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Gewaltfreiheit war wichtiger als die Macht

Ohne das Einlenken von SED-Funktionären wäre der Herbst 1989 möglicherweise nicht so friedlich verlaufen

  • Von Michael Bartsch
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die Macht und das Volk: SED-Politbüromitglied Günter Schabowski vor Berliner Demonstranten, Ende Oktober 1989
Die Macht und das Volk: SED-Politbüromitglied Günter Schabowski vor Berliner Demonstranten, Ende Oktober 1989

Über ihre Rolle während der Herbststürme 1989 in der DDR schweigen die Geschichtsbücher weitgehend. Festredner ignorieren sie im 30. Jubeljahr nach der großen antisozialistischen Oktoberrevolution beharrlich. Wäre dies anders, hätten führende SED-Genossen von einst nicht selber Erinnerungsbücher schreiben müssen. Und wären nicht untereinander in einen stillen Wettbewerb getreten, wer von ihnen den wichtigsten unerwähnten Beitrag zu einem friedlichen Verlauf des Aufbruchs leistete. Natürlich standen die Funktionäre unter dem Druck der Straße, unter dem Druck ihrer über Stimmung und materielle Lage der Bevölkerung besser informierten Genossen. Auch unter dem Druck des eigenen Anspruchs an einen lebenswerten und auch wirtschaftlich erfolgreichen Sozialismus. Aber nicht alle reagierten so besonnen und charakterstark wie jene, von denen hier die Rede sein soll.

Dresdner Sturm auf die Prager Flüchtlingszüge

Der Ältestenrat befindet sich in der Zentrale der Linkspartei im Berliner Liebknecht-Haus ausgerechnet im fünften Stock, unterm Dach. Hier trifft man in einem kleinen, schmucklosen Büro dessen Vorsitzenden. Zur Wendezeit 1. Sekretär der Bezirksleitung Dresden, am 13. November 1989 zum Ministerpräsidenten der DDR gewählt. 91 Jahre zählt Hans Modrow, der Ischias plagt ihn, und er wirkt nicht mehr ganz so drahtig wie einst. Aber die Erinnerung an jene entscheidenden Tage des Herbstes 1989 funktioniert stundengenau.

Modrows wichtigste Bewährungsprobe begann mit dem von ihm heute noch als »irrwitzig« kritisierten Berliner Beschluss, drei der 14 Flüchtlingszüge aus der Prager BRD-Botschaft über Dresden statt direkt in die Bundesrepublik fahren zu lassen. Fluchtwillige aus der ganzen Republik pilgern nach Dresden in der Hoffnung, auf einen der Züge aufspringen zu können. Mindestens 5000 frustrierte DDR-Bürger versuchen am Abend des 4. Oktober den Hauptbahnhof zu stürmen. Kaum eine Glasscheibe bleibt heil, Kioske werden zerstört, ein Polizeiauto brennt, auch Volkspolizisten werden verletzt.

Ein hilfloser DDR-Verkehrsminister Otto Arndt ruft bei Modrow an. Die Transportpolizei sei überfordert, die Bereitschaftspolizei bereits komplett mobilisiert. Den Einsatz der Kampfgruppen der Arbeiterklasse lehnt Modrow daraufhin ab. Auch die Bezirkseinsatzleitung, der er als 1. Sekretär vor stand, ruft er an diesem und den folgenden Tagen nicht zusammen. »Wir hatten ja wohl keinen Ernstfall mit Krieg«, bekräftigt Hans Modrow seine Haltung von damals.

Wohl aber nahm er das Ansinnen von Volkspolizei und Stasi entgegen, die Nationale Volksarmee um Hilfe zu bitten und wandte sich damit an Armeegeneral Heinz Kessler. Tatsächlich wurden Soldaten zur Sicherung der Gleisanlagen eingesetzt, nicht gegen Demonstranten. »Es durfte nicht zur Katastrophe etwa durch Unfälle kommen«, sagt Modrow heute wie damals. »Die überfüllten Züge mussten auf jeden Fall durchfahren!« Das gelang.

Erster Dialog in Dresden

Auch in den folgenden Tagen, als in Dresden der Ausgang der allabendlichen Proteste auf der Kippe stand, entschied Modrow weitgehend allein. Vor allem hielt er am Abend des 8. Oktober dem Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer bei dessen Handeln den Rücken frei.

