Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Rechte Gewalt kein Jugendphänomen

Studie: Altersdurchschnitt der Täter steigt / Rechtsruck in der Gesellschaft als möglicher Grund

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor zehn bis 15 Jahren waren rechte Aufmärsche in der Regel Jugendevents. Damals konnte oft ein typischer Zyklus beobachtet werden: Eine »Kameradschaft« gründete sich, die Akteure waren im Schnitt etwa 20 Jahre alt. Nach einigen Jahren, begleitet von Strafverfahren, dem Einstieg ins Berufsleben und Familiengründung, verloren sie die Lust auf das Dasein als Neonazi-Aktivisten. Das ist heute anders. Egal ob bei Pegida in Dresden oder rechten »Spaziergängen«, wie sie wöchentlich in Essen stattfinden, es marschieren inzwischen Erwachsene auf.

Eine Entwicklung, die sich auch in der Altersstruktur rechter Gewalttäter niederschlägt, wie Max Laube, Hendrik Puls und Claudia Tutino herausgefunden haben. Die Nachwuchswissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung forschen zu »Rechtsextremer Gewaltdelinquenz«. In einem kürzlich, in der »Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe« veröffentlichten Papier haben sie sich angeschaut, wie alt Tatverdächtige rechter Gewalttaten in den Jahren 2007 bis 2017 waren. Puls erklärt: »Es gibt einen grundlegenden Wandel bei den Tatverdächtigen. In den 1990er Jahren wurde eine Mehrzahl der rechten Gewalttaten von Jugendlichen und Heranwachsenden begangen. Entweder diese Personen sind noch immer gewalttätige Rechte, dann haben wir es mit zahlreichen Intensivtätern zu tun, was ich aber eher für unwahrscheinlich halte. Oder aber Erwachsene werden heute mit rechten Gewalttaten erstmals oder, nach einer Phase des Abbruchs, erneut auffällig.«

Für alle von Puls genannten Thesen gibt es Beispiele. Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke und der Attentäter auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Recker zum Beispiel waren schon in den 1990er Jahren als gewalttätige Rechte bekannt. Nach einer Phase, in der sie nicht auffielen, schlugen sie zu. Auch gibt es Neonazi-Aktivisten, die durchgängig auffällig waren. Viele rechte Gewalttäter fielen jedoch erstmals auf, wie das Bundeskriminalamt 2015 feststellte. In Nordrhein-Westfalen lag der Altersschnitt der Tatverdächtigen von 2007 bis 2011 stabil bei Mitte 20. Danach stieg er kontinuierlich an - in den Jahren 2016 und 2017 auf durchschnittlich 33 bzw. 37 Jahre.

Für Puls und die Forschergruppe ist der Altersanstieg ein deutliches Zeichen, dass man sich »von der Idee verabschieden sollte, dass rechte Gewalt in erster Linie eine Form der Jugenddelinquenz« sei. Wenn rechte Gewalt etwas anderes als Jugendgewalt ist, hat das Folgen. »Viele Heranwachsende begehen Straftaten, wachsen da aber quasi raus«, erklärt der Forscher. Warum Erwachsene stärker dazu neigen, rechte Gewalttaten zu begehen, darauf gibt das Datenmaterial, die Forschungsgruppe hat mit der polizeilichen Kriminalstatistik gearbeitet, keine Antwort.

Eine Hypothese: der allgemeine Rechstruck. Die Gewalttäter seien älter geworden in einer Zeit, in der eine »soziale Bewegung von rechts« entstanden sei. Eine »diskursive Verschiebung« könnte dazu geführt haben, »dass sich Erwachsene jetzt verstärkt dazu bemüßigt fühlen, rechte Gewalttaten zu begehen«. Als Beispiel führen die Wissenschaftler den Ausspruch des amtierenden Bundesinnenministers Horst Seehofer an, der mit Blick auf die Migrationspolitik der Bundesrepublik einmal von der »Herrschaft des Unrechts« gesprochen hatte.

Politik und Gesellschaft stellen die Erkenntnisse der Forschungsgruppe jedenfalls vor neue Herausforderungen. Präventionsarbeit, wie sie in Schulen Gang und Gäbe ist, ist bei Erwachsenen, die Mitten im Leben stehen, deutlich schwieriger umzusetzen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln