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Der Wolf ist zum Abschuss vorgesehen

Kompromisspapier von Bauern- und Naturschutzverbänden eröffnet für die Zukunft die Möglichkeit der Jagd

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.

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Ein Wolf im Wildpark Schorfheide
Ein Wolf im Wildpark Schorfheide

Wölfe haben im Januar in Dahmetal zwölf Schafe gewissen, im Februar neun Schafe in Schönhagen, im April zehn Schafe in Wiesenau und zuletzt im Juni ein Schaf in Luckau. Das sind Auszüge aus der Rissstatistik des Landesumweltamtes. Insgesamt 137 Fälle wurden erfasst. Gemeldet wurde neben 128 toten Schafen auch der Verlust von zwei Ziegen und einem Pferd sowie 80 Rindern. Außerdem fielen insgesamt 40 Stück Damwild, die im Gehege gehalten worden sind, mutmaßlich hungrigen Wölfen zum Opfer. Nicht in allen Fällen ließ sich mit Sicherheit sagen, dass die Raubtiere wirklich die Verursacher der Schäden waren.

Doch mindestens 38 Rudel leben mittlerweile in Brandenburg und werden speziell denjenigen Landwirten zum Verhängnis, die ihre Tiere nicht in Ställe sperren, sondern auf der Weide grasen lassen. Oft sind das Ökobauern, also Menschen, die dem Naturschutz an sich durchaus zugetan sind.

Der Bauernbund hat in der Vergangenheit gefordert, dass jeder Wolf abgeschossen werden darf, der sich auch nur in der Nähe einer Koppel zeigt. Doch so einfach ist das nicht. Der Wolf ist eine in Europa streng geschützte Tierart. Nur im absoluten Ausnahmefall darf ein Exemplar gejagt werden, wenn es sich Menschen auf wenige Meter nähert, wiederholt in Ortschaften auftaucht oder gleich zweimal in die selbe Koppel eingebrochen ist und dort Vieh gerissen hat, was einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursachte. Aber selbst dann darf dieser Wolf nur abgeschossen werden, wenn es vorher nicht gelungen ist, ihn zu vertreiben oder einzufangen.

Der Bauernbund schätzt, dass es in Brandenburg bereits im kommenden Jahr 1000 Wölfe geben wird. Das ist eine Zahl, bei der vielleicht bald schon von einem guten Erhaltungszustand gesprochen werden kann. Es gibt eine Reihe von Kriterien. So muss die Population in einem Gebiet stabil sein oder zunehmen und schon mindestens 1000 erwachsene Tiere aufweisen. Es muss genügend Lebensraum zur Verfügung stehen, und die Wahrscheinlichkeit des Aussterbens innerhalb von 100 Jahren muss unterhalb von zehn Prozent liegen.

Wenn das Bundesumweltministerium von einem guten Erhaltungszustand ausgeht, könnte irgendwann die reguläre Jagd auf den Wolf eröffnet werden. Doch noch ist es nicht soweit. Aber Brandenburg will auf den Fall der Fälle vorbereitet sein. Schon jetzt ist der Umgang mit dem Wolf eine Herausforderung. Die Experten gehen jedoch davon aus, dass die Wölfe sich weiter vermehren. Dann kann es auch bei noch so gut gesicherten Viehweiden zu größeren Konflikten mit den Bauern kommen.

»Auch dann muss rechtlich angemessen und rechtssicher reagiert werden können«, heißt es im gerade erst veröffentlichten neuen Wolfsmanagementplan des Landes Brandenburg. Es könnte demzufolge sein, dass es nicht mehr ausreicht, nur einzelne auffällige Wölfe einzufangen oder zu töten. Es könnte sein, dass der Bestand auf ein noch verträgliches Maß reduziert werden muss. Die Bundesregierung sollte schon jetzt entsprechende Rechtsänderungen entwickeln, heißt es.

17 Organisationen haben bei der Überarbeitung des alten Plans mitgearbeitet und sich auf 29 Thesen zum künftigen Umgang mit dem Wolf verständigt. Der kleine Bauernbund und der große Bauernverband machten mit, die Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften, die Verbände der Pferde-, der Schaf- und der Rinderzüchter sowie Waldbesitzer, außerdem die Naturschutzorganisationen NABU, BUND und WWF. Eine sehr bunte Mischung.

»Es ist beachtlich, dass es trotz der scheinbar häufig weit auseinanderliegenden Positionen zum Wolf gelungen ist, ein gemeinsam getragenes Thesenpapier zu entwickeln«, staunte Agrar- und Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD).

»Der nunmehr dritte Wolfsmanagementplan für Brandenburg ist für keinen der beteiligten Verbände eine Ideallösung«, sagte Landesbauernpräsident Henrik Wendorff. »Sehr wohl aber ein nach einem langen Weg gefundener Kompromiss für die Lösung der zukünftigen Herausforderungen.« Die Bauern gehen diesen Weg mit, so Wendorff, weil unter der Voraussetzung der Feststellung eines günstigen Erhaltungszustands ein aktives Wolfsmanagement möglich werde. Im Klartext geht es um die bereits erwähnte Reduzierung eines als zu groß empfundenen Bestandes. Das nennt Bauernpräsident Wendorff ein »Novum« und sieht das Land Brandenburg in einer »Vorreiterrolle«.

Die Beteiligten sind sich nicht in allen Fragen einig geworden. So sind gerade zu Fragen des aktiven Wolfsmanagements Sondervoten abgegeben worden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz betonte darin: »Solange die Lücken zwischen den Vorkommensschwerpunkten des Wolfes im westlichen Europa nicht dauerhaft geschlossen sind, kann hier nicht von einem günstigen Erhaltungszustand der Population gesprochen werden.«

Der Ökologische Jagdverband (ÖJV) äußerte sich zu einer möglichen Jagd auf Wölfe, wenn die Rudel andere einheimische Tierarten bedrohen. Der ÖJV meint, einheimische Tierarten seien durch den Wolf überhaupt nicht in Gefahr. Einzige Ausnahme sei das Mufflon, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa ausgewildert wurde, damit die Jäger etwas zum Schießen haben. Das Mufflon sei an die hiesige Landschaft nicht angepasst und zeige dem Wolf gegenüber kein angemessenes Fluchtverhalten. »Der Mensch korrigiert jetzt den menschlichen Fehler der Mufflon-Auswilderung.« Der ÖJV lehnt es als völlig verfehlt ab, Schalenwildbestände durch Eingriffe in der Wolfspopulation zu stützen.

Christiane Schröder, Landesgeschäftsführerin des Naturschutzbundes, stellte klar - und dies auch stellvertretend für die anderen Naturschutzorganisationen: »Der Abschuss von Wölfen soll auch weiterhin das letzte Mittel sein.« Weidetierhaltung sei nur mit guten Schutzmaßnahmen möglich.

Mitentscheidend dafür, dass der Schafzuchtverband den Kompromiss akzeptiert, ist nicht umsonst, dass die Anschaffung von Hütehunden oder sicherer Zäune künftig komplett aus Fördermitteln finanziert werden soll. Es gilt lediglich eine Bagatellgrenze von 500 Euro. Ein ausgebildeter Hund kann inklusive der Aufwendungen für seine Haltung durchaus 4000 Euro kosten. Zäune, über die Wölfe weder hinwegspringen können und unter denen sie sich auch nicht durchzuwühlen vermögen, sind noch teurer.

Wie lange die relative Einigkeit allerdings hält, ist fraglich. Frank Michelchen vom Vorstand des Bauernbundes beklagte schon: »Es liegt vielleicht in der Natur der Sache, dass ein mit vielen unterschiedlichen Beteiligten erarbeitetes Papier zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits veraltet ist.« Der Biobauer aus Leibsch im Unterspreewald, der selbst schon drei Kälber durch vermeintliche Wolfsattacken verloren hat, wünscht sich vom neuen Umweltminister entschlossenes Handeln. Er schimpfte: »Die Menschen im ländlichen Raum haben die Nase voll von schönen Worthülsen und leeren Versprechungen.«

SPD, CDU und Grüne verhandeln in Brandenburg gegenwärtig über eine Kenia-Koalition. Es gilt als wahrscheinlich, dass in einer solchen Konstellation die Grünen den Umweltminister stellen. Im Gespräch ist ihr Fraktionschef Axel Vogel. Er hat vor seiner Wahl in den Landtag im Jahr 2009 im Landesumweltamt gearbeitet.

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