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Stilwechsel

Der neue ver.di-Chef Frank Werneke kann die Menschen nicht so mitreißen wie sein Vorgänger, dafür aber mitnehmen.

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 6 Min.

Abgesprochen war das nicht. Der neue Vorsitzende, so hat es die ver.di-Jugend beim Bundeskongress in Leipzig beantragt, möge im nächsten Sommer mit ihnen an einem Bubble-Soccer-Spiel teilnehmen. Bubble Soccer, das bedeutet, sich über Kopf und Oberkörper eine riesengroße aufblasbare Kugel zu stülpen und so Fußball zu spielen. Frank Werneke waren bislang weder Spiel noch Antrag bekannt. Er ist skeptisch: »Vielleicht hätte ich ja Spaß daran, wenn nicht sofort ein Filmchen davon im Netz landen würde.« Aber wer könne das schon garantieren?

Der Nachfolger von Frank Bsirske wird dieser Tage in der Presse oft als nüchterner Technokrat oder kühler »Manager« beschrieben. Aber statt sich zu ärgern, zeigt er Verständnis: »Ist ja klar, woher das kommt«, so der 52-Jährige. »Ich war acht Jahre für Finanzen und die Vermögens- und Immobilienverwaltung zuständig.« Da hätten ihn die meisten Menschen stark mit Vorträgen über Beitragsentwicklung, Investitionssummen und Rücklagen in Verbindung gebracht. Delegierte bestätigen: Am 1. Mai in Berlin habe er anders geklungen. Trotzdem stimmt aber wohl auch: Kreative und Rebellen werden selten Kassierer.

Wer Werneke am Mittwoch in Leipzig auf der Bühne gesehen hat, wie er dort reichlich steif die Arme bewegte, während vor ihm Bsirske und Monika Brandl, die langjährige Chefin des Gewerkschaftsrates, zum alten Free-Hit »All Right Now« abrockten, da wirkte er jedenfalls mehr unbeholfen als unterkühlt. Aber es war auch nicht sein Abschiedsmoment, und sowieso steht Werneke mehr auf U2 und Sting, »Musik der 90er«. Im Vergleich mit Bsirske - und den wird »der neue Frank« noch eine Weile aushalten müssen, zu eng ist das Bild des kämpferischen Linksintellektuellen mit ver.di verknüpft - fällt zunächst auf, was Werneke alles nicht ist: nicht so wortgewaltig, nicht so mitreißend, nicht so charmant. Aber nicht für alles, was ein Gewerkschaftschef können muss, kommt es auf diese Eigenschaften an.

Die Jugend will mit dem Bubble-Fußball gewerkschaftliche Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen, Durchsetzungskraft und Kampfgeist auf die Probe stellen. Eine Eigenschaft hat sie vergessen: Teamgeist. Genau dafür könnte Werneke stehen. Wenn etwas bei diesem Bundeskongress deutlich wurde, wo er mit über 90 Prozent gewählt wurde, dann das: Inhaltlich setzt er die kritische Linie seines Vorgängers fort - aber er verkörpert einen anderen Stil. »Gemeinsam im Team«, das kündigt er schon in seiner Bewerbungsrede an. Wie er dann direkt nach seiner ersten Grundsatzrede als Vorsitzender seine beiden Stellvertreterinnen Christine Behle und Andrea Kocsis sowie die neue Vorsitzende des ehrenamtlichen Gewerkschaftsrats zu sich in die Mitte holte, das deutet darauf hin: Er beansprucht nicht die ganze Bühne für sich allein. Er lässt anderen mehr Raum.

Seit der Gründung von ver.di gehört Werneke dem Bundesvorstand an, seit 2002 als Vize. Dennoch hatte man ihn nicht auf dem Zettel als Nachfolger, viele hatten mit einer Frau gerechnet. Als er gefragt wurde, habe er noch einmal »einige Zeit« nachdenken müssen und sich mit seinem Partner besprochen. »Einerseits ist es eine tolle, spannende Aufgabe«, sagt er. »Andererseits bin ich nun eine öffentliche Person - auch wenn ich privat unterwegs bin. Mit ruhigen Taxifahrten wird es wohl bald vorbei sein.«

Als »fair, korrekt, absolut verlässlich«, so beschreibt ihn eine ver.di-Delegierte aus Leipzig, die ihn über den Finanzbereich seit Jahren kennt. Keiner, der poltert und seine Meinung durchdrückt, sondern einer, der auf Sachargumente setzt und sich auch überzeugen lässt. Und der es gerade auf diese Weise schaffe, die Leute mitzunehmen. An einem Punkt widerspricht sie ganz entschieden: »Der Frank ist ein warmherziger Kollege, den kannste anfassen.«

