Uwe Hohn ist mittlerweile 57 Jahre alt. Als aktiver Sportler warf er 1984 den Speer so weit, dass dieser aus Sicherheitsgründen verändert werden musste. Heute trainiert er Indiens Athleten. Mit Jirka Grahl sprach der Potsdamer am Rande der WM in Doha über Trainingsmethoden in Indien, die deutschen Speerwerfer und darüber, dass der Weltverband die Titelkämpfe nie nach Katar hätte vergeben dürfen.
Leichtathletik-WM

»Der WM-Zeitplan ist Mist«

Ex-Weltrekordler Uwe Hohn über Speerwerfer aus Indien und eine WM, die nicht nach Katar gehört

Von Jirka Grahl

Was treibt Sie zur WM in Katar?

Ich bin wegen zweier indischer Athleten hier, die ich seit einem Jahr betreue. Am Montag verbesserte meine Werferin Anu Rani in der Qualifikation den indischen Rekord auf 62,43 Meter. Am Dienstag wurde sie dann Achte.

Was erwarten Sie von Shivpal Singh, der am Sonnabend in den Wettkampf einsteigt?

Shivpal hat hier im April bei den Asienmeisterschaften über 86 Meter geworfen, das ist gut. Er hatte zwischendurch gesundheitliche Probleme, jetzt scheint er wieder, gut drauf zu sein. Mal gucken, was geht.

Leben Sie in Indien?

Nein, ich bin immer mal wieder da, aber nur über kurze Zeiträume. Ich erstelle Trainingspläne, mache Lehrgänge, korrigiere die Technik und führe neue Übungen ein. Das geht von überall aus.

Sie haben schon Sportler vieler Länder betreut. Was unterscheidet einen indischen Leichtathleten von einem deutschen?

Die indischen Athleten haben nicht die Grundlagen, wie wir sie haben. Kinder- und Nachwuchssport existiert dort eigentlich nicht. Einige meiner Sportler haben mir gesagt, dass sie in meinem Training das erste Mal Sprünge machen, das erste Mal turnen, das erste Mal mehr als ein paar Meter schwimmen. Die sind falsch trainiert: Immer nur Werfen, Kraft, Werfen, Kraft - das reicht nicht. Es fehlt dann an der Koordination und auch am Verständnis fürs Werfen. Speerwerfen ist nicht Cricket. Der Rhythmus ist anders, und auch der ganze Bewegungsablauf.

Uwe Hohn 1984 im Trikot des ASK Vorwärts Potsdam. Im selben Jahr warf er seinen »ewigen« Weltrekord von 104,80 m.
Uwe Hohn 1984 im Trikot des ASK Vorwärts Potsdam. Im selben Jahr warf er seinen »ewigen« Weltrekord von 104,80 m.

Worauf kommt es an?

Beim Speerwerfen kommt viel Energie aus Füßen und Beinen und vor allem von der Hüfte. Es ist ein komplizierter Ablauf, der perfektes Timing der Teilbewegungen voraussetzt, um wirklich große Weiten zu erzielen. Einmal falsch gelernt, ist es schwierig und ein längerer Prozess, dieses zu korrigieren.

Was sagen Sie zu den deutschen Werfern?

Die sind schon ziemlich stark vertreten, in der Breite. Dieses Jahr bin ich so ein kleines bisschen enttäuscht. Am Anfang des Jahres stimmten die Weiten, aber danach haben sie etwas abgebaut. Ich will allerdings nicht schwarzmalen: Die haben sich sicherlich jetzt im Trainingslager gut vorbereitet.

Haben Sie mit den Deutschen zu tun?

Wir sehen uns bei Wettkämpfen oder treffen uns bei Trainingslagern. Aber mehr nicht.

Haben Sie je für den Deutschen Leichtathletik-Verband gearbeitet?

Ich hatte ein paar Mal nachgefragt, aber man war nicht interessiert.

Wird sich das eines Tages ändern?

Das glaube ich nicht, die Positionen sind besetzt, und ansonsten holt man junge Leute. Ich bin da wohl wenig beliebt.

Sie warfen 1984 einen legendären Weltrekord: 104,80 Meter. Werden Sie hier erkannt bei den WM in Doha?

Ja, schon, aber eher als Trainer von jemandem denn als ehemaliger Speerwerfer. Ist ja alles schon eine ganze Weile her.

Wie oft müssen Sie Ihren legendären Wurf von 1984 noch anschauen?

Das ergibt sich nicht mehr so oft. Und meinen Athleten zeige ich den Wurf auch selten.

Warum?

Weil mein Werfen nicht so perfekt war. Die Technik war gut und effektiv für mich und den alten Speer, den man deutlich flacher werfen musste. Ich möchte aber meinen Athleten nicht suggerieren, dass man nur mit meiner Technik weit werfen kann. Daher arbeite ich im Videostudium lieber mit Jan Železnýs Würfen.

Der tschechische Weltrekordler mit dem neuen Speer (98,48 Meter), der aber auch schon längst nicht mehr wirft. War Železný perfekt?

Nein, das ist niemand. Aber sehr, sehr gut. Viele kopieren Železný, aber bisher kommt keiner ans Original heran.

Wie geeignet ist denn das klimatisierte Stadion in Doha für die Speerwerfer?

Dadurch, dass es ziemlich geschlossen ist, eigentlich ganz gut. Es herrscht wenig Wind, und jeder hat gleiche Bedingungen. Man kann relativ weit werfen.

Passt die Thermik?

Bei den Asienmeisterschaften im April wurden gute Weiten erzielt, und am Dienstag gab es bei den Frauen auch keine merklichen Beeinträchtigungen: Es gibt beim Abwurf leichten Rückenwind, weil das Gebläse der Kühlung hinter uns ist. Das macht aber eher den Diskuswerfern Probleme.

Was sagen Sie zu den Weltmeisterschaften in Katar?

Oje. Es ist sehr heiß vorm Stadion, also auch auf dem Wurfplatz. Nach einer halben Stunde Einwerfen ist man durchnässt vom Schweiß, das beeinträchtigt die Athleten. Vielleicht sind die Inder ein klein wenig im Vorteil, weil dort im Sommer ähnliche Verhältnisse herrschen.

Und wie finden Sie die Stimmung?

Welche Stimmung?

Sollte man Länder wie Katar Weltmeisterschaften überhaupt ausrichten lassen?

Nein.

Warum nicht?

Es gibt viele Gründe. Der Zeitplan ist beispielsweise Mist. Das Programm ist viel zu sehr auseinandergezogen. Viel zu viele Pausen. Medien und IAAF wollen knackigere Events haben, aber oft gibts hier richtige Löcher im Ablauf. Ich habe nichts gegen die Katarer, aber das Kaufen von solchen Veranstaltungen hilft keinem, auch nicht dem Ansehen Katars.

Der Weltverband wird ab kommender Woche nicht mehr International Association of Athletics Federations heißen, sondern nur noch World Athletics. Sein britischer Präsident Sebastian Coe sagt, der Weg der Erneuerung werde weiter beschritten. Was glauben Sie?

Warten wir mal ab! Einige Neuerungen wie zum Beispiel das Weltranglistensystem sehe ich sehr kritisch, da es nicht fair ist, aber als Qualifikation für Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften dienen soll.

Gibt es etwas Gutes an diesen Weltmeisterschaften?

(lacht) Dass es vermutlich für lange Zeit die letzten sind, die in Katar stattfinden.