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Ostdeutschland

Mit Strom & Wasser gegen Unwetter

Heinz Ratz musiziert für soziokulturelle Zentren in der ostdeutschen Provinz.

Von Hendrik Lasch

Erste eisige Böen fegen durch Sachsen. Im September beriet der Stadtrat der Kleinstadt Döbeln über Zuschüsse für den Verein »Treibhaus«. In dem vor 21 Jahren gegründeten soziokulturellen Zentrum gibt es ein reiches Angebot an Kultur und Bildung für Jugendliche und Senioren, Frauen und Migranten. Doch der AfD gilt der Verein als linksextrem. Also beantragte sie: Zuschüsse streichen. So weit wollte der Rat dann zwar doch nicht gehen. Weil sich aber die CDU seit der Kommunalwahl vom Mai bei der AfD anbiedert, kürzte die Stadtratsmehrheit die Summe von 14 000 auf 9700 Euro. Das Fatale: Der Betrag ist zu gering, um wie bisher weiteres Geld vom Kulturraum Mittelsachsen beantragen zu können. Dadurch fehlen nun 107 000 Euro. In den sozialen Netzwerken heißt es jetzt: Es geht schon los.

Ein zweites Zuhause und ein Hort der Demokratie

Los geht das, was Heinz Ratz als »heftige Unwetter« bezeichnet. Ratz, Bassist und Sänger seiner Band »Strom und Wasser«, hat die Angriffe auf die soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäuser in der ostdeutschen Provinz kommen sehen. Es sind Häuser, in denen er schon in den 1990er Jahren bei Konzerten gastierte und wo er sich, wie viele andere Kollegen, die keine »gemachten Musiker« sind, also nicht aus einer Castingshow in das Musikgeschäft katapultiert wurden, über die Jahre ein treues Publikum erspielt hat. Dabei hat er freilich auch aus erster Hand erfahren, dass es sich um weit mehr handelt als bloße Konzertschuppen. Jugendzentren wie das »Treibhaus«, die »Zora« in Halberstadt oder das Domizil des Vereins »Blitz« in Pößneck seien »ein zweites Zuhause« für alternative Jugendliche, die sonst in der Provinz vielerorts nicht gern gesehen seien, sagt Ratz; sie böten Räume, wo Menschen sich »angstfrei begegnen« könnten; ja, sie seien »Orte, an denen Demokratie und Weltoffenheit gelebt werden«. Mancherorts, fügt Ratz hinzu, sind es »fast die einzigen«. Die Frage derzeit lautet allerdings: Wie lange noch?

Ratz hat ein Gespür für die Stimmung im Land; außerdem ist er ein politisch denkender Mensch. Also war ihm schon 2018 klar, dass das Wahljahr 2019 für die alternativen Kulturhäuser in den ostdeutschen Kleinstädten schwere Zeiten einläuten würde: Gemeinde-, Stadträte und Kreistage, in denen die AfD starke oder gar die stärksten Fraktionen stellt; rechtskonservative Kommunalpolitiker, die endlich genug Gleichgesinnte in den Parlamenten haben, um ihr Mütchen an ungeliebten Vereinen und Initiativen kühlen zu können. Zu Jahresbeginn begann Ratz deshalb eine Tour. Ihr Titel: »Eine Million gegen Rechts«. Er wolle »100 Konzerte in 100 Städten« spielen und dabei Geld einsammeln, das den bedrohten Jugendhäusern in Sachsen, Brandenburg und Thüringen - also den Ländern, in denen dieses Jahr neue Landtage gewählt wurden oder werden - helfen soll. Neben den Einnahmen bei seinen Auftritten bemühte er sich um Spenden: bei Firmen und Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und nicht zuletzt den Kommunen, in denen sich die Häuser befinden.

Eine Million, 100 Orte, 100 Konzerte: Ratz hat ein Faible für spektakuläre Projekte und beeindruckende Zahlen. Das hat er nicht erst jetzt entdeckt. Vor zehn Jahren rannte er 960 Kilometer durch die Republik. Ein Jahr später schwamm er Hunderte Kilometer durch deutsche Flüsse. 2011 legte er Tausende Kilometer auf dem Fahrrad zurück, zum guten Teil im Winter. Dem Musiker geht es dabei nicht um das Spektakel an sich oder darum, sich als nicht mehr ganz jugendlicher Mann etwas selbst zu beweisen. Die Aktionen stehen vielmehr im Dienste dessen, was manchmal leicht abschätzig als »gute Sache« bezeichnet wird. Ratz rannte, um auf die Situation von Obdachlosen in der reichen Bundesrepublik hinzuweisen; er schwamm, um lange vor »Fridays for Future« den katastrophalen Zustand der Natur ins Bewusstsein zu rücken; er radelte, um den unwürdigen Umgang mit Flüchtlingen anzuprangern, lange bevor sich die Migrationskrise 2015 zuspitzte. »Moralischer Triathlon« nannte er die Aktion. Ihr dritter Teil mündete in ein musikalisches Projekt: eine Tournee mit der eigens gegründeten Band »Refugees«, deren hoch begabte Mitglieder Ratz in Flüchtlingsheimen kennengelernt hatte, wo sie mit ihre Fähigkeiten versauerten. Die Tour konnte als Lehrstück für (Mit-)Menschlichkeit und den Nutzen unvoreingenommener Begegnungen verstanden werden: Sie zeige, sagte Ratz, »wie gut es ist, wenn man sich öffnet«.

