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Ein ansteckender Präsident

Die Französin Bérengère Viennot hat die Sprache des Donald Trump seziert

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Angst, Lachen und Gähnen stecken an. Leider auch Krankheiten. Dann geht es darum, Ansteckungsquellen zu meiden. Letzteres ist oft leichter gesagt als getan, wie jeder weiß, der in der Grippezeit am liebsten auf überfüllte S-Bahnen verzichten würde, aber zur Arbeit muss. Donald Trump, einem anerkannten Ansteckungsherd, möchte man nicht begegnen. Und doch kann man ihm nicht ausweichen. In den Medien, auch in den angeblich sozialen - über die er 100 Millionen Menschen erreicht - ist er zum ansteckenden Mann geworden.

Bérengère Viennot: Die Sprache des Donald Trump.
A. d. Franz. v. Nicola Denis. Aufbau, 154 S., geb., 18 €.

Die Französin Bérengère Viennot arbeitet vor allem als Übersetzerin von Trumps Reden ins Französische. Sie ist fassungslos über dessen Sprache. Vor, zweieinhalb Jahren hätte man beim Titel ihres Essays noch aufgehorcht. Heute hat man sich an Trump gewöhnt - an seine Entgleisungen gegenüber Frauen und Fremden, seinen Rassismus und Brutalismus. Die Gewöhnung hat Abstumpfung, gleichsam Normalisierung des Anormalen erzeugt. Schon das ist keine kleine Ansteckungsfolge.

Trumps Besonderheiten werden über seine Körpersprache transportiert und natürlich über das gesprochene Wort. Da der Mann bis auf Weiteres Präsident der USA ist, sollten wir zuallerletzt gleichgültig gegenüber seiner Sprache sein. Oder wie Viennot in ihrem geistreichen Büchlein schreibt: »Ein Präsident, nach dessen Über-Ich man vergeblich sucht, sobald er den Mund aufmacht, ermuntert seine gewaltbereitesten Mitbürger zwangsläufig dazu, ihren Instinkten freien Lauf zu lassen.«

Die Autorin beginnt mit den Schwierigkeiten, Trumps Äußerungen exakt zu übersetzen. Dolmetscher, die die flüssigen Äußerungen seines Vorgängers Barack Obama als wohltuend empfanden, seien bei Trump auf abschüssigem Terrain gelandet. »Ein Paradox, denn wenn man Trumps Aussagen liest oder hört, hat man selbst mit nur rudimentären Englischkenntnissen das Gefühl, alles zu verstehen. Sein Wortschatz ist unfassbar schlicht, die Sätze sind kurz, wenn nicht abgehackt, und die Syntax ist, je nach Tagesform, ein Kapitel für sich.«

Viennot, die als Mutter eines legasthenischen Kindes beim US-Präsidenten nicht nur erkennbare Aufmerksamkeitsstörung, sondern auch leichte Legasthenie wahrnimmt, seziert dessen erstes offizielles Interview nach der Wahl zum Präsidenten der USA. Er gab es der von ihm hassgeliebten »New York Times« Ende November 2016, im Intermezzo zwischen Wahl und Amtsantritt. Es bot einen Vorgeschmack darauf, wohin die Reise sprachlich mit dem kommenden Staatsmann gehen würde. Satzsteinbruch, Primitivvokabular und ewige Wiederholungen. In jenem Interview begegnete der Übersetzerin zum Beispiel 41-mal das Wörtchen »great«, Trumps Lieblingsvokabel, 25-mal das Verb »win« (siegen) und siebenmal »tremendous« (ungeheuerlich, kolossal).

Viennot schildert auch andere Phänomene, etwa Trumps Verweigerung jedes Lernprozesses: »Ich spreche vor allem mit mir selbst, weil ich ein sehr gutes Gehirn habe.« Für die Autorin besteht das Problem nicht in vermeintlicher Dummheit, sondern in der mangelnden intellektuellen Neugier bei Trump. Sie verbindet ihre Beispiele mit der Frage, was die Verrohung seiner Art zu sprechen über den Zustand seines Landes aussagt und welche Wirkungen daraus nach innen wie außen eingetreten bzw. zu erwarten sind.

Viennot mahnt, Trump genau zuzuhören, »weil er ansteckend wirkt: In Brasilien, in Ungarn, in der Türkei, in Italien und in Österreich nimmt die Gewalt der Worte und Taten immer weiter zu. Und genau in diesen Ländern, die sich aufgrund der geschichtlichen Lektionen für immun halten, schauen und horchen immer mehr Bürger auf und in die Vereinigten Staaten von Amerika - und damit auf die Sprache von Donald Trump.« Warum nur nannte Bérengère Viennot in ihrer Aufzählung nicht auch Deutschland?

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