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Mikado mit den Zeitachsen

Eine clever komponierter Debütroman als schwarzes Loch: »Das flüssige Land« von Raphaela Edelbauer

Der Tod der Eltern ist in der Literatur ein reich bestellter Gottesacker. Von Shakespeares »Hamlet« über Camus’ »Der Fremde« bis zu Safran Foers »Extrem laut und unglaublich nah« steht ihr Verlust für Generationen an Figuren am Beginn einer Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Es ist demnach ein ambitioniertes Unterfangen, dem Topos noch etwas Neues abzugewinnen, wie es Raphaela Edelbauer in ihrem Roman »Das flüssige Land« versucht. Dass - und wie! - es ihr dennoch gelingt, ist eine 350 Seiten lange Freude.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land
Klett- Cotta, 350 S., geb., 22 €.

Die Geschichte ihrer Ich-Erzählerin Ruth beginnt mit der Nachricht des mysteriösen Unfalltodes ihrer Eltern. Die theoretische Physikerin hatte, wohl wegen ihrer Tablettensucht, in den letzten Jahren den Kontakt zu ihnen verloren. Nun beschließt sie, in die Stadt zu fahren, in der sie aufgewachsen sind, um das Begräbnis vorzubereiten und mehr über die Menschen zu erfahren, die ihre Eltern waren. »Groß-Einland« ist ihr Ziel, ein Kaff irgendwo in der österreichischen Provinz. Wo genau, scheint niemand zu wissen. Erst nach Tagen des Herumirrens auf der Autobahn kommt Ruth dort auf eine Weise an, die an Alices Sturz ins Wunderland erinnert.

Ein wunderliches Fleckchen Erde ist dieses Groß-Einland allemal. Vom Rest des Landes weitgehend isoliert, ticken die Uhren hier anders. Nicht nur herrscht noch eine Gräfin von einem Schloss aus über ihre Untertanen, die Zeit selbst scheint langsamer zu vergehen. All die Absonderlichkeiten scheinen mit dem riesigen Bergwerk zu tun zu haben, das unter der Stadt liegt. Die mephistophelische Figur des Pergerhannes erlag darin vor 400 Jahren dem Goldrausch. Die Ausbeutung der Erde forderte ihren Tribut, das Loch wuchs an, und immer wieder verschwanden Menschen darin; zuletzt, so findet Ruth bei Nachforschungen heraus, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Soldaten hatten hier ermordete Zwangsarbeiter verscharrt, womöglich mit Hilfe der Einwohner. Und auch Ruths eigene Familiengeschichte birgt ein dunkles Geheimnis.

Die Bürger der Stadt wollen von der Vergangenheit am liebsten nichts wissen, doch nicht nur Ruth, sondern auch das Loch selbst gibt keine Ruhe. Die Stadt ist vom Stollen völlig unterhöhlt, sackt immer weiter ab und droht gänzlich in die Tiefe gerissen zu werden. Die Gräfin stellt die Physikerin an, um den drohenden Untergang zu verhindern. Aber sollte diese Stadt überhaupt gerettet werden? Und wenn ja, um welchen Preis?

Die Österreicherin Raphaela Edelbauer, Jahrgang 1990, wurde bereits vielfach ausgezeichnet. 2018 gewann sie für ihr erstes Buch - die Poetik »Entdecker« - den Rauriser Literaturpreis, im selben Jahr bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Publikumspreis. Für den Deutschen Buchpreis war sie auch nominiert, als Geheimfavoritin unter lauter Stars. Denn Edelbauers Debüt-Roman ragt unter seinesgleichen heraus. Nicht selten reüssieren Autoren mit ihnen nicht ganz unähnlichen Ich-Erzählern, die in poppiger Großstadtatmosphäre nichts erleben, um eben diese Leere als Stimmung einer Generation und sich selbst als deren Stimme zu verkaufen. »Das flüssige Land« hingegen ist eine imponierend reife, clever komponierte Geschichte.

Edelbauer spielt Mikado mit den Zeitachsen. Die unaufgearbeitete Nazi-Vergangenheit Groß-Einlands lässt sich als Metapher für die politische Lage Österreichs verstehen - ein Land, in dem ehemalige (oder aktuelle) Nazis womöglich bald wieder Regierungsverantwortung übernehmen.

Mit erkennbarer Freude spickt die Autorin ihre Geschichte mit Anspielungen. Da wäre zum Beispiel die sehr lustige Begegnung Ruths mit dem Musiklehrer der Stadt, den Edelbauer als Karikatur eines Verschwörungstheoretikers zeichnet. Für das Absinken des Dorfes macht er nicht das Bergwerk, sondern den Anbau von Karotten und Rettich verantwortlich: »Die Bauern verdienen sich an solchen Kulturen natürlich eine goldene Nase und glauben, dass ein Mensch der Wissenschaft das nicht durchschaut. Kommt alles aus Südamerika, von den Pharmakonzernen.«

Aber der Roman ist keine - oder zumindest nicht nur - politische Parabel. Nicht einzig als Phänomen der Geschichte spielt die Zeit hier verrückt. Miniaturen zum Phänomen der schwarzen Löcher unterbrechen immer wieder die Handlung. Betritt man ihr Zentrum, bilde sich ein unendlicher Zeitraffer, »und die gesamte Geschichte des Universums fällt in einen einzigen Augenblick zusammen«.

Auch »Das flüssige Land« ist so ein schwarzes Loch, es absorbiert mehrere Genres (Familienroman, Märchen, Katastrophenthriller, Krimi, absurde Komödie), füttert sich selbst mit Anspielungen und Zitaten: Lewis Carroll, Henrik Ibsen, Franz Kafka und Thomas Bernhard heben ihre Häupter aus dem Untergrund und sekundieren bei der literarischen Beweisführung, dass es weder eine isolierte Gegenwart noch Vergangenheit gibt, dass beide Sphären nur ineinander verschlungen existieren. In diesem Würgegriff findet unser Leben statt.

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