Warum tut einer so etwas? Geld und Ruhm können der Antrieb kaum sein. Ein wirklich großer kommerzieller Erfolg war die »Refugees«-Tour nicht; auch die mediale Resonanz hielt sich in Grenzen, anders als bei manchem Künstlerkollegen, der das Thema später im Zuge der Willkommenseuphorie des Jahres 2015 entdeckte und, wie Ratz sich anzumerken erlaubt, dafür »Geld erhielt, wie wir es nie bekommen hätten«. Zwar wurde Ratz wegen der »Refugees«-Tour für die Integrationsmedaille der Bundesregierung nominiert. Die akzeptierte er aber eher widerwillig und nur deshalb, weil sie seinem politischen Anliegen mehr Gewicht verlieh. Aufmerksamkeit, das gab er zu, habe er erzeugen wollen - aber eher für die üblen Zustände in den bundesdeutschen Flüchtlingsheimen als für sich und seine Musik.

Mit einem Rad Marke »Utopie« auf dem Weg zur Revolution

Man darf Ratz abnehmen, dass bei seinen Aktionen viel Idealismus im Spiel ist; nicht zufällig war er 2011 auf einem Fahrrad der Marke »Utopie« unterwegs. Die Reise durch die Flüchtlingsheime des Landes sollte in den Deutschen etwas wecken, was Ratz selbst als Kind mit seinen Eltern in den Wirren des Nahost-Krieges und später in Konflikten in Peru erlebt hatte: Gastfreundschaft und uneigennützige Hilfe. Er hoffte dabei tatsächlich auf die aufklärerische Kraft von Wissen und Information: Wenn die Menschen erführen, wie unwürdig die Zustände in den Heimen sind, dann, so seine Hoffnung, würde sich etwas ändern: Die Deutschen seien doch »ein anständiges Volk, das Menschen so behandelt, wie man selbst als Flüchtling behandelt werden wollte«, glaubte er. Ratz scheute sich auch nicht vor großen Begriffen wie »Revolution«, die er mit seinen Aktionen habe anstacheln wollen. Bei dem Langstreckenlauf für Obdachlose habe er gedacht, »wir laufen zu sechst los, und am Ende sind wir Tausende.« Sie waren indes immer noch nur sechs. »Die Revolution«, merkte er sarkastisch an, »blieb aus.«

Knapp zehn Jahre später scheint sie weiter entfernt denn je. Inzwischen ist klar, dass viele Deutsche Flüchtlinge längst nicht so zu behandeln gewillt sind, wie sie sich das für sich selbst wünschen würden. Von Revolution redet schon gar keiner mehr - zumindest nicht in dem Sinne, wie Ratz sie sich vorstellt: als Bewegung zu mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Stattdessen ist es kälter und unwirtlicher geworden im Land, und unweigerlich erinnert man sich an einen anderen Antrieb, den Ratz schon vor zehn Jahren genannt hatte: ein Gespür für die Vorboten von Katastrophen - so wie sie sein Körper einst gesandt habe, als der Krebs kam. Dass er damals auf die Ahnungen gehört habe, »rettete mir das Leben«, sagte Ratz. Auch die Vorboten gesellschaftlicher Desaster, die allerorten wahrzunehmen sind, will er nicht mehr ignorieren. Wenn es schon nicht für eine Revolution, für die Veränderung der Verhältnisse zum Besseren reicht, dann vielleicht wenigstens dafür, den am ärgsten in Mitleidenschaft Gezogenen zur Seite zu stehen. Die »Million gegen Rechts«-Tour nennt Ratz daher nun ein »Robin-Hood-Projekt«.

Er hat dabei freilich erfahren müssen, dass auch ein Robin Hood oft ziemlich einsam im Wald steht. Ihn grämt weniger die Tatsache, dass nach der Hälfte der Tour »erst« 100 000 Euro eingespielt sind - auch das ist eine Menge Geld. Ihn ärgern aber »halbherzige Helfer« und ausbleibende Unterstützung jener, auf die er sich verlassen zu können meinte. Von 700 angeschriebenen Unternehmen haben erst zwei auf die Bitte um Unterstützung reagiert. Auch von Gewerkschaften seien bisher »null Euro« gekommen, Kirchen hätten gar nicht geantwortet. Zudem »kriegen wir nicht die, die das Geld haben«, sagt Ratz: Musikindustrie, Festivals, die berühmten Kollegen. Zeitungen, die gern mangelndes gesellschaftliches Engagement geißeln, haben sein Projekt nicht zur Kenntnis genommen. Das Problem, vermutet er: Die Jugendhäuser sind noch nicht in Größenordnungen den Bach hinunter gegangen; seinem Anliegen fehlt also der »Hysteriebonus«. Er kommt, wie schon mit der Radtour durch die Flüchtlingsheime und der »Refugees«-Band, schlicht zu früh.

Ratz’ Spende könnte das Loch beim Treibhaus e.V. stopfen

Sei’s drum, sagt Ratz. Er glaube nicht mehr, »alles schaffen zu können«; aber »meinen Teil beitragen kann ich«. Und der ist nicht zu unterschätzen. Am 22. November etwa wird er ein Konzert beim »Treibhaus« in Döbeln geben. Danach wird er den Betreibern einen Scheck übergeben: 4000 Euro. Das Geld kann helfen, die Lücke zu stopfen, die der rechtskonservative Schulterschluss im Stadtrat gerissen hat - um die ungleich höhere Förderung durch den Kulturraum doch noch beantragen zu können. In der ostdeutschen Provinz, sagt Ratz, ahnen viele, dass »heftige Unwetter« bevorstehen. Er und seine Band »Strom & Wasser« aber wollen helfen, dass Treibhaus & Co. den Sturm überstehen.