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Zittern bis zum Schluss

Auch die deutschen Turner verpassen bei der WM das Mannschaftsfinale - und bis zur Olympiaqualifikation mussten sie lange bangen

  • Von Ulli Brünger, Stuttgart
  • Lesedauer: 3 Min.

Bundestrainer Andreas Hirsch hob ein paar Mal die Schultern hoch und ließ sie locker wieder fallen. »Weg ist die Last«, sagte der 61-Jährige schmunzelnd und dokumentierte damit bildlich seine Riesenerleichterung nach dem Turnkrimi um die Olympiateilnahme 2020 in Tokio. Die spannende Teamentscheidung bei der Heim-WM in Stuttgart hatte Trainer, Athleten und Verantwortliche des Deutschen Turner-Bundes (DTB) mitgenommen. »Ich habe nicht besonders gut geschlafen«, gestand Ringe-Spezialist Nick Klessing am Dienstagmorgen.

»Eine Nicht-Qualifikation wäre einem Erdrutsch nahe gekommen«, gab DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam nach dem glücklichen Ende zu. Wie das Trainerteam und die Turner Klessing, Mehrkampffinalist Andreas Toba, Barren-Spezialist Lukas Dauser, Youngster Karim Rida sowie Allrounder Philipp Herder hatte Willam am zweiten Qualifikationstag den Konkurrenten zusehen müssen. Eine nach der anderen Nation zog an den Deutschen vorbei, die ihren Wettkampf bereits am Sonntag absolviert hatten und nach einigen »vermeidbaren Fehlern« (Hirsch) am Ende auf 246,508 Punkte gekommen waren.

Vor dem letzten Durchgang am Montagabend war die DTB-Riege bis auf Rang elf durchgereicht worden, und es kamen noch die starken Schweizer, die Niederländer und Rumänen. Nur ein Team durfte noch vorbeiziehen, sonst wäre der Olympiatraum der deutschen Turner, die seit 1952 stets in Riegenstärke bei Olympia dabei waren, geplatzt. Schon beim Zuschauen brach einigen der Schweiß aus, die »Fischhände«, wie Hirsch »kalte, nasse Hände« nennt, machten sich erneut bemerkbar. So cool wie Sportsoldat Dauser waren nicht alle. »Ich wusste, dass die Holländer schlechter sind als wir«, so der 26-Jährige, der wie Rida und Herder am Berliner Stützpunkt bei Robert Hirsch, dem Sohn des Chefcoaches, trainiert.

Tatsächlich leisteten sich der Reck-Olympiasieger von 2012 und dreimalige Weltmeister Epke Zonderland und seine Kollegen zu viele Fehler am Pauschenpferd, beim Sprung und am Königsgerät, wo der fliegende Holländer gar einen Sturz verzeichnete. So stand nach langem Zittern der rettende Rang zwölf für die DTB-Riege fest: Sie war durchgerüttelt worden, aber nicht gefallen.

»So ein Erlebnis muss man nicht unbedingt noch mal haben«, kommentierte der Bundestrainer den denkbar knappen Ausgang. Für Hirsch ist er zugleich eine Verpflichtung für Olympia 2020: »Trotz Verletzungen und Schwierigkeiten im Vorfeld sind wir dabei. Das spricht für die Jungs. Sie haben als Team funktioniert. Nun wollen wir sehen, bei Olympia besser dazustehen und irgendwie eine Medaille zu holen.«

In Tokio besteht das Team nur aus vier statt wie bei der WM aus fünf Turnern. Beste Aussichten dazuzugehören, hat derzeit Toba, weil er der stabilste Mehrkämpfer ist. Als 13. mit 82,781 Punkten zog der 29-Jährige ins Mehrkampffinale der besten 24 ein und will sich dort steigern: »Ich hatte noch kleine Unsicherheiten bei den Ständen. Es ist noch Luft nach oben«, meinte Toba am Dienstag.

Beim Kampf um Edelmetall hat der DTB zwei Eisen im Feuer: Klessing erreichte als Siebter mit 14,566 Punkten das Finale an den Ringen am Sonnabend, sieht allerdings nur wenig Steigerungspotenzial. »Das war meine beste Übung seit Wochen«, so der 21-Jährige, der seinen spektakulären Dreifachsalto perfekt in den Stand brachte.

Wenn ihm seine Barrenübung noch einmal so gelingt wie am Sonntag, hat Lukas Dauser die größte Medaillenchance. Mit der Höchstnote von 15,033 Punkten, die der Ukrainer Petro Pachnjuk auch erreichte, empfahl sich Dauser fürs Finale am Sonntag. »Da geht es bei Null los«, sagte er. »Ich will die tolle Atmosphäre genießen. Mal sehen, was dann dabei rauskommt.« dpa/nd

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