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»Genial? Sagt, dass das genial ist!«

Pension der Tiere: Ingvar Ambjørnsen hat ein wundervolles Kinderbuch geschrieben

  • Von André Dahlmeyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Hund Samson und der Kater Roberto sind von Natur aus träge und lungern gerne herum. Früher waren sie Stadttiere und »haben immer nur ganz still in unserem Zimmer gesessen und die Wände angestarrt«. Das ist jetzt vorbei, denn Samson hat geerbt. Jetzt sind die beiden Hoteldirektoren, betreiben die Pension »Fjordlicht«, direkt am Meer, und futtern Honigkuchen. Außerdem ist Sommer. Das Leben ist schön.

Ingvar Ambjørnsen: Samson und Roberto. Sommer, Sonne, wilde Gäste.
A. d. Norw. v. G. Haefs. Mit Bildern von P. Schössow. dtv/Hanser, 110 S., geb., 12,95 €.

Freunde haben sie auch schon gefunden. Etwa die Dächsin Greta, die eine Romanze mit einem schottischen Hochlandpoeten »mit kompliziertem Gemüt«, dem Maulwurf Gregor, unterhält. In der Pension kümmert sie sich um die Gäste und deren Wohlergehen. Sie macht auch gerne Elfmeterwettschießen. Gegen Samson und Roberto gewinnt sie immer.

Die burschikose Otterdame Olli spielt den Hausmeister, im roten Overall, den Werkzeugkasten hat sie immer dabei. »Wir Otter müssen immer in Bewegung sein. Sonst werden wir traurig.«

Dann ist da noch die alte Truthenne Frau Krilleberg, der einzige Dauergast, immer etwas miesepetrig, immer etwas morgenmuffelig, mit einem Hang zum Lebensmüden und immer dafür zu haben, den Obstgarten zu verwüsten. Sie wartet darauf, dass das neue Schulhaus endlich fertig wird und sie dort Mathematik, Sprachen und Erdkunde unterrichten kann.

Eines Tages picknicken Samson und Roberto am Fjord und begegnen beim Schwimmen dem Kabeljau Helge, einem dicken Oschi von vierzehn Kilo, dem in den Untiefen eine Flunder von der Pension berichtet hat. Und dort möchte er unbedingt auch mal wohnen und ein bisschen Ferien machen. Samson und Roberto halten das zunächst für keine gute Idee. Ihre Pension ist ja schließlich kein Unterwasserhotel. Doch als Helge plötzlich eine Goldmünze ausspuckt, gehen bei Roberto alle Lampen an. Hastig eilen unsere Freunde zurück zur Pension, um Olli zu suchen. Und natürlich hat die Otterdame eine Lösung parat: Ein Kabeljausalon muss her!

Zimmer Nummer 7 verwandelt sich im Nu. Mitten hinein stellt Olli eine alte Badewanne, und aus der Hauswand schaut nun ein dickes Rohr, durch das Salzwasser vom Strand in die Wanne strömt, weil Olli unten am Fjord eine große Pumpe montiert hat. »Genial? Sagt, dass das genial ist!«

Unterdessen wartet man in der Pension gespannt auf die weltberühmte Punkrockband Die toten Tauben, der drei verdreckte Krähen angehören und die im Gemeindehaus spielen soll. Olli ist weiterhin mit dem Kabeljausalon zugange. »Das wird einer der schönsten Tage meines Lebens. Ja, Klein Olli! (…) Dass ich einen dicken Kabeljau quer durch den Garten und an der Hauswand hochpumpen werde.«

Schließlich geht alles gut. In der Wanne bemerkt der Kabeljau: »So ist das also in einem Hotel? Das muss ich den Jungs erzählen. Was für schöne Farben, meine Fresse.« Helge lebt sich sofort ein, spuckt ab und an eine Goldmünze aus und wird ad hoc fernsehsüchtig. Cowboyfilmchen mag er besonders gerne.

Mittlerweile treffen immer mehr Tiere aus der gesamten Umgebung ein, die zum Konzert wollen. Samson und Roberto machen letzte Besorgungen im Krämerladen von Herrn von Strauß, einem Zigarre paffenden Storch mit dickem Monokelglas, und erzählen ihm die unglaubliche Geschichte von Helge und Ollis Pumpe.

Herr von Strauß hingegen weiß zu berichten, dass die Goldmünzen von einer vor 250 Jahren im Fjord gesunkenen englischen Galeasse stammen, während Helge in seiner Wanne von einem Schwarm von kleinen Seelachsen überfallen wird. Auch sie werden sofort fernsehsüchtig, dann aber auch schon ganz schnell wieder in den Fjord gekippt. In den Untiefen werden Gerüchte über Zimmer Nummer 7 in Umlauf gebracht. Olli muss definitiv nachbessern.

Die toten Tauben entpuppen sich dann als gar nicht so gemeingefährlich wie befürchtet. Ihr Zerstörungswerk hält sich in Grenzen, und das Konzert im Gemeindehaus führt zu wüsten gemischtgeschlechtlichen Verbrüderungsszenarien zwischen Elchen, Lemmingen, Spitzmäusen, Bibern, Mardern und was gerade so herumfleucht. Zum Star des Abends avanciert Godfather Helge, der aus seiner Bühnenwanne heraus den lebenden Bass macht: »E-Badewanne mit lebendigem Basskabeljau.« Helge wird sofort von den Tauben engagiert. Unglaublich.

Ein wundervolles, brüllend komisches Kinderbuch, dass die kleinen Blagen nicht veräppelt sondern ernst nimmt. Überdies formidabel illustriert von dem mehrfach mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Peter Schössow aus Hamburg. Denn Ambjørnsen, der mit seinen »Elling«-Romanen weltbekannt wurde, lebt da schon seit Ewigkeiten.

»Ist es nicht komisch, so eine Pension zu haben?«, fragte Roberto, als er und Samson unter die Decke krochen.

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