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Schwarz, jüdisch, identitätssuchend

»Oreo« von Fran Ross ist ein Klassiker aus den USA der 70er Jahre und nun erstmals auf Deutsch übersetzt

Oreo, dieser Markenname für einen dunklen Keks mit weißer Creme im Inneren, wird in den USA oft abwertend für Afroamerikaner*innen verwendet, denen ein »weißes« Verhalten nachgesagt wird. Die Protagonistin in Fran Ross’ gleichnamigem Roman »Oreo« trägt diese Bezeichnung allerdings als lieb gewonnenen Spitznamen.

Fran Ross: Oreo
A. d. amerik. Engl. v. Pieke Biermann. dtv, 288 S., geb., 22 €.

Doch was bedeutet dieses Weißsein überhaupt? Für Oreo, eigentlich Christine, ist das nicht so einfach zu beantworten. Sie ist 16 Jahre alt, ihre Mutter ist schwarz, der Vater weiß, aber auch jüdisch. Schon früh hat er die Familie verlassen und ist von Philadelphia nach New York gezogen. Christine will sich dort nun auf die Suche machen - nach ihrem Vater und nach einem Stück verlorener Identität.

»Wenn sie später mal ihr Geburtsgeheimnis lüften wolle, bekam sie noch als Kind gesagt, dann müsse sie ihren Vater finden. ›Klar finde ich den Motherfucker‹, war ihre Antwort und Letzteres ihrer Ansicht nach genau le mot juste«, also die passende Bezeichnung, schreibt Fran Ross über ihre Protagonistin.

»Geburtsgeheimnis« - das klingt ausgesprochen mythologisch, und tatsächlich beruht der eigentlich recht simple Handlungsstrang von »Oreo« (die Suche nach dem verlorenen Vater) auf dem altgriechischen Theseus-Mythos. Doch jegliches Pathos und alle großen Worte in diesem episodenhaften Roman sind pure Ironie. Ross’ Worte sind unglaublich satirisch, und sie zieht in »Oreo« alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen in rotzig-frechem Ton durch den Kakao.

Dieser satirische Unterton wirkt in seiner politischen Unkorrektheit manchmal leicht aus der Zeit gefallen. Das ist kein Wunder: Obwohl die deutsche Erstausgabe erst jetzt erscheint, wurde »Oreo« in den USA bereits 1974 veröffentlicht, zunächst ohne große Beachtung.

Als 2000 dort die Neuauflage erschien und der Roman wiederentdeckt wurde, war Ross bereits seit 15 Jahren tot. Die 1935 geborene Journalistin und Autorin für Comedy-Shows teilte mit ihrer Protagonistin die schwarze und jüdische Herkunft. Gerade deswegen spürt man hinter all der derben Komik und Ironie eine tiefe Verbundenheit und Verständnis für ihre Figuren.

In Ross’ Roman verschwimmen die Identitäten, der afroamerikanische Opa verkauft etwa - mehr aus Pragmatismus und Geschäftssinn - in seinem Versandhandel Judaika: »Sein erster Artikel ging weg wie warme Latkes. Es war ein Satz Tafeln für Wurfpfeile mit Porträts von (laut Werbetext) ›allen Männern, die Sie am liebsten hassen, von Haman bis Hitler‹. Kein Jude aus der philadelphischen Mittelschicht hätte sich im Kellergemeinschaftsraum blicken lassen können, wenn die Wurftafeln da nicht hingen.«

Die deutsche Ausgabe stand vor dem Problem, den im Roman so präsenten Sprachstil aus Wortneuschöpfungen, afroamerikanischem Englisch und jiddischen Einsprengseln zu übertragen. Das gelingt der Übersetzerin Pieke Biermann überraschend gut; der deutschen Ausgabe von »Oreo« hängt zudem ein Glossar an. Zusätzlich gibt es als literarische Einordnung ein Nachwort von Max Czollek (Autor von »Desintegriert euch«).

Fran Ross’ Oreo ist eine weibliche Antiheldin, die bereits 1974, vor aktuellen Debatten um Diversität und Repräsentation, schwarz und jüdisch war. Fran Ross hat schon zu diesem Zeitpunkt eine literarische Aushandlung von Identitätspolitiken geschaffen, die auch mit Humor als Waffe kämpft. Das ist bissig, manchmal auch ein wenig gemein. Gesellschaftssatire ist eben nicht nur weiß und männlich.

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