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Zwangskaffetrinken und Amoklage

Rechte Kommentare, Ohnmacht und Bürgerwehrfantasien: Wie Anwohner im Paulus-Viertel in Halle spontan auf den rechtsextremen Angriff in ihrer abgesperrten Nachbarschaft reagierten

  • Von Dr. Bernhard Spring
  • Lesedauer: 4 Min.

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Beschussspuren in der Tür der jüdischen Synagoge in Halle nach dem Angriff durch einen extrem rechten Täter.
Beschussspuren in der Tür der jüdischen Synagoge in Halle nach dem Angriff durch einen extrem rechten Täter.

Die Verkäuferin schließt die Glastür der Fleischerei zu. Dann lehnt sie ein Schild in das Schaufenster. »Wegen der aktuellen Lage geschlossen.« Was genau die aktuelle Lage ist, weiß hier niemand. Nur eins: Draußen gab es einen Anschlag auf die benachbarte Synagoge, zwei Tote sind zu beklagen, die Polizei hat alle Anwohner aufgefordert, im Haus zu bleiben. In der Fleischerei sitzen die Mittagsgäste fest: Bauarbeiter, Studenten, Laufkundschaft.

Draußen herrscht gespenstische Stille. Die sonst so lebhafte Straße – benannt nach dem Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky – ist menschenleer. Sie liegt mitten im Sperrgebiet: Im Norden wurde vor der Synagoge geschossen, im Süden wurde ein Dönerimbiss mit Granaten beworfen. An beiden Orten starb ein Mensch. Jetzt ist das Paulusviertel in Halle (Saale) von beiden Seiten abgeriegelt, die Ossietzky-Straße liegt mitten im Sperrgebiet.

Unablässig dringen Nachrichten über die sozialen Netzwerke zu den Menschen in der Fleischerei. Sie widersprechen sich immer wieder: Ein Flüchtling aus Libyen soll festgenommen worden sein. Später heißt es, der Täter stamme aus dem rechtsextremistischen Milieu. Mal sollen die Täter über die Autobahn nach Leipzig, mal mit einem Taxi in die benachbarte Kleinstadt geflüchtet sein. Oder ist er vielleicht doch noch hier im Viertel irgendwo?

So unterschiedlich die Meldungen, so widersprüchlich die Reaktionen. »Seit der Flüchtlingskrise ist hier nichts mehr sicher!«, meint einer. Und ein anderer: »Wenn du nicht mal bei dir zu Hause sicher bist …« Rufe nach einer Bürgerwehr werden laut. Man bedauert, wie viele Waffen in Deutschland kursieren, und fordert doch mehr Waffen zum Selbstschutz. »Das Problem ist, dass du mit einem kleinen Waffenschein eigentlich gar nichts haben darfst. Und wenn du jemanden mit einer illegalen Waffe in Notwehr umnietest, dann kriegst du noch eine Anzeige wegen unerlaubtem Waffenbesitz.« Die Verkäuferin gibt Kaffee auf Kosten des Hauses aus. Das Radio spielt unbeeindruckt die aktuelle Playlist ab.

Bald steigt die Unruhe. Das Warten auf so engem Raum zermürbt. Eine Frau möchte ihr Kind aus dem Hort abholen, die Arbeiter wollen nach Hause. Vorsichtig schließt die Verkäuferin die Tür auf. Die Straße liegt verlassen da, aber jede Abzweigung endet vor einem Absperrband, an dem vermummte Polizisten stehen. Hier geht es nicht durch. »Aber ich wohne gleich um die Ecke!«, erklärt jemand und wird doch abgewiesen. Selbst das Café am Ende der Straße ist nicht zu erreichen.

Schon rufen die Einsatzkräfte: »Haut ab da, los!« Der Straßenzug ist vollkommen abgeriegelt. Einige geben auf und ziehen sich wieder in die Fleischerei zurück. Ein paar wenige bleiben ratlos an einer kleinen Gartenmauer stehen, sie rauchen und sehen den Reportern zu, die vor laufender Kamera die Polizisten befragen. »Wie in Damaskus«, sagt jemand. Ein anderer nickt: »So unreal.«

Nicht jeder im Paulusviertel weiß, dass sich hier eine Synagoge befindet. Die einstige Einsegnungshalle am jüdischen Friedhof hat die sogenannte Reichskristallnacht überlebt: Während die ursprüngliche Synagoge in der Innenstadt in Flammen aufging, überdauerte die nun als Gotteshaus genutzte Halle im orientalischen Baustil unversehrt hinter hohen Mauern. Die einst große Gemeinde konnte sich in der DDR nicht von dem Aderlass durch Emigration und Deportation in den Nazi-Jahren erholen.

Erst durch den Zuzug von Glaubensbrüdern aus Russland und der Ukraine wuchs die Gemeinde in den neunziger Jahren wieder auf mehrere hundert Mitglieder an. Einige von ihnen sprechen kein Hebräisch, einige nur gebrochenes Deutsch. Man ist bemüht, die Friedhöfe der ursprünglichen Gemeinde zu pflegen, die Synagoge als Denkmal im Stadtleben zu verankern. Dafür arbeitet die Gemeinde eng mit der hiesigen Universität zusammen. Es ist ein eher kulturell-intellektueller Austausch mit akademischen Kreisen, das eigentliche jüdische Leben wird für viele Hallenser nicht sichtbar.

In der Fleischerei spielt das keine Rolle. »Das kann doch nicht sein, dass dich jemand auf offener Straße abknallt«, heißt es fassungslos. Ob das Opfer jüdisch war oder nicht, wird nicht zum Thema. Man fühlt sich verunsichert, kollektiv bedroht – und stigmatisiert. »Pass auf, jetzt schreiben sie wieder, dass die Ossis alle Nazis sind.«

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Das Radio meldet, dass ein Täter in Richtung Berlin fliehe. »Gleich vom Hubschrauber aus eine Granat draufschmeißen!«, fordert jemand. »Der würde bei mir nicht mal bis nach Magdeburg kommen. Aber die Polizei darf ja nichts.« Zustimmendes Knurren. Es herrscht viel Verbitterung in der Fleischerei, viel Unzufriedenheit, vor allem aber eine lähmende Ohnmacht. Immer wieder kommt der Wunsch auf, etwas tun zu können, um die Straße etwas sicherer zu machen, der Bedrohung endlich Einhalt zu bieten.

»Ich hätte den einfach über den Haufen gefahren, einfach draufhalten und weg«, sinniert einer und bestellt noch einen Kaffee. Draußen setzt der Regen ein. Seit Stunden sitzt man nun hier fest und ahnt: Auch wenn die Täter gefasst werden, ein Ende wird es damit trotzdem nicht geben.

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