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Männern beim Ausrasten zugucken: Antifeminismus in der Linken

Auch linke Macker schmeißen mit antifeministischen Parolen um sich.

  • Von Bilke Schnibbe
  • Lesedauer: 5 Min.

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Linke Szene: Männern beim Ausrasten zugucken: Antifeminismus in der Linken

Neulich in Cottbus. Ich sitze auf einem Sofa und halte einen Vortrag darüber, wie Männlichkeit und sexualisierte Gewalt miteinander zusammenhängen. Daten hier, Fakten da, man kennt es. Ich labere noch keine 15 Minuten, da schnellt die erste Hand in die Höhe: Ob es toxische Weiblichkeit gibt, will ein aufgebrachter Endzwanziger wissen. Nee, sage ich, gibt’s nicht, und erkläre in zwei, drei Sätzen, wie Eigenschaften, die als weiblich gelten (z.B. Unterordnung, sich kümmern­, attraktiv sein) in ihrer Umsetzung viel weniger zu Gewalt einladen als solche, die als männlich gelten (Dominanz, Stärke zeigen, Abhängigkeit um jeden Preis vermeiden). Das kommt nicht so gut an und es beginnt eine Diskussion, die damit endet, wie er mir vor versammeltem Publikum entgegenbellt, dass mein Vortrag »totalitär« sei. Er sei politisch links, aber ich müsse mich nicht wundern, wenn mein Vortrag »Hass auf der Gegenseite« erzeuge. Und Frauen seien oft auch nicht ohne. Aha.

Solche Reaktionen kenne ich schon: Mehr oder weniger aufgebrachte Männer versuchen mit antifeministischen Positionen vom eigentlichen Thema meines Vortrages abzulenken. Plötzlich geht es nicht mehr darum, warum die überwältigende Mehrzahl von sexuellen Gewalttätern männlich ist. Oder warum jeder vierten Frau in Deutschland seit ihrem sechzehnten Lebensjahr sexualisierte Gewalt widerfahren ist. Auf einmal müssen wir ganz dringend darüber diskutieren, warum es »umgekehrter Sexismus« sei, diese wissenschaftlich belegten Fakten zum Thema eines Vortrages zu machen. Anstatt auf meine Kritik an Männlichkeit inhaltlich einzugehen, wird mit einer Vehemenz gegen »den Feminismus« geschossen, die man von Leuten, die sich selbst als links bezeichnen, nicht erwarten würde.

Müssen wir schon wieder ein feministisches Fass aufzumachen?

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»Den Feminismus« zum Feindbild zu erklären ist ein Kassenschlager in gesellschaftlichen Lagern, die in anderen Bereichen politisch nicht unterschiedlicher sein könnten. Artikel, in denen es darum geht, dass mittlerweile Jungs und Männer benachteiligt seien, finden sich seit Jahren in den deutschen Medien. Oft garniert mit der Aussage, dass Feminismus dazu beiträgt, dass Jungs und Männer im Hintertreffen seien. Solche antifeministischen Positionen sind längst nicht nur der gemeinsame Nenner von christlichen Fundamentalist_innen und sonstigen rechten und konservativen Leuten. Auch in linken Gruppen und auf linken Veranstaltungen geht es immer wieder darum, ob es denn nötig ist, schon wieder ein feministisches Fass aufzumachen. Weil das linke Gruppen oder die Linke als Ganze spalten würde, weil Sexismus doch gar nicht mehr so ein Problem sei, weil man selbst ja eigentlich reflektiert ist im Gegensatz zu den anderen unpolitischen Atzen da draußen. Mein pöbelnder Zuhörer ist nicht die Ausnahme, er ist die Regel.

Um herauszufinden, dass feministischer Aktivismus weiter notwendig ist, muss man sich nur ein paar Zahlen anschauen. Zum Beispiel zum Thema Gewalt in Partnerschaften: Betroffene von häuslicher Gewalt sind zu 82% Frauen, jede vierte Frau in Deutschland hat Gewalt in einer Partnerschaft erlebt. In Partnerschaften sind die Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu knapp 100%, bei Stalking zu 90% weiblich. 81% der Tatverdächtigen bei Partnerschaftsgewalt sind hingegen Männer. Zahlen aus anderen Bereichen, wie der Arbeitsteilung in Pflege und Erziehung oder der Benachteiligung von LGBTIQ, Menschen mit Behinderungen oder von Rassismus betroffenen Personen, zeigen ebenfalls, dass wir noch lange nicht Gefahr laufen, es mit feministischen Forderungen zu übertreiben.

Feminismus als »Meinungsdiktatur«

Feministische Positionen totalitär zu nennen und in den Raum zu stellen, dass Feminismus männerfeindlich sei, ist antifeministisch. Dahinter steckt eigentlich die Vorstellung, dass eine Minderheit von hysterischen Weibern und Queers die Gesellschaft mit ihren verrückten Forderungen spaltet, obwohl doch eigentlich schon längst alle gleichberechtigt sind. »Der Feminismus« ist die vermeintliche Meinungsdiktatur der politischen Korrektheit über die Mehrheit der Gesellschaft. Nicht Sexismus und Homo- und Transfeindlichkeit sind das Problem, nein, der Aktivismus dagegen wird den Untergang des Abendlandes besiegeln. Die antifeministischen Hardliner versteigen sich gar in Verschwörungstheorien darüber, dass feministische Kämpfe gezielt zur Ausrottung des deutschen Volkes eingesetzt würden, indem Frauen dazu gebracht werden sollen, ihre »natürliche« Mutterrolle aufzugeben und keine Kinder mehr zu bekommen.

Solche Ansichten mehr oder weniger direkt in politischen und gesellschaftlichen Debatten unterzubringen ist einer der zentralen Mechanismen, mit dem rechte, menschenfeindliche Positionen als gesellschaftsfähig und legitim dargestellt werden. Über die Kritik am vermeintlich totalitären Feminismus werden die eigenen sexistischen, homo- und transfeindlichen Einstellungen als sagbare »Meinungen« dargestellt, für die man von irgendwelchen Gutmenschen völlig unverhältnismäßig einen draufkriegen würde. Und das obwohl antifeministische, menschenfeindliche Einstellungen in Wirklichkeit in der Gesellschaft ziemlich weit verbreitet sind und Kritik und Widerworte längst keine »feministische Meinungsdiktatur« darstellen. Neben rassistischen Positionen sind solche antifeministischen Parolen das zweite Standbein, über das die AfD ihre Anhänger_innen mobilisiert. Eigentlich sollte eine linke Antwort eine klare Absage an diese Scheiße sein, weil sie einer freien Gesellschaft entgegensteht.

Solidarische Kritik ist wichtig

Gerade weil antifeministische Mobilisierung so erfolgreich ist, müssen sich linke Positionen viel klarer von Aussagen distanzieren, die die Notwendigkeit feministischer Kämpfe in Frage stellen. Linke Debatten und Positionen müssen sich davon fernhalten, Feminismus als »Meinungsdiktatur«, »Totalitarismus« oder irgendwie überholt und schädlich zu bezeichnen. Nicht nur, weil das Quatsch ist, sondern weil das rechte Kampfbegriffe sind. Damit will ich nicht sagen, dass feministische Positionen nicht diskutiert werden müssen, ganz im Gegenteil. Auch meinen Vortrag kann man inhaltlich ganz hervorragend auseinandernehmen und mir um die Ohren hauen. Das geht aber auch, ohne mit antifeministischen Parolen zu hantieren. Es muss klar sein, was rechte und antifeministische Diskursstrategie und was berechtigte, wichtige und solidarische Kritik ist. Sonst tragen linke Debatten und Bewegungen dazu bei, antifeministische Positionen in der Gesellschaft zu fördern.

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