Deutscher Gewerkschaftsbund

Danke, du Unvollkommener!

Der Deutsche Gewerkschaftsbund wird am Sonntag 70 Jahre alt. Ein leidenschaftlicher Geburtstagsgruß

Von Tom Strohschneider

Du wirst 70, lieber DGB, und wir beide sind inzwischen auch schon fast 30 Jahre zusammen. Es waren nicht immer einfache Zeiten, für dich nicht, und auch für mich nicht. Aber wann waren die Zeiten schon einfach?

Als ich in deine Familie eintrat, hieß meine Gewerkschaft noch nach dem, was wir hier machen: Medien. Gegenüber den größeren Verwandten galt sie als eher links. Die Schwestern von der Metall und der Chemie hatten natürlich mehr zu sagen unter deinem Dach. Und weil das auch meines war, gab es schon mal Unmut.

Du weißt es selbst am besten: Ärgern musste man sich über dich, und die Gründe dafür waren durchaus zahlreich. Viel zu lange hast du der SPD viel zu unkritisch die Treue gehalten. Viel zu selten hast du das allgemeinpolitische Mandat ergriffen, jedenfalls seltener, als man es sich gewünscht hätte. Deine Überparteilichkeit erschien uns oft als eine Pose, mit der nur abgewehrt werden sollte, was wir uns wünschten: mehr Druck, mehr linke Positionen, mehr Klassenpolitik, mehr Kampf.

Was haben wir Linken uns aufgeregt darüber, wenn es in der Familie merkwürdige Distanzierungen von der Antifa gab, wenn Gewerkschaft nur noch wie Automobilismus klang, wenn der Osten mal wieder nur am Katzentisch Platz zu finden schien. Wir kochten innerlich, weil du den Mindestlohn so spät als Hebel erkannt hast, weil wir mehr Widerstand in den Betrieben herbeisehnten, weniger Gefälligkeit gegenüber Regierungen, mehr Aufsässigkeit.

Die so staatstragend anmutende Onkelhaftigkeit an der Spitze, die doch unsere gemeinsame sein sollte, hat uns oft gewundert, denn wir verstanden Gewerkschaft anders und so auch den Bund, der sie verbindet. Dass auf dessen Chefsessel immer nur Hans und Christian und Walter und Willi und Ludwig und Heinz Oskar und Ernst und Heinz-Werner und Dieter und Michael und Reiner amtiert haben, brachte uns auf. Böse lachen müssen wir bis heute, wenn du von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sprichst, obwohl du am besten wissen müsstest, dass diese doppelte Sprachlüge nur der Akzeptanz von Verhältnissen dient, in denen es Familien wie deine überhaupt erst braucht.

Wir haben Texte geschrieben, in denen wir dir rieten, mal wieder Karl Marx zu lesen und vor allem, wieder mehr Marx »zu machen«. Stets hatten wir das Zitat aus »Lohn, Preis und Profit« parat: »Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern.«

Ja, lieber DGB, wenn wir bei Familienfeiern zusammensaßen, erhofften wir uns inständig mehr utopischen Überschuss und weniger Reparaturdenken. Wir fanden, dass man nicht unbedingt ein Bündnis für Arbeit mit Leuten eingehen muss, denen es nur um die Aneignung der Arbeit anderer geht. Wir haben am Krisenkorporatismus rumgemäkelt, haben gemeckert, weil wir meinten, dass es sich für eine Organisation der Arbeitenden gehört, auch mehr für die zu machen, die gerade keine haben. Es hat uns fast rasend gemacht, wenn sich die Worte, die von dir kamen, mehr nach nationaler Sorge als nach internationaler Solidarität anhörten.

Natürlich wussten auch wir, dass ein Gewerkschaftsbund nur so gut sein kann wie seine Mitgliedsorganisationen und diese wiederum nur so gut wie deren Basis. Wir haben darüber viel diskutiert, was es heißt, dass gewerkschaftliche Politik sich nicht über die Wirklichkeit erheben kann, sondern vor allem eines ist: Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, Stimmungen, Konjunkturen - von Dingen also, auf die auch du, lieber DGB, nur begrenzt Einfluss hast. Wir haben in unseren linken WGs nächtelang darüber debattiert, was es heißt, wenn die einzelnen Gewerkschaften unter deinem Dach ihre eigenen Logiken haben, also auch ihre Interessen und nicht zuletzt ihre Mitglieder, die sie repräsentieren und damit auch den Stand deren Denkens. Wir haben gestritten darüber, ob Joberhalt gegen Lohnpolitik ausgespielt werden darf, wie viel Zugeständnisse erlaubt sind, wenn es um die Zukunft von Familien geht. Nicht immer gingen die Gespräche einvernehmlich aus.

Aber nun, lieber DGB, wo wir fast 30 Jahre zusammen sind und du mit 70 ein stolzes Alter erreicht hast, muss auch einmal gesagt werden, was linke Familienmitglieder nur selten sagen: Danke.

Danke für Bratwürste am 1. Mai, über die sich gern Leute lustig machen, die sonst gar nichts vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit wissen wollen. Danke für eine Gemeinschaft, in der kein großes Gewese darum gemacht wird, wenn man sich im Morgengrauen auf den Weg zu einer 400 Kilometer weit entfernten Demo gegen Nazis macht. Danke für die Möglichkeit, eine Solidarität von unten erleben zu können, der es nicht auf die Parole oder die große politische Geste ankommt, sondern die einfach aus Empathie, aus dem Wissen um gemeinsame Interessen kommt. Will sagen: vom Herzen her.

Danke dafür, dass du unglaublich engagierten Kolleginnen und Kollegen ein Dach bietest, Menschen, ohne die es in Betrieben und Verwaltungen, im öffentlichen Dienst und auf dem Bau viel schlechter um uns stehen würde. Danke für Busse, mit denen andere zu Protesten fahren können. Danke dafür, dass du immer wieder die Kurve bekommen hast, auch nach Zeiten, in denen es dir schwerfiel, dem kapitalismusfreundlichen Getöse von der anderen Seite standzuhalten. Danke, dass es Menschen bei dir gab und gibt, denen es nie peinlich geworden ist, »Traditionalisten« genannt zu werden. Danke für den Generalstreik von 1948, ohne den dieses Land anders aussehen würde. Danke für viele deiner Funktionäre, vor allem für jene, die sich nicht um die »Familiendisziplin« scherten, weil es ihnen um die Sache ging. Und danke für die Losung »Bürger, nicht Untertan«, mit der unser allererster Chef damals deinen Gründungskongress eröffnete.

Fast 30 Jahre sind wir nun zusammen, lieber DGB. Die ganz große Liebe, ich gebe es zu, ist es zwischen uns beiden nie geworden. Aber eine ziemlich dauerhafte Beziehung. Eine gute. Und das Marx-Zitat aus »Lohn, Preis und Profit«, das bleibt in der Zwischenablage. Versprochen.