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Ein sanfter Freiheitskämpfer

Lou Marin stellt Mahatma Gandhi als einen Anarchisten der anderen Art vor

Der Titel macht neugierig: Mohandas Karamchand Gandhi ein Anarchist? Seine Rede zur Einweihung der Hindu-Universität von Benares am 6. Februar 1916, in dem von Lou Marin herausgegebenen Band erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht, ist titelgebend.

Lou Marin: Gandhi. »Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art«.
Graswurzelrevolution, 137 S., br., 13,90 €.

Beim Festakt, auf dem auch der britische Vizekönig anwesend war, nannte Gandhi es »beschämend«, zu seinen Landsleuten in einer Sprache sprechen zu müssen, die ihm und ihnen fremd war. Der studierte Jurist, der gerade aus Südafrika zurückgekehrt war, wo er sich erste Sporen als Anwalt verdient hatte und politisiert worden ist, sprach weiter Klartext: »Kein Papier, keine Deklaration wird uns je Selbstregierung bescheren.« Diese müssten sich die Inder selbst erstreiten. Sein Hinweis, »dass das heutige Indien in seiner Ungeduld eine Armee von Anarchisten hervorgebracht hat«, kam einer Drohung an die Kolonialmacht gleich. Einer Kampfansage seine Worte: »Lasst uns frei und offen sagen, was immer wir unseren Regierenden sagen wollen, und lasst uns den Folgen entgegensehen, wenn es ihnen nicht gefällt.« Und dann schließlich das frappierende Bekenntnis: »Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art.«

In einem Artikel für die Zeitung »Young India« vom 2. Juli 1931 unter der Überschrift »Macht ist keines unserer Ziele« berief sich der sanfte Freiheitskämpfer auf die vitale Kraft von »Satyagraha«, sein schon in Südafrika entwickeltes Konzept der Gewaltlosigkeit. Es wurde zur Losung für Millionen Inder im Ringen um Unabhängigkeit. Unvergessen der Salzmarsch der Hunderttausenden von Ahmedabad nach Dandi gegen das britische Salzmonopol im März/ April 1930, zu dem Gandhi als Kampagne des zivilen Ungehorsams aufgerufen hatte.

Das dritte hier abgedruckte Dokument, ein am 28. August 1940 in der Zeitung »Haraijan« veröffentlichtes Interview, offenbart die Vielfalt gewaltfreier Aktionen, die Gandhi im politischen wie privaten Bereich zur Erlangung von Selbstbestimmung, Emanzipation und Freiheit vorschwebten. Es muss ihn zutiefst geschmerzt und entsetzt haben, als unmittelbar nach der Ausrufung der Unabhängigkeit, mit der Teilung des Subkontinents in zwei Staaten, Indien und Pakistan, mörderische Gewalt zwischen Hindus und Muslims ausbrach.

Ein halbes Jahr später, am 30. Januar 1948, wurde der Friedensstreiter und Friedensstifter selbst Opfer von Hass - erschossen von einem fanatischen Hindu.

Den Selbstzeugnissen Gandhis lässt Lou Marin einen Exkurs über den Anarchismus in Indien folgen. Zwei Strömungen standen sich gegenüber: zum einen jene in europäischer Tradition mit gewaltsamen Attentaten, zum anderen die indigene, die durchaus auch an amerikanische und europäische Vorbilder anknüpfte, etwa an Henry David Thoreau oder den Russen Leo Tolstoi, mit dem Gandhi in Briefwechsel stand. Gandhis Anarchismus, so der Herausgeber und Autor dieses Bandes, sei nie rein religiös motiviert gewesen, wie hierzulande vielfach vermutet.

»Es geht nicht darum, Gandhi als Heroen darzustellen«, schreibt Lou Marin - und jeder, der sich in der Biografie des Mahatma (Große Seele) einigermaßen auskennt, weiß, dass dieser in der Jugend ziemlich über die Stränge schlug. Lou Marin verteidigt seinen Protagonisten aber gegen Rassismusvorwürfe bezüglich dessen Einstellung zum Zulu-Aufstand 1906 in Südafrika, als dieser in einem Sanitätskorps diente. Nelson Mandela habe Gandhi stets als Inspiration im antirassistischen Kampf gewürdigt. Und: In Gandhis Ashrams lebten Hindus, Muslims, Buddhisten, Sikhs und Juden friedlich zusammen. Lou Marin wehrt ebenso Antisemitismusanschuldigungen ab, die mitunter gegen Gandhi erhoben wurden. Gemeinsam mit Jawaharlal Nehru habe er in Europa von den Nazis verfolgte Juden in Indien Zuflucht gewährt.

Das verdienstvolle, vollauf gelungene Anliegen von Lou Marin ist es, Gandhis gewaltfreien Widerstand als Vorbild für heutige Kämpfe, sei es gegen Kriege und Kriegsgefahren, sei es gegen soziale Missstände, zu aktivieren.

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