Feminismus

Raus aus der Blase, rein ins Erzählcafé

Alte und junge frauenpolitisch Bewegte suchen nach einer gemeinsamen Sprache.

Von Claudia Krieg

Conni Leander sitzt an diesem Oktoberabend auf einem von vier eng zusammengerückten Sofas. Die stehen im rückwärtig gelegenen Veranstaltungsraum des Kulturhauses Alte Post in der 4000-Einwohner-Stadt Brück, gelegen im dünn besiedelten Landkreis Potsdam-Mittelmark. Es ist wieder Erzählcaféabend. Unter dem Titel »Feministische Stimmen im Osten«, lädt Leander seit dem Frühjahr in verschiedene Brandenburger Orte ein.

Draußen ist es dunkel und still, den Raum findet man entlang einer an einem Bretterzaun aufgehängten Lichterkette und anhand von auf den Boden aufgemalten Kreidepfeilen. Auf der Straße ist niemand zu sehen, in den zehn Minuten Fußweg vom Bahnhof zum Kulturhaus passieren um diese Zeit nur eine Handvoll Autos die Ortsdurchfahrt der Bundesstraße 246.

»Bei einem Erzählcafé in Roddahn«, berichtet Leander, »haben die Leute immer wieder gesagt: Vielen, vielen Dank, dass ihr hier rausgefahren seid.« Sie habe dann zurückgefragt, ob sich umgekehrt mal jemand bei den Roddahner Teilnehmer*innen bedanken würde, wenn sie aus dem Landkreis Neustadt/Dosse zu einer Veranstaltung nach Berlin anreisen.

Man wisse einfach nie, erzählt die junge Frau, wer komme. Viele aktivistische Bündnisse sind von jungen Menschen geprägt und eher in Potsdam oder eben Berlin aktiv. Aber wie erlebt man in Teltow oder Roddahn die klimapolitischen Debatten oder die von Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks? Und andersherum: Weiß man in Berlin eigentlich, dass es in Bad Belzig auch eine Fridays-for-Future-Gruppe gibt?

Wie erfährt man überhaupt voneinander und von gemeinsamen Themen, wenn man nicht in der derselben Student*innen-WG wohnt, dieselben Uni-Seminare belegt oder in derselben Facebook-Gruppe ist? »Manchmal bekommen wir in unserer kleinen Blase gar nicht mit, welche Wege man gehen muss, um Menschen zu erreichen, die nicht so leben, wie man selbst«, meint Leander. Manche Frauen hätten über den Frauenpolitischen Rat Brandenburg von dem Erzählcafé gehört, viele kämen nur, weil sie jemand persönlich einlädt - »eine Frau kam, weil ihr eine Freundin eine Postkarte mit dem Termin geschickt hat«, erzählt sie. Und manchmal sei man dann eben auch nur zu viert oder fünf, irgendwo in einer brandenburgischen Kleinstadt, wo man vorher meist noch nicht gewesen sei.

Conni Leander hat in Berlin studiert, zusammen mit anderen Aktivist*innen engagiert sie sich dort für feministische Politik. Zusammen mit zwei Mitstreiter*innen ist sie an diesem Abend nach Brück gefahren, um sich entlang von Spuren der Frauenbewegung in der DDR zu fragen, ob Frauen- und Klimabewegung etwas miteinander zu tun haben.

Ausschlaggebend dafür, erzählen die jungen Leute, sei der Frauenstreik zum 8. März diesen Jahres gewesen. »Wir hörten, dass es schon 1994 einen großen Frauenstreik gegeben hat«, erzählt Leander. Und man erfuhr, dass auch und gerade vor dem Hintergrund der rechtlichen Verschlechterungen für Frauen in der ehemaligen DDR gestreikt wurde. Und in der Umweltbewegung seien dort viele Frauen aktiv gewesen. Gibt es zwischen den jungen und den alten Aktivist*innen mehr Gemeinsamkeiten als man denkt? Auch wenn sich die einen theoretisch mit Klimagerechtigkeit und Ökofeminismus beschäftigen und die anderen Jahrzehnte zuvor gegen die Umweltverschmutzung in den Ostblock-Staaten protestiert hatten?

»Wir wollen eure und Ihre lokalen Perspektiven kennenlernen, um Mut, Kraft und Anregungen für unsere politische Arbeit zu bekommen!« schreiben die Veranstalter*innen in ihre Einladung. Es soll also darum gehen, sich zuzuhören und vielleicht auch voneinander zu lernen. Als erstes lernten die jungen Aktivist*innen, dass die wenigsten älteren Frauen mit dem englischen Gruppennamen »feminism unlimited« etwas anfangen können - »wir sollten vielleicht doch eine deutsche Übersetzung dazustellen«, überlegt eine der jungen Berliner*innen laut. Aber auch den Begriff Feminismus selbst empfinden viele Frauen im Osten als gar nicht für sie zutreffend oder lehnen ihn ganz ab. Man einigt sich deshalb bei den Erzählcafés auf die Formulierung »frauenpolitisch Bewegte«.

In dem Raum in Brück, der vor vielen Jahren einmal ein Baubetrieb war und nun freundlich erleuchtet, sitzen an diesem Abend vor allem Frauen. Ricarda Müller ist unter ihnen, die das Kulturhaus seit dem Umbau von einer Postfiliale zum Veranstaltungsort vor 20 Jahren leitet. Und Theresa Pauli ist gekommen, die Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte des Landkreises. »Wir brauchen praktische, alltagstaugliche Vorschläge für die vielen Fragen, die es gerade gibt«, fordert Pauli. Diese Herangehensweise sei in den vergangenen drei Jahrzehnten mit der politischen Frauenbewegung der DDR verloren gegangen.

Ganz praktisch gibt es dann hier, mit der Bahn etwas über eine halbe Stunde südwestlich von Potsdam, an der Bahnstrecke nach Dessau, noch Vanillepudding mit Kirschen - und das Gefühl, dass man doch gerade erst begonnen hat, miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber es ist halb zehn Uhr abends und gleich fährt der letzte Zug nach Berlin, wohin die jungen Veranstalter*innen alle heute noch zurück müssen. »Kommt doch einfach mal wieder«, sagt Ricarda Müller zum Abschied.