Werneke selbst sagt über sich: »Ich kann ganz gut auch mal eine Viertelstunde nichts sagen und zuhören.« Und: »Unterschiedliche Meinungen müssen offen besprochen werden.«

Natürlich bleibt die Frage, ob er das wirklich kann, ver.di, diesen heterogenen Laden, zusammenzuhalten. Aber selbst in der Wirtschaft sind die Zeiten der autoritären Patriarchen vorbei. Und bei der bevorstehenden Zusammenlegung der Fachbereiche könnte es gerade ein Vorzug sein, wenn einer nicht einfach nur von oben nach unten durchregieren will. »Führung, Führung, Führung«, dieses Bild von Spitzenfunktionären teilt Werneke nicht. »In zugespitzten Situationen« wie Tarifkonflikten müsse man schon einmal darauf zurückgreifen, sagt er. »Aber es ist nicht der Stil, um eine Organisation dauerhaft erfolgreich nach innen zu führen.«

Werneke, 1967 geboren und in der Nähe von Bielefeld aufgewachsen, wurde durch die Friedensbewegung und die Jusos politisiert. Mit 15 trat er in die SPD ein und auch in der Agenda-Zeit, trotz Kritik, nicht aus. Nach seinem Realschulabschluss begann Werneke eine Ausbildung als Verpackungsmechaniker und wurde Gewerkschaftsmitglied. Ohne dass ihn jemand hätte werben müssen. Seine Mutter arbeitete in einem Zeitungsbetrieb nachts in der Weiterverarbeitung, sein Vater im Außendienst einer Getränkefirma. Beide waren in der Gewerkschaft. Im Betrieb habe er gelernt, dass Zusammenhalt die »unabdingbare Voraussetzung« für gewerkschaftlichen Erfolg ist, erzählt er in seiner Bewerbungsrede auf dem Bundeskongress.

Seit 1993 arbeitete er hauptamtlich für die Industriegewerkschaft Medien, erst als Gewerkschaftssekretär, später im Bundesvorstand, wo er für Zeitungsverlage und Druckindustrie zuständig war. Er erinnert sich an »außerordentlich harte Auseinandersetzungen«, etwa in Magdeburg, wo Streikbrecher aus dem Ausland mit Hubschraubern eingeflogen wurden, und wie es doch möglich war, »die Arroganz der Macht zu brechen«. In die Streikbrechertruppen hatten sich britische Gewerkschafter eingeschleust, die - anders als von ihnen erwartet - ihren deutschen Kollegen nicht in den Rücken fielen. Diese Erfahrungen haben ihn geprägt.

Damals hat er Tarifverhandlungen gelernt. Einer, der ihn schon aus dieser Zeit kennt, bewundert noch heute, wie der Anfang-30-Jährige »auf Augenhöhe mit den Hochkarätern von Gruner & Jahr« verhandelte. Tageszeitungsjournalisten waren im vergangenen Jahr weniger zufrieden mit dem Agieren von ver.di, aber zuletzt konnte Werneke wieder einen Erfolg verbuchen: In der Druckindustrie mussten die Arbeitgeber den Manteltarifvertrag am Ende ohne die geplanten Verschlechterungen wieder in Kraft setzen. Werneke gilt als gewiefter Stratege. Und offenkundig kann man die Gegenseite auch mit großer Ruhe kirre machen. Er wäre sicherlich ein guter Pokerspieler.

Werneke baut auf die Durchsetzungskraft kämpferischer Gewerkschaften, statt auf Regierungen zu vertrauen, etwa bei der Auslegung der Koalitionsfreiheit. Als Einziger stimmte er seinerzeit gegen das Tarifeinheitsgesetz im Bundesvorstand, bevor sich diese Meinung dann auch bei seinen Kollegen durchsetzte. »Ich möchte das Streikrecht nicht wechselnden politischen Mehrheiten ausgesetzt sehen«, sagt er.

In der politischen Debatte, wo es oft auf Charme, Wortgewalt und Angriffslust ankommt, könnte sein wohltemperiertes Gemüt von Nachteil sein. Ob er die Leute, wenn es darauf ankommt, mitreißen kann - man wird es erleben können, etwa wenn er im öffentlichen Dienst im nächsten Jahr die große Tarifrunde führt.

Offen ist auch, ob er sich im Sommer wirklich mit einer Riesenblase über dem Kopf zum Appel machen will. Aber die Antragskommission hat aufgepasst. Der Jugendantrag ist »als Arbeitsmaterial« an den Bundesvorstand weitergereicht. Der wird darüber beraten - im Team.

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