Anders als Hans Modrow ist Berghofer in den Herbsttagen 2019 ein viel gefragter Mann. Welch Wunder, erwies sich der als »Bergatschow« titulierte SED-Reformer doch bald als recht kompatibel mit dem siegreichen Kapitalismus. Den Vorsitz der zur PDS gewendeten Partei schlug er aus, verließ sie stattdessen im Januar 1990. Bis heute arbeitet Berghofer als Unternehmensberater in Berlin. Standesgemäß trifft man den beweglichen und nie um ein Bonmot verlegenen 76-Jährigen in einem noblen Berliner Großhotel.

Mit der Einkesselung von etwa 4000 Demonstranten droht am Abend des 8. Oktober 1989 auf der Prager Straße in Dresden eine besondere Gefahr. Der damalige Kaplan an der Katholischen Hofkirche Frank Richter und ein evangelischer Amtskollege vermitteln zwischen den Demonstranten und aufgeschlossenen Polizisten. Spontan und zufällig wird die »Gruppe der 20« ausgewählt, um am nächsten Morgen mit dem Oberbürgermeister zu sprechen.

Nicht nur darauf lässt sich Wolfgang Berghofer ohne Rücksprache ein. Bei ihm sind an dem Abend der Proteste drei hochrangige Kirchenvertreter erschienen. Sie bitten um genau jene Deeskalation, die sich basisdemokratisch parallel gerade auf der Prager Straße vollzieht. Später dürfen sie mit einem Megafon zu Polizei und Bürgern sprechen. Die Polizei zieht sich zurück, die Demonstranten gehen nach Hause.

Der Oberbürgermeister stimmt sich im Nachhinein pflichtgemäß mit SED-Bezirkschef Hans Modrow ab, nachdem dieser die legendäre »Fidelio«-Inszenierung an der Semperoper verlassen hat. »Modrow hat Mut bewiesen«, erkennt er heute an, obschon sich beide längst entzweit haben. »Wir schätzen die Lage ein und fragen nicht in Berlin nach«, begründet Modrow heute seine Alleingänge.

Das heißt nicht, dass er plötzlich vom Glauben an die sozialistische Idee abgefallen wäre. In der Nacht erarbeiten er und sein Mitarbeiter Werner Kaulfuß eine Handreichung für Berghofers Begegnung mit der »Gruppe der 20« am Montag. An die hält sich der Oberbürgermeister aber nur bedingt, obschon er bereits morgens 6 Uhr bei der Bezirksleitung antanzen muss. Um 9 Uhr reden dann erstmals Vertreter der Straßenproteste und Berghofer als Vertreter der Staatsmacht miteinander, wenn auch beiderseits verunsichert.

Palastrevolution des Kronprinzen?

Einen ähnlich prallen Terminkalender hat in diesem 30. Erinnerungsjahr ein mittlerweile 82-jähriger, ebenfalls noch sehr rüstiger Politrentner. Das sprichwörtliche Grinsen sucht man heute vergeblich an Egon Krenz. Zehn Tage nach dem wichtigen 8. Oktober 1989 wird er Honeckers Nachfolger. Eine Besprechung bei Minister Erich Mielke im Ministerium für Staatssicherheit könnte auf höchster Ebene die Weichen für einen friedlichen Verlauf der Umwälzungen gestellt haben. Erst einen Tag zuvor war Krenz ein Schreiben Erich Honeckers an die ersten Sekretäre der Bezirksleitungen bekannt geworden. Der Staatsratsvorsitzende hatte darin verlangt, dass »feindliche Aktionen im Keim erstickt werden müssen«.

In den Knochen saß den führenden Genossen damals die Blamage der Proteste ausgerechnet zum 40. Republikgeburtstag. Am Ende der Beratung zog Krenz eine mit wenigen anderen »Verschwörern« abgestimmte Erklärung für das Politbüro der SED aus der Tasche. Tenor: »Politische Probleme müssen auch mit politischen Mitteln gelöst werden!« Applaus, ein Affront gegen Honecker. »Von diesem Moment an wird es keine gewaltsamen Auseinandersetzungen mehr geben«, schreibt Krenz in seinem Buch »Herbst 89«.

Im Gespräch behauptet er sogar, neben entsprechenden Anweisungen an die Stasi-Bezirksverwaltungen habe der damals schon recht senile Mielke speziell seinen Leipziger Bezirkschef Manfred Hummitzsch aufgefordert, am 9. Oktober ein Blutvergießen zu vermeiden. »Gerüchte von angeblich um Leipzig zusammengezogenen Panzern und vorbereiteten Blutkonserven sind Unfug!«

Dissidenten in der Leipziger SED-Bezirksleitung

Zu der Leipziger Montagsdemonstration wird eine lawinenartig anschwellende Teilnehmerzahl erwartet. 70 000 Bürger laufen schließlich friedlich und unbehelligt nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche um den Ring. Zugeschrieben wird dieser Erfolg vor allem einem Aufruf der »Gruppe der Sechs« zur Gewaltlosigkeit. Der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur hatte diesen über den Sender Leipzig und den Stadtfunk verbreitet.

Die vorherrschende Geschichtserzählung verschweigt weitgehend, dass drei Akteure dieser Gruppe Sekretäre der SED-Bezirksleitung waren. Als geistiger Kopf galt der für Kultur zuständige promovierte Historiker Kurt Meyer. 30 Jahre später schildern er und sein damaliger Genosse Roland Wötzel auf einem Podium in der Alten Leipziger Handelsbörse die Ratlosigkeit des amtierenden ersten Sekretärs der Bezirksleitung Helmut Hackenberg. Der versuchte per Telefon von Egon Krenz Handlungsanweisungen aus Berlin zu bekommen, als die Demo schon begonnen hatte. Aber Krenz lässt ihn hängen, während ihn die Sekretäre drängen, alle Einsatzfahrzeuge zurückzuziehen. Achselzuckend resigniert er.

Doch die drei Aufsässigen werden im Gebäude der Bezirksleitung am nächsten Tag unter Hausarrest gestellt. Bernd Meyer erhält vom sowjetischen Generalkonsul Guskow überraschend das Angebot politischen Asyls in der Sowjetunion. Tatsächlich fliegt Meyer mit seiner Frau nach Kiew aus, wo er ohnehin eine Leipzig-Ausstellung eröffnen wollte. Vier Tage nach dem Honecker-Sturz vom 18. Oktober kehrt er zurück.

Die Machtteilung und ihre Konsequenzen

Auf verschiedenen Ebenen haben also verantwortungsbewusste SED-Funktionäre Gewaltfreiheit über den unbedingten Machterhalt gestellt. 2019 spricht sogar Ex-Bürgerrechtler Frank Richter bei seiner Dresdner Diskussion mit Egon Krenz anerkennend von der »politischen Intelligenz und Friedfertigkeit derer, die damals auf der anderen Seite standen«.

Diese Entscheidungen in der ersten Oktoberdekade 1989 hatten natürlich ihren Vorlauf in wachsenden Zweifeln an der realen Umsetzung sozialistischer Ideale auch unter den 2,3 Millionen Mitgliedern der SED. Das »Durcheinander in Berlin«, wie Hans Modrow sagt, der Abriss der Befehlsketten in den Oktobertagen zeigte die Erosion innerhalb der Partei. Das Eingreifen sowjetischer Panzer musste nach der Sitzung des Politischen Beratenden Ausschusses der Warschauer Vertragsstaaten vom Juli 1989 in Bukarest nicht mehr befürchtet werden, war Modrow überzeugt. Gorbatschow verzichtete auf Interventionen.

Haben jene vernünftigen SED-Genossen geahnt, dass sie mit dem Eingehen auf die Demonstranten, mit der ersten Teilung ihrer Macht mittelfristig diese Macht ganz verlieren würden? Nein, antworten alle übereinstimmend, denn auch die Straße wollte damals zunächst einen besseren, vielleicht den wahren Sozialismus und eine andere DDR. Ihre Beweggründe drückt der 83-jährige Kurt Meyer heute so aus: »Wir pochen nicht darauf, dass wir die friedliche Entwicklung gesichert haben. Wir sagen nur, dass wir damals unserem Gewissen gefolgt sind, unseren Erfahrungen, unserem Lebensstil. Wir haben gesagt: Das kann man nicht zulassen.«

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