»Wir treten aus unseren Rollen«

Auf Wegen zu Abgrund und Aufbruch: Staatstheater als Weltbühne im letzten Jahr der DDR

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 6.5 Min.
Intelligente Unterwanderung offizieller Doktrinen: »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande« von Heiner Müller

Es gibt ein schönes Erschrecken. Dann, wenn dir die innere Sicherheit abhandenkommt. Ja, Erschrecken. Weil ein Halt bricht. Aber schön daran ist: Weltentdeckung - mitten in der Welt, die man zu kennen glaubte. Wenn bisherige Gewissheiten absaufen, kommt der Mensch ins Schwimmen. Und entwickelt womöglich Kraft und Lust wie nie: auf neue Ufer.

Theater ist so ein Ort des schönen Erschreckens, der schreckbewehrten Schönheit. Vor dreißig Jahren, auf DDR-Wegen zu Abgrund und Aufbruch, waren es auch Theaterleute, die Impulse gaben. Staatstheater weitete sich zur Weltbühne. Der eiserne Vorhang, dieser Brandschutz, hob sich, um Menschen zu ermutigen, die Feuer und Flamme waren für Neuerung. »Wir treten aus unseren Rollen«, sagten Regisseur Wolfgang Engel und sein Dresdner Ensemble ins Publikum. In Engels Inszenierungen trug die nackte Wahrheit blutige Militärmäntel, die Utopie probte den Würgegriff. Was ist böses Unschuldgebaren, was ist u...

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