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Der letzte Kongress der Faschokünstler

Die Codes der Rechten erkennen: Patricio Pron fragt, wie viel Faschismus in der Avantgarde steckt

Der argentinische Schriftsteller Patricio Pron ist einer der interessantesten Protagonisten der spanischsprachigen Literatur. 1975 in Rosario geboren, hat er in Göttingen im Fach Romanistik promoviert und lebt nun in Madrid, wo er auch als Literaturkritiker tätig ist.

Patricio Pron: Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt.
A. d. Span. v. Christian Hansen. Rowohlt, 416 S., geb., 24 €.

Nun ist sein zweiter Roman auf Deutsch in der Übersetzung von Christian Hansen erschienen, der etwas sperrige Titel lautet »Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt«.

Die Handlung kreist um einen Kongress futuristischer und faschistischer Schriftsteller im April 1945 im piemontesischen Pinerolo. Den Teilnehmern steht das Ende des italienischen Faschismus vor Augen, Mussolinis Republik von Salò verliert täglich an Territorium, auf dem neben verschiedenen italienischen auch deutsche Einheiten operieren, wie es im Militärjargon heißt, die also in den Bergen verborgene Partisanen jagen, ganze Dörfer vernichten, Massaker begehen und zahlreiche Juden deportieren. Über der Zusammenkunft ziehen die Bombergeschwader der Alliierten Richtung Mailand, wo am 25. April der Aufstand der Partisanen ausbricht. Kurz darauf wird Mussolini gefangen genommen und erschossen.

Doch zuvor kommt einer der Schriftsteller bei dem Kongress auf rätselhafte Weise zu Tode. Es handelt sich dabei um Luca Borello, der aus einer berüchtigten Futuristensektion aus Perugia stammt. Er hatte sich mehrere Jahre zurückgezogen, um dann überraschenderweise auf dem Kongress aufzutauchen. Dort lässt er verlauten, man müsse retten, was zu retten sei. »Wir müssten dem Untergang der Geschichte beiwohnen, ohne mit ihr unterzugehen«, sagt er zu seinen Mitstreitern. Kurz darauf ist er tot. Und hinterlässt eine auffällige Holzkiste mit Manuskripten, die der Hauch des Geheimnisvollen umgibt.

Den Kongress, den Pron beschreibt, hat es nie gegeben. Doch historische Vorbilder lassen sich mühelos finden, wie das von den Nazis veranstaltete Weimarer Dichtertreffen, eine Versammlung der faschistischen Internationale auf dem Gebiet der Literatur. Neben fiktiven Figuren wie Borello lässt Pron jede Menge historisches Personal auftreten, so zum Beispiel den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst, Verfasser des Hitler gewidmeten Dramas »Schlageter«. Nach 1945 schrieb er unter Pseudonym Gedichte für die Edeka-Kundenzeitschrift »Die kluge Hausfrau«.

Neben Johst sind es zahlreiche weitere Schriftsteller und Künstler, die das Bild vervollständigen: Filippo Tommaso Marinetti, der Verfasser der Manifeste des Futurismus und zeitweiliger Kulturminister unter Mussolini, Ezra Pound, der treue Unterstützer des italienischen Faschismus, der nach 1945 in einer amerikanischen Irrenanstalt eingesperrt wurde, Knut Hamsun, der seine Nobelpreis-Medaille Joseph Goebbels schenkte und im Mai 1945 einen verherrlichenden Nachruf auf Hitler veröffentlichte, Louis-Ferdinand Céline, der so antisemitisch war, dass es selbst manchen Nazis fast unangenehm war, und Julius Evola, der eine Einleitung zu der judenfeindlichen Schmähschrift »Die Protokolle der Weisen von Zion« verfasste und den italienischen Faschismus bewunderte. Sie alle glauben an den »Krieg als einzige Hygiene der Welt« (Marinetti), an die Überwindung der bürgerlichen Welt durch den Faschismus.

Pron lässt Historisches und Fiktives ineinander übergehen. So gibt es einen Anhang mit einem Verzeichnis realer und fiktiver Biografien der erwähnten Personen. Pron beschreibt nicht die ideologischen Äußerungen, sondern zeigt die sozialen Codes dieser Gruppe - und das macht das Buch literarisch interessant.

Den Schriftstellerkongress lässt Pron aus den Erinnerungen der Teilnehmer erstehen, die 1978 von einem Mitglied der Roten Brigaden interviewt werden. Das erweist sich als formaler Kunstgriff, weil gerade das Klatsch- und Tratschhafte dieser Schilderungen einen genaueren Blick auf das Innenleben dieser rechten Bewegung erlaubt, die Kunst und Macht zueinanderführen wollten. »Wir wollten die Kunst dem Leben zurückgeben und haben das so weitgehend getan, dass sich beides miteinander vermischt und heutzutage das Leben der Schriftsteller das Einzige ist, was in der Literatur noch Bedeutung hat«, sagt einer der Befragten.

Entwickelt wird so eine alternative Geschichte der Geburt der Avantgarde aus dem Geiste des Faschismus. Es gibt verschiedene Zeitebenen, Handlungsstränge führen von 1944 bis 2014, dazu kommt neben dem erwähnten Personenverzeichnis eine Beschreibung der mysteriösen Manuskripte des verstorbenen Borello, die Assoziationen zu Heiner Müller oder Guy Debord zumindest nicht abwegig erscheinen lassen.

Pron fordert mit seinem dokufiktionalen Verfahren seine Leser auf, die eigenen Begriffe zu überprüfen. Belohnt wird man dafür mit einem gut geschriebenen und interessanten Buch.

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