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Nicht allein geschmacklos

Vanessa Fischer über die Kommerzialisierung von Leid

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 2 Min.
Vielleicht ist es ein gutes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass wir in einer späten Phase des Kapitalismus angekommen sind: Die Konkurrenz ist groß und der Markt gesättigt. Wer da noch erfolgreich sein will, muss sein Produkt durch immer provokantere Werbung anpreisen, damit es aus der riesigen grauen Masse hervorsticht.

Dabei können schon mal die Grenzen des Zumutbaren überschritten werden. So wirbt die Plattform »Gleichklang« seit Kurzem mit Plakaten und Radiospots für sich, die pathetisch erklären: »In einer Welt, in der Flüchtlinge in sterbenden Meeren sterben, sollte man nicht allein sein.« Nicht allein wobei, mag man sich da fragen. Nicht allein beim Bekämpfen der Festung Europa? Nicht allein damit, Menschen bei sich zu Hause zu verstecken und so vor der Abschiebung zu bewahren? Oder nicht allein beim Mieten eines Bootes, um Ertrinkende im Mittelmeer zu retten? Mit »Gleichklang« dürfte all das jedoch schwierig werden: Die Seite ist keine politische Aktionsgruppe, sondern eine Datingplattform.

Doch »Gleichklang« ist mit der Kommerzialisierung des Leids nicht allein. Auch das Münchner Start-up-Unternehmen »Social Bee« nutzt den Schrecken auf dem Mittelmeer für Werbezwecke. Die Zeitarbeitsfirma vermittelt Geflüchtete aus Eritrea, Afghanistan oder Syrien. Im Vordergrund der Werbekampagne stehen dabei deren außergewöhnliche Soft Skills, also fachfremde Kompetenzen und Fähigkeiten, die diese laut »Social Bee« auf ihrer Flucht erworben haben. Öffnet man die Seite des Start-ups, schauen einen traurig dreinblickende Gesichter an, darunter Sprüche wie: »Ich bin teamfähig – ich habe mit 85 Menschen in einem kleinen Schlauchboot überlebt« oder »Ich bin zielorientiert – auf der Flucht war ich drei Monate lang zu Fuß unterwegs«. »Social Bee« fasst die Geschmacklosigkeit des Ganzen dann auch noch mit den Worten »Soft Skills come the hard way« zusammen.

Abgesehen davon, dass Geflüchtete nicht dazu da sind, die Gesellschaft mit ihren Soft Skills zu bereichern, ist die Tatsache erschreckend, wie unmittelbar Kompetenzen aus ihrem Leid – das auch von der EU mitverantwortet ist – abgeleitet und zu Wert gemacht werden. Armut und Leid zu etwas Positivem umzudeuten, bedeutet auch, gesellschaftliche Ungerechtigkeit unsichtbar zu machen und zu individualisieren. Dann sind wir wirklich allein und Veränderung ist kaum mehr möglich. Dass mit dem Sterben auf dem Mittelmeer geworben werden kann, zeigt zuletzt auch, wie alltäglich es geworden und wie entmenschlicht die Debatte um »Obergrenzen« und Verteilmechanismen inzwischen ist. Das ist ganz sicher kein gutes Zeichen.

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