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Welche Farbe hatten die 70er?

»Die Welt, die meine war. Die siebziger Jahre«: Ketil Bjørnstad setzt seine Mammut-Autobiografie fort

Ketil Bjørnstad ist so etwas wie ein musisch-literarisches Universalgenie im norwegischen Kulturbetrieb. Mit »Die siebziger Jahre« setzt er seine Roman-Biografie fort, nachdem er »Die sechziger Jahre« schon hinter sich gelassen hat.

Ketil Bjørnstad: Die Welt, die meine war. Die siebziger Jahre.
Aus dem Norweg. v. Gabriele Haefs, Kerstin Reimers, Andreas Brunstermann und Nils Hinnerk Schulz. Osburg, 770 S., geb., 26 €.

Bjørnstad hat seine Mammut-Autobiografie auf sechs Teile für sechs Jahrzehnte angelegt - sie soll Entwicklungsroman und Zeitporträt in einem sein. Wieder sind hier die Zeitereignisse statistisch genau aufgelistet und mit Persönlichem und Intimen in eins verflochten.

1968 erlebte der 16-jährige Pianist Ketil Bjørnstad seine Initiation ins Künstlerleben, als er mit der Osloer Philharmonie Béla Bartók spielte. Abschließend probierte er verschiedene künstlerische Wege aus, im Pendeln zwischen den Genres, besser gesagt: genreübergreifend. Denn Ketil Bjørnstad ist Schriftsteller, Dichter, Jazzpianist und Komponist.

Sogartig zieht er den Leser in seinen Roman und schildert eine Welt voller Spannungen, Aufbrüche und Widersprüche. Es sind die Jahre der Proteste gegen den Vietnamkrieg, es ist die Zeit der Blumenkinder und »der großen Befreiung im Schatten des Kalten Krieges«; Jahre der Happenings, Skandalkonzerte und großen Festivals, bei denen die Frauen ihre Brüste entblößten und alles möglich schien - in Norwegen und anderswo.

Bjørnstad hört erstmals zu Beginn der 70er einen Popsong mit der Liedzeile: »Die Welt, die meine war«. Er wird ihn lebenslang begleiten. Es ist ein melancholisches Lied des Abschieds von einer Frau und einer Zeit. Da hat sein »Weg von der klassischen Musik in der Aula der Universität zu den dunklen Kellern« (so Bjørnstad in der Einleitung zu »Die sechziger Jahre«) schon begonnen; ihm begegnen Miles Davis, Keith Jarrett und viele anderen Jazz-Größen, Rocker und Rebellen. Er wird zum Teilhaber und Schöpfer moderner zeitgenössischer Musik.

1972 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband - und nach dem zweiten den ersten Roman (»Nattsvermere«), dem künftig fast jährlich ein weiterer folgen wird - inzwischen sind es fast 40 Bücher. Und dann sind da auch noch die Liebesbeziehungen zu den »Traumfrauen«, die Aimée, Chris und Ida heißen. Sie treten in sein Leben ein, kommen und gehen wieder. Mit einer Weberin, die hier nur »Die Andere« heißt, zieht er in einen kleinen Fischerort auf einer Insel an der Südküste Norwegens.

Dieses Sandoya wird Rückzugs- und Schreibort, Oslo aber bleibt das Tor zur Welt. Wie viel Romanhaftes, so fragt man sich, ist in diesen Erinnerungen an traumhafte Spaziergänge an der Meeresküste und in den verschneiten norwegischen Wäldern? Trotz allem: Es bleibt »die Unzuverlässigkeit der Idylle.«

Der Autor hat im ersten Band den jeweiligen Jahrzehnten verschiedene Farben zugeordnet: Die 60er Jahre waren gelb. Und wie sind die 70er? Blau-Grau.

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