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Sieben Tage, sieben Nächte

Der Wächter der Einheit

Erich Honecker ist noch nicht tot. Sein letzter Auftrag ist noch nicht erfüllt.

Von Wolfgang Hübner

Das Bild ist eigentlich keins mehr. Es ist ein Schatten. Seine besten Zeiten hat es lange hinter sich. Früher zeigte es den Generalsekretär des Zentralkomitees der SED. Mit unmerklichem Lächeln, dickem Brillengestell, grauem Jackett, schräg gestreifter Krawatte. Ein Porträtfoto, das in Schulen, Betrieben, Kindergärten, Rathäusern, Parteibüros, Armeekasernen, Polizeiämtern und sonst wo hing. Vielleicht das meistausgehängte Bild der DDR.

Seit fast 30 Jahren begleitet mich dieses Bild. Im späten Wendeherbst 1989 lag es auf dem Flur der ND-Chefredaktion. Honecker war zurückgetreten, und mit ihm hatte sein Bild ausgedient. Jemand hatte es abgenommen und rausgeworfen.

Damals ging so vieles so schnell über Bord, da dachte ich, Moment, den heben wir mal auf. Vielleicht, weil der bis eben unantastbare erste Mann im Staate vom Volkszorn plötzlich zum Aussätzigen erklärt worden war. Vielleicht, weil diese Zeitung ihre Vergangenheit nicht los werden würde, indem sie in paar Ikonen entsorgte. Vielleicht auch, weil ich dachte, wenn jetzt alle diese Bilder wegwerfen, wird meins eine Rarität.

Ich hängte es an die Wand hinter meinem Arbeitsplatz. Niemand verstand das falsch, alle sahen es als ironische Geste. Bei dem Fernsehteam, das eines Tages in der Redaktion auftauchte, war ich mir da nicht so sicher - so zielgerichtet, wie der Kameramann das Bild ins Visier nahm. Ich drehte es dann um; Honecker stand nun auf dem Kopf. Mit dem Ergebnis, dass die nächsten Kameraleute der nächsten Fernsehteams allerhand Verrenkungen vollführten, um den ehemaligen Generalsekretär falsch herum, also richtig herum ins Bild zu bekommen.

Das Bild machte einige Ortswechsel mit; mal bekam ich einen anderen Arbeitsraum, mal zog die gesamte Redaktion um. Manchmal hing es in der Sonne, manchmal im Schatten. Und mit der Zeit verschwand die Farbe aus dem Porträt des einstigen Ersten Mannes. Es ist ein zäher, unmerklicher, aber unaufhaltsamer Prozess.

Irgendwann dachte ich, erst wenn Honecker völlig verschwunden ist, wenn aus seinem Porträt eine komplett einheitliche beige-graue Fläche ohne jede Kontur geworden ist - erst dann ist die DDR endgültig tot und die deutsche Einheit ist vollendet.

So wacht Erich Honecker, obwohl er schon längst gestorben ist, bei mir über den unfertigen Stand der deutschen Einheit. Die Regierung verfasst dazu jedes Jahr einen Bericht; ich habe Erich, den Untoten. »Die Mannschaft will sterben und kriegt nicht frei«, sang der Liedermacher Gerhard Gundermann. Erich kriegt auch nicht frei. Die deutsche Einheit ist noch nicht so weit. Wenn man genau hinschaut, erkennt man die Brille, den Schlips und sogar das Parteiabzeichen. Wie es aussieht, muss er noch eine Weile durchhalten.

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