Extinction Rebellion

Antidepressivum Klimaschutz

»Extinction Rebellion« bereitet sich auf Blockaden in Berlin vor.

Von Georg Sturm

Selten wurde eine Besetzung so freudig begrüßt. Katja Kipping (LINKE) steht am Montag im Karl-Liebknecht-Haus vor den Kameras und hält eine Pressekonferenz ab. »Wie Sie sehen, ist unsere Bundesgeschäftsstelle besetzt worden«, sagt Kipping und grinst dabei verschmitzt. Zuvor hatten sechs Aktivist*innen der Berliner Gruppe der globalen Klimabewegung »Extinction Rebellion« symbolisch die Linkspartei-Zentrale in Beschlag genommen.

Aus den Fenstern des grauen Gebäudes hängen an diesem Tag zwei große Banner. Auf dem einen steht die zentrale Forderung der Gruppe: »CO2-neutral bis 2025«. Auf dem anderen ein Aufruf: »Ab 7. Oktober Berlin blockieren«. An diesem Montag startet nämlich eine weltweite Rebellionswelle in Dutzenden Hauptstädten. Auch Berlin soll von »Extinction Rebellion« lahmgelegt werden. Doch wer steckt hinter dieser Gruppe und was treibt sie an?

Ihren Ausgang nahm die Bewegung in London, wo ihnen der erste mediale Coup gelang: Im vergangenen November besetzten die Aktivist*innen fünf Themsebrücken und legten damit den Verkehr in der Metropole lahm. Seitdem machte »Extinction Rebellion« immer wieder mit Aktionen und kreativen Protesten auf sich aufmerksam. Im April gingen in London erneut Tausende Menschen auf die Straße, blockierten friedlich zahlreiche Orte und bewirkten dadurch, dass das britische Parlament den Klimanotstand ausrief.

Zu dieser Zeit war auch Wolf Hingst zum Urlaub in der Stadt. Zunächst sei er wegen der Blockaden total sauer gewesen. Erst als er mit den Leuten auf der Straße sprach, habe er verstanden, warum sie das machten. »Ich war extrem bewegt, wie friedlich und gut organisiert der Protest war«, sagt Hingst. Der 52-Jährige ist nun seit mehreren Monaten bei »Extinction Rebellion« in Deutschland aktiv, zunächst in Bielefeld, wo er die dortige Ortsgruppe mitgründete, und nun auch in Berlin.

In der Hauptstadt machte die Bewegung erstmals von sich reden, als sie im April der Regierung die Rebellion erklärte und die Kreuzberger Oberbaumbrücke besetzte. Mit dabei war auch Cleo Mieulet. Die Schauspielerin und Übersetzerin berichtet davon, wie respektvoll der Umgang untereinander und mit der Polizei gewesen sei. »Ziviler Ungehorsam macht total Spaß«, sagt die 48-jährige Mutter. »Extinction Rebellion ist das beste Antidepressivum.« Emotionen spielen bei der Gruppe eine wichtige Rolle. Bei regelmäßigen öffentlichen Vorträgen sollen sich die Menschen der Angst und der Trauer im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe stellen, um so den Mut zum Handeln zu entwickeln, erklärt Annemarie Botzki. Die Energiejournalistin und Pressesprecherin der Gruppe berichtet davon, dass viele der Aktivist*innen ein Erweckungserlebnis gehabt hätten: »Wenn man es einmal verstanden hat, gibt es kein Zurück mehr. Alles andere wäre Verleugnung.«

Und die Bewegung wächst immer weiter: In über 100 Ländern sei »Extinction Rebellion« inzwischen aktiv. In Deutschland gebe es um die 90 Ortsgruppen, alleine in Berlin beteiligten sich knapp 1000 Menschen. Die Hauptstadt soll nun ins Zentrum des Protests rücken: Ab Montag wollen die Rebell*innen in Berlin »friedlich, kreativ, bunt und entschlossen« gegen das Aussterben protestieren. »Wir stören den alltäglichen Betriebsablauf, der unsere Lebensgrundlagen zerstört.« Der Protest werde so lange fortgesetzt, bis die Regierungen angemessen reagieren. Zeitgleich lädt die Gruppe zu einem Klimacamp am Bundeskanzleramt ein. Dort soll eine ihrer Hauptforderungen vorgestellt werden: die Einberufung einer Bürgerversammlung, die aus zufällig ausgewählten Bürger*innen besteht und gemeinsam mit Expert*innen für die Politik verbindliche Antworten auf die Klimafrage erarbeiten soll.

Auch Katja Kipping zeigt sich offen und nennt dies einen »begrüßenswerten Vorschlag«. Aktivistin Cleo Mieulet stellt klar: »Die LINKE hat die ambitioniertesten Klimaschutzziele aller Parteien - aber selbst das ist nicht genug.« Wieso dann ausgerechnet eine Besetzung der Parteizentrale? Eine Antwort findet sich in dem kürzlich erschienenen Handbuch der Bewegung »Wann wenn nicht wir*«. Darin erklärt Ronan McNern deren Medienstrategie und zeichnet nach, wie in London kurz vor der Protestwelle das Greenpeace-Büro mit Blumen, Kuchen und einem Liebesbrief besetzt wurde. Ziel dieser unerwarteten Aktion sei zum einen gewesen, einer verbündeten Organisation den Rücken zu stärken, und zum anderen, mediale Aufmerksamkeit für die Proteste zu erzeugen. Diese Strategie scheint auch in Berlin aufgegangen zu sein.