowohl ein «ungefälschter» Wiederaufbau des Kirchenschiffs der Garnisonkirche als auch das Fortbestehen der heutigen Künstler-Kolonie im alten Rechenzentrum wären dann vom Tisch.

Schubert regte an, die Jugend- und Bildungsarbeit als Zweck in der Satzung der Stiftung Garnisonkirche zu verankern. Für seinen Vorschlag erhielt er Unterstützung unter anderem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Positiv äußerte sich auch der evangelische Landesbischof Markus Dröge. Allerdings besteht Dröge auf der «Kubatur des Kirchenschiffs». Genau das aber wollen die Gegner der Garnisonkirche nicht.

Seit zwei Jahren schon läuft der Wiederaufbau des Kirchturms, gefördert unter anderem mit bis zu 18 Millionen Euro vom Bund. Seit die Stadt Potsdam das Grundstück als Morgengabe für den Bau mit einbrachte, wird gestritten: Ist das der dreimal verfluchte Tempel, der ein Symbol für Deutschlands katastrophale Irrwege war, oder das barocke Kunstwerk, welches für das Potsdamer Stadtbild einfach unerlässlich ist?

Nach dem Plan des Oberbürgermeisters sind «unumkehrbare inhaltliche Brüche mit der Geschichte der Kirche» unumgänglich. Dazu passt die Abstellung des Glockenspiels. Es wurde als Geschenk der in Iserlohn gegründeten Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel des Ex-Bundeswehroffiziers Max Klaar 1991 aufgestellt. Seither nervt es die Anwohner alle 15 Minuten mit der Melodie der Lieder «Lobet den Herrn» beziehungsweise «Üb’ immer Treu und Redlichkeit». Was anfangs nur linken Gruppen aufgefallen ist, haben nun auch Teile des Establishments bemerkt. Das Glockenspiel hat revisionistische Tendenzen und könnte der Verherrlichung der faschistischen Wehrmacht dienen.

Oberbürgermeister Schubert ließ das Geläute nun abstellen und leitet eine Untersuchung ein: Was ließen denn die Bundeswehroffiziere überhaupt auf die Glocken prägen? Eine Preisung des milden Jesus? Oder vielleicht doch die Wappen der einstigen deutschen Ostgebiete?

Es lässt sich nicht so leicht von jedermann überprüfen, da die Glocken sehr hoch hängen. Ausgangspunkt der Fragen war ein offener Brief von Künstlern, Wissenschaftlern und Architekten im August. Gefordert wurde darin der Abriss des Glockenspiels mit seinen «revisionistischen, rechtsradikalen und militaristischen Widmungen». Dies als klarer Trennungsstrich zu militaristischen und faschistischen Traditionen an diesem Orte. So würden mit den Inschriften auch revisionistische Soldatenverbände geehrt, hieß es. Bertolt Brecht mit seinem «Anachronistischen Zug» trifft wohl bis heute ins Schwarze. Nun soll unter anderem der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche die Inschriften am Glockenspiel prüfen.

Doch die Gegner schweigen nicht. Regelmäßig sonntags treffen sie sich vor ihrem Heiligtum, um mit Gesang gegen dessen Verstummen zu protestieren. «Wir lassen uns nicht abschalten», sagte Protestinitiator Detlef Mai, Chormitglied der Nikolaikirchgemeinde den «Potsdamer Neuesten Nachrichten». Man werde sich nun jeden Sonntag zum Singen treffen, bis das Glockenspiel wieder zum Klingen gebracht werde